Probleme u. Verzweigungen jüdischer Identitätspolitik- Gastbeitrag v. Gilad Atzmon

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Gilad Atzmon ist in Musik und Wort ein aufrechter Kämpfer, der für das Recht jedes Menschen einsteht, seine eigene Sicht der Dinge darzulegen. So wie er dies selbst auch tut. Und gerade da, wo mit Tabus gemauert- oder mit wirtschaftlichem Druck, Ächtung und Strafe gedroht wird. Aus scheinbar weit verästelten geschichtlichen Zusammenhängen arbeitet er jenen metaphysischen Abgrund klar und verständlich heraus, der sich für uns Alle auftut, wenn die Hintergründe der sog. „politisch korrekten Sprache“ (und Denken) im Verborgenen blieben. Deren „Tolerieren“ ist es, das uns schließlich in eine zunehmend gleichgeschaltete und zombifizierte Welt hinein treibt, in der eine staatlich orchestrierte „Zivilgesellschaft“ – Vielfalt schreiend – als einfältiges und inhaltsleeres Konstrukt übrigbleiben könnte.

In „Probleme und Verzweigungen jüdischer Identitätspolitk“ fasst er jene Reaktionen auf seine Bücher „the wandering who“ und „being in time“ zusammen, die international für Furore sorgten. In der BRD, die inzwischen in historischer- also zeitgeschichtlicher „Debatte“ einer geschlossenen Anstalt gleicht, wird der scharfsinnige Kritiker der mit seinem Humor noch vertrocknete Engelszungen wieder mit Geist benetzt, kaum wahrgenommen. Besser: Er wird regelrecht verteufelt. Mögen der Sage nach Teile eines bestimmten Stammes mit Posaunenklängen und psychologischer Kriegsführung Mauern zum Einsturz gebracht haben, um ihr Gemetzel zu erledigen und das Gold ihrer Opfer zu rauben… Allein, er hält mit seinen fulminanten Saxophonklängen dagegen, damit sich die Schleier jener Geschichten lüften die uns zum Narren halten. Als Künstler spielt er gegen ein „marodes mauern“ an, auf dass die sphärisch verstummte, also politisch korrekte Sprache, wieder in ein gehobenes lautwerden von Wahrheit zurückfinde. Dort braucht es jenes Herumposaunen nicht mehr, das nur heiße Luft in den Wind setzt.




My struggle: The problems and ramifications of Jewish identity politics
engl. Version in: Redress Information & Analysis | von: GILAD ATZMON 
mit freundlichem Einverständnis des Autors

Ich habe meine Studie über das Judentum vor zwei Jahrzehnten begonnen. Sie begann als Folge meiner Reaktion auf die unerbittlichen Angriffe auf jüdische Dissidenten, die nicht in die „revolutionäre Agenda“ der so genannten jüdischen „antizionistischen“ Linken passten. Ich begriff schnell, dass es eigentlich die jüdische Linke, die Radikalen und Progressiven, waren, die die problematischsten Züge im Zusammenhang mit dem Zionismus und dem jüdischen Identitarismus aufwiesen.

Ich war verblüfft: Dieselben Leute, die an der Stammespolitik festhalten und in rassisch getrennten politischen Zellen arbeiten, predigen anderen den Universalismus. Ich verstand, dass nichts über die jüdische Kultur und den jüdischen Identitarismus transparent oder offensichtlich war, und dass dies beabsichtigt war. Ich beschloss, das jüdische Rätsel aus einer neuen Perspektive zu entwirren: Anstatt zu fragen, wer oder was Juden sind, fragte ich, woran diejenigen, die sich selbst als Juden identifizieren, glauben, an welche Gebote sie sich halten. Diese Frage war der Beginn meines Kampfes.

Als ich – The Wandering Who – 2011 veröffentlichte veröffentlichte, wurde mir klar, dass sich diejenigen, die sich als Juden identifizieren, in drei nicht- exklusive Kategorien einteilen lassen: (1) Diejenigen, die der Thora und Mitzwa folgen; (2) Diejenigen, die sich mit ihrer jüdischen Abstammung identifizieren; und (3) Diejenigen, die sich politisch als Juden identifizieren. In – Der Wandernde Wer? – argumentierte ich, dass die erste und die zweite Kategorie harmlos sind, während die dritte Kategorie immer durch biologischen Determinismus durchsetz ist. Die dritte Kategorie ist in der Tat durch und durch rassistisch. Während Juden nicht unbedingt eine Rasse sind, ist die jüdische Politik allzu oft rassistisch orientiert. Dies gilt sowohl für Zionisten als auch für die so genannten „Anti“-Zionisten. In meiner Arbeit gibt es keinen wirklichen Unterschied zwischen jüdischen Zionisten und ihren jüdischen Dissidenten. Ich habe sie als gleichermaßen rassistisch empfunden.

Aus diesem Ansatz lässt sich mehr ableiten. Es ist offensichtlich, dass nicht viele die sich selbst als Juden identifizieren ausschließlich in eine der Kategorien fallen. Jüdische Identität ist ein vielschichtiges Konstrukt. Ein Siedler aus dem Westjordanland beispielsweise ist gewöhnlich ein Anhänger von Torah und Mitzwa (Kategorie 1), meistens spricht er/sie im Namen seiner/ihrer jüdischen Abstammung und behauptet sogar, er/sie stamme von biblischen Figuren ab (Kategorie 2). Und es versteht sich von selbst, dass ein jüdischer Siedler im Westjordanland sich als Jude identifiziert und politisch als solcher handelt (Kategorie 3). Überraschenderweise ist ein Aktivist von Jewish Voices for Peace (JVP) in Brooklyn nicht allzu anders. Er oder sie hält sich vielleicht nicht an die Thora, identifiziert sich aber wahrscheinlich ethnisch als Jude (Kategorie 2) und handelt politisch sicherlich als Jude (Kategorie 3).

Seltsamerweise machte sich niemand die Mühe, einen Fehler in meiner Arbeit zu finden oder darauf hinzuweisen, ob meine Argumente fehl gehen. Niemand behauptete, dass die Fakten, auf die ich mein Argument stützte, ungenau seien. Sowohl Zionisten als auch Antizionisten haben jeden Trick in ihrem Hasbara-Kompendium angewandt, um mich zum Schweigen zu bringen.

In – The Wandering Who? – argumentiere ich; wenn der Zionismus eine rassistische Ideologie ist, dann sind jüdische Antizionisten mindestens ebenso schuldig an demselben Verbrechen. Tatsächlich ist in der israelischen Knesset die drittgrößte Partei eine palästinensische Partei. Machen sie die „Goy [nichtjüdische] Test“: Versuchen Sie herauszufinden, wie viele Palästinenser oder Nichtjuden im Vorstand der JVP sind, oder unter der Britisch-Jüdischen Stimme für die Labour Partei. (die nicht einmal Nichtjuden als gleichberechtigte Mitglieder akzeptiert). Unnötig zu sagen, dass diese Beobachtung mich nicht überwältigend populär unter Zionisten und den sogenannten „Anti“-Zionisten gemacht hat.

Am Tag der Veröffentlichung von – The Wandering Who? – brach die Hölle los. Was als Kampf um die Suche nach der Wahrheit oder zumindest etwas Verständnis begann, entwickelte sich zu einem blutigen Krieg. Merkwürdigerweise machte sich niemand die Mühe, einen Fehler in meiner Arbeit zu finden oder darauf hinzuweisen, wo mein Argument fehl ging. Niemand behauptete, dass die Fakten, auf die ich meine Argumentation stützte, ungenau seien. Sowohl Zionisten als auch Antizionisten haben in ihrem Hasbara-Kompendium jeden Trick angewandt, um mich zum Schweigen zu bringen. Man nannte mich einen Rassisten, einen Antisemiten und einen Nazi, obwohl meine gesamte Arbeit antirassistisch ist und dem jüdischen Rassenargument widerspricht.

Seit 2011 bin ich einer feigen Hetzkampagne ausgesetzt. Aber der gegen mich geführte Krieg hat mir tatsächlich geholfen, meine Ansichten über die jüdische Identitätspolitik zu verfeinern. Mir wurde klar, dass Jewishness (yehudiyut) eine Vielzahl verschiedener Formen von „Auserwähltheit“ ist. Rabbinerjuden feiern, dass sie Gottes Lieblingskinder sind. Atheistische Juden haben in der Praxis den Gott, der sie zuerst auserwählt hat, fallen gelassen, um ihre eigene Überlegenheit als gottloses Volk zu bestätigen. Jüdische Marxisten zeichnen sich durch ihren Glauben an die Gleichheit aus. Tikun-Olam-Juden glauben, dass es an ihnen liegt, die Gojim [Nichtjuden] zu retten. Nach ein paar weiteren Jahren dieser Studie wurde mir klar, dass das Judentum nur eine jüdische Religion unter vielen ist und nicht einmal die populärste jüdische Religion ist.

Der große israelische Philosoph Yeshayahu Leibowitz hat in den 1970er Jahren herausgefunden, dass die Juden zwar viele Religionen und Überzeugungen vertreten, aber alle Juden an den Holocaust glauben. Es war diese Beobachtung von Leibowitz, die den Begriff der Holocaust-Religion begründete. Als ich – Being in Time – schrieb, wurde mir klar, dass praktisch jedes Gebot zu einer jüdischen Religion werden kann, solange es ein klares Konzept von Auserwähltheit, der Selbstliebe oder der Selbstbestätigung aufrechterhält.

Juden mögen diejenigen nicht, die den Stamm verlassen… Für Juden ist der ehemalige Jude oder Ex-Jude höchstwahrscheinlich eine Bedrohung, weil sich viele Juden in Bezug auf den ethischen Grund ihrer Kernüberzeugungen, Kultur und Ideologie unsicher fühlen können.

Der französische Psychoanalytiker Jacques Lacan enthüllte, dass das „Unbewusste der Diskurs des Anderen ist“ – die Angst, dass die tiefsten Geheimnisse enthüllt werden und in den öffentlichen Diskurs eindringen könnten. Das jüdische Unbewusste ist in lakanischer Sprache die Angst, dass die „Gojim wissen“. Ihre Qual besteht darin, dass die Menschen „da draussen“ anfangen werden, sich darüber zu unterhalten, was sich vor ihren Augen abgespielt hat: ob es sich um die Dominanz der AIPAC [American Israel Public Affairs Committee] in der US-Außenpolitik handelt oder um die Zerstörung der Labour Party oder die ständige Bedrohung des Weltfriedens durch Israel und seiner Lobby.

Nach ihren verzweifelten Versuchen zu urteilen, mich zum Schweigen zu bringen, gehe ich davon aus, dass ich, zumindest in den Augen meiner jüdischen Verleumder, als ein wesentlicher Hinweisgeber für dieses sich ständig erweiternde allgemeine Bewusstsein gesehen werden muss – schließlich enthülle ich schon eine ganze Zeit lang.

Juden mögen diejenigen nicht , die den Stamm verlassen. Jesus bezahlte einen Preis, ebenso wie Uriel da Costa und Baruch (Benedikt) de Spinoza. Für Juden ist der ehemalige Jude oder Ex-Jude höchstwahrscheinlich eine Bedrohung, weil sich viele Juden in Bezug auf den ethischen Grund ihrer Kernüberzeugungen, ihrer Kultur und ihrer Ideologie unsicher fühlen können. Aufgeklärte jüdische Progressive sind wahrscheinlich klug genug, um sich einzugestehen, dass es problematisch ist in eine rassistische Vormachtstellung der Auserwähltheit hineingeboren zu werden. Ehrliche Juden haben vielleicht erkannt, dass es eigentlich lustig ist, von einem Gott auserwählt zu werden, den man selbst erfunden hat, um sich gegenüber dem Rest der Menschheit zu begünstigen. Orthodoxe Juden verstehen, dass große Teile ihrer Kernüberzeugungen nicht mit der westlichen universellen humanistischen Tradition übereinstimmen. Viele Zionisten wissen, dass ihre Ansprüche auf ein historisches Recht auf ein Land, in dem sie nie gewesen sind, lächerlich sind.

Die jüdische Strategie zum Umgang mit ihren Ängsten beinhaltet die Unterdrückung elementarer Freiheiten: Jüdische Macht, wie ich sie definiere, ist die Macht, Kritik an der jüdischen Macht zu unterdrücken. Ich glaube, dass ich es war, der den Slogan „Wir sind alle Palästinenser“ geprägt hat. Gemäß meiner Definition von jüdischer Macht sind Palästinenser diejenigen, die nicht einmal den Namen ihres Unterdrückers aussprechen können. Während Israel sich selbst den jüdischen Staat nennt und sich als jüdisch rühmt, gehen die Palästinenser und ihre Solidaritätsbewegung dem „J-Wort“ aus dem Weg. Als die britisch-jüdischen Institutionen, einschließlich des Oberrabbiners und der britisch-jüdischen Presse, der britischen Labour-Partei und ihrem Führer einen offenen Krieg erklärten, wagte es niemand in der Labour-Partei, das „J-Wort“ auszusprechen, es sei denn, er bittet um jüdische Vergebung. Der Zustand, Palästinenser zu sein, seinen Unterdrücker nicht benennen zu können, ist heute ein globales Symptom. Diese Unterdrückung des Sprechens und Denkens hat sich zu einer Tyrannei der Korrektheit entwickelt.

Meine Auseinandersetzung, so wie ich diese jetzt verstehe, hat sich zu einem metaphysischen Kampf entwickelt, um Athen wieder in meiner Seele zu verankern. Wenn Sie den Westen wieder groß machen wollen, dann ist dieser Kampf auch der von Ihnen. Widersetzen Sie sich Jerusalem, sagen Sie Nein zum Autoritarismus, nehmen Sie Athen in Ihr Herz auf: Lernen Sie, Ihre Meinung zu sagen, sagen Sie die Wahrheit, wie Sie sie sehen, und tragen Sie die Konsequenzen.

Als ich Being in Time schrieb, verstand ich, dass mein Kampf Auswirkungen hat, die weit über meine ursprünglichen intellektuellen Ziele hinausgehen. Was wir als „westliche Spezies“ vor uns haben, ist ein massiver Kampf zwischen Athen und Jerusalem, wo Athen die Geburtsstätte des westlichen Denkens und Jerusalem die Stadt der Offenbarung ist. Athen lehrt uns das Denken, Jerusalem verlangt unseren Gehorsam.

Die westlichen humanistischen- und geistigen Werte, sind uns heute nostalgisch geworden, es ist das, was aus Athen kam: Demokratie, Toleranz, Redefreiheit, Philosophie, Agora [der öffentliche Raum für Debatten], Wissenschaft, Ethik, Poesie und die Tragödie. Jerusalem gab uns Gesetze, Mitzwa und ein Regime von vorgeschriebenem und verbotenem Verhalten. Athen lehrt uns, ethisch zu denken: In Jerusalem wird die Ethik durch die Zehn Gebote ersetzt, Regeln, die man befolgen muss. Jerusalem ist nicht nur eine „jüdische Domäne“. Die Jerusalemisierung unseres Universums zeigt sich in jedem Winkel der Gesellschaft: von der Popkultur über den Arbeitsplatz bis hin zur Wissenschaft und darüber hinaus. Sie ist die Tyrannei der Korrektheit, die von der neuen Linken übernommen wurde, und sie ist mindestens ebenso ansteckend innerhalb des rechten Identitarismus.

Mein Auseinandersetzung, so wie ich sie jetzt verstehe, hat sich zu einem metaphysischen Kampf um die Wiedereinführung Athens in meiner Seele entwickelt. Wenn Sie den Westen wieder groß machen wollen, dann ist dieser Kampf auch der von Ihnen. Widersetzen Sie sich Jerusalem, sagen Sie Nein zum Autoritarismus, nehmen Sie Athen in Ihr Herz auf:

Lernen Sie, Ihre Meinung zu sagen, sagen sie die Wahrheit, wie Sie sie sehen, und tragen sie die Konsequenzen.

GILAD ATZMON



Einführung, Hervorhebung Text und Übersetzung
Hubert Bergmann


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