Die Drei von der Reichstagstreppe

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Beitrag: Saul Drexler

Deutschland hat endlich wieder Helden, die keine Fußballer sind, und auch nicht aus der sonstigen Sportszene kommen. Eigentlich unglaublich! Denn auf welchem Felde kann man heute sonst heroische Taten vollbringen? Wir wissen es jetzt:    Auf der Reichstagstreppe, wo es so deutsch ist, dass es nach Sauerkraut riecht! 

Das ist kein Treppenwitz der Geschichte: Drei unbewaffnete Polizisten stellten sich wilden Kohorten von Demonstranten entgegen und verteidigten heldenhaft das  „Herz der Demokratie“, unser Parlament. Wie in einem Fußballstadion übertrug das Fernsehen den Kampf, der mit dem Sieg der drei Siegfriede endete.                                                                     

Hurra!

Der frevlerische Versuch, diese Echo-Kammer des Volkes zu entweihen, erweckte bei allen billig und gerecht Denkenden helle Empörung. Der präsidiale steinerne Meier führte den Chor der staatsmännischen Ansprachen an. Doch inmitten des obrigkeitlichen Gewitters und im Sog des Absoluten hymnischer Beschwörung deutscher Werte vernahm manches Sensibilchen Töne, die irgendwie nicht so recht in diese Brunftschreie der obrigkeitlichen Bedenkenträger passten: Knallen von Sektkorken, Jubel und sonore Gratulationen, die aus fernen Amtsstuben drangen. Was gab es da zu feiern? Und leise, aber beharrlich wisperte es:

Glaubst Du wirklich, dass die Ordnungskräfte dümmer waren, als die Polizei erlaubt? Wie konnten sie den Reichstag ungeschützt lassen, sodass es den Demonstranten leicht war, dort die Bauzäune zu überwinden und die Reichstagstreppe zu besetzen? .War das etwa  gar gewollt, gewissermaßen eine Sollbruchstelle für einen finsteren Zweck?…

Jetzt dämmert es dem Nachdenklichen, der sich nicht von pompösen nationalen Parolen zu dröhnen lässt: In der Führungsetage der Polizei feiern die Offiziere den gelungenen Coup, die erfolgreiche Manipulation der Demonstration. Die strategische Planung, hier also das prospektive Kohorten-studium, ähnelte der eines Schachspiels: Es wird ein vergiftetes Opfer, ein Gambit dem Gegner angeboten. Nimmt dieser es an, so ist meist die Partie verloren. Und so sind die Demonstranten in die aufgestellte Falle geraten, indem sie die vermeintliche Schwachstelle am Berliner Reichstag nutzten und das Areal besetzten. Infiltriert von V-Leuten hisste die Menge die Reichskriegsflagge, Fahnen des Kaiserreichs und sonstige Embleme. Der Dummheit gab man so Gelegenheit, sich zu manifestieren.

Nun war Schluss mit Lustig! Eine Hundertschaft von Polizisten tauchte  mit hurtigen Schenkeln wie aus dem Nichts auf und machte dem Spuk ein Ende. Die Obrigkeit hatte also die Lage schon im Griff, bevor sie überhaupt eingetreten war. Denn die Wirklichkeit ist so gesehen antinomistisch. Diese Inszenierung desavouierte die gesamte Demonstration. Ein voller Erfolg!

Jetzt wurde endlich deutlich: Die Querdenker-Bewegung ist mit Rechtsradikalen gewissermaßen viral kontaminiert. Also müssen die alle in Quarantäne, am besten hinter Schloss und Riegel. Und mit kathedralischem Pathos lasst uns alle singen:

„Lieb Vaterland, magst ruhig sein. Fest und sicher steht die Wacht, auch wenn es in des Reichstags Fundamenten kracht…“

Denn „es ist Ausdruck schwarzen Humors an sich, Deutscher zu sein“. (Niavarani, österreichischer Kabarettist mit persischen Wurzeln). Nach seiner widerspenstigen Zähmung fragt der arrestierte Demonstrant den Verhörbeamten lächelnd:

„Ist es in Ordnung, wenn ich für möglich halte, dass Sie dies alles für uns getan haben?“

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