Essay

Die seidene Schnur – oder: Von der Last der Verantwortung

Am 25. Dezember 1683, zur Stunde des Mittagsgebets, bekam der Großwesir Kara Mustafa Besuch vom Janitscharen-Aga und anderen Würdenträgern aus Konstantinopel. Im Namen des Sultans zeigten sie ihm eine seidene Schnur. Da wusste er, dass es Zeit war zu sterben, und er hob selbst seinen Bart, damit der Henker ihm die Schlinge um den Hals legen konnte.

So lautet die Legende. Die seidene Schnur war wohl eher ein Strick und die Erdrosselung des einst allmächtigen Großwesirs ein politisches Komplott. Aber das ändert nichts: Mit seinem halb freiwilligen Tod übernahm Kara Mustafa die alleinige Verantwortung für das desaströse Scheitern der Belagerung Wiens, das er durch schwere militärische Fehler verschuldet hatte.

Im zivilisierten 21. Jahrhundert müssen diejenigen, die über die Geschicke der Menschen bestimmen, nicht mehr so schnell um ihr Leben fürchten. Trotzdem hadern sie mit der Last der Verantwortung für Fehlverhalten, die sie spitzfindig in eine „rechtliche“ und eine „moralische“ spalten und am liebsten auf Untergebene abwälzen. Wie das funktioniert, hat neulich der Kölner Kardinal Woelki der erstaunten Christenheit vor Augen geführt. Der Mann mit dem asketisch-hageren Gesicht eines ewigen Seminaristen vertritt eine innerlich verfaulte Institution, die jahrhundertelang mit ihrem Schreckensnarrativ von Hölle und Verdammnis Seelen und Hirne beherrschte und mit ihr Anvertrauten Schindluder trieb. Da ihm ein erstes Gutachten über Missbrauchsfälle im fettesten Bistum Deutschlands nicht behagte, gab der Kardinal ein zweites in Auftrag, das ihm persönlich den erwünschten Persilschein ausstellte, obwohl er etliche Jahre „Geheimsekretär“ seines Vorgängers, des skrupellosen Geheimniskrämers Joachim Meisner, gewesen war. Dieser reaktionäre Gotteskrieger sah sexuellen Missbrauch vor allem als Verstoß gegen den Zölibat und die Täter als „Brüder im Nebel“, die das Wort des Herrn Jesus „Lasset die Kindlein zu mir kommen“ vielleicht etwas überinterpretiert hatten. Für den kölschen Sumpf aus Vertuschung und Lüge räumte Woelki eine „moralische“ Verantwortung ein, „rechtlich“ aber sei ihm nichts vorzuwerfen. Das Procedere ist nicht nur in der katholischen Kirche, sondern auch in Politik und Wirtschaft weit verbreitet: Zwei oder drei subalterne Köpfe rollen, der oder die Hauptverantwortliche bleibt jedoch im Amt, denn ein Rücktritt wäre ja eine Flucht, viel zu einfach und ganz falsch – also eigentlich unverantwortlich! So zieht man sich verantwortungsvoll aus der übelsten Affäre – und rettet en passant seine Altersversorgung.

Nun könnte man froh sein, dass wenigstens auf das Pfaffengeschwätz kaum noch jemand hört. Leider haben in der gegenwärtigen Gesundheitsdiktatur die Quacksalber den Platz der Pfaffen eingenommen. Die Ärzteschaft genießt eine quasi-religiöse Autorität und schürt, um diese zu festigen, die Angst vor dem Virus mit immer gefährlicheren Mutationen, die stets im richtigen Moment auftauchen. Grundsätzlich kurz vor dem Zusammenbruch stehende Intensivstationen werden mit ihren Folterinstrumenten zu Sinnbildern der Corona-Hölle. Virologen fordern die pandemiemüde und darum sündige Menschheit zur Umkehr auf, drohen mit Wegsperren sogar tagsüber, verlangen ultimativ den totalen Lockdown. Wer Leben erhalten zu wollen vorgibt, kann sich jede lebensfeindliche Idiotie erlauben. SPD-Schattengesundheitsminister Karl „Kassandra“ Lauterbach liefert dafür täglich auf allen Kanälen den besten Beweis. Aber unser Land leistet sich auch immer noch den wissenschaftlich längst diskreditierten Viren-Guru Christian Drosten, das Panikorchester des RKI unter Leitung des den Praeceptor Germaniae mimenden Veterinärs Lothar Wieler und die personifizierte Inkompetenz im Kanzleramt, den jovialen, im Dauerlächeln nur noch von Ursula von der Leyen übertroffenen Honorarprofessor Helge Braun, der es, bevor er Berufspolitiker wurde, gerade mal zum Assistenzarzt gebracht hatte.

Irgendwann wird der schon länger verhaltensauffällige Bundespräsident (er tut alles, um sich in der Krise über seine bescheidene Rolle als Frühstücksdirektor hinaus zu profilieren) sämtlichen Medizinmännern und -frauen das begehrte Verdienst-Blech an die Brust geheftet haben, sofern sie zumindest willfährige Komparsen im Corona-Theater waren. Und bei der finalen Corona-Opfer-Gedenkveranstaltung (die die Opfer der Corona-Maßnahmen großzügig ignoriert) wird Herr Steinmeier die neue Priesterkaste, genauso wie zuvor die von einem US-Konzern selbstlos hochgepäppelten türkisch-deutschen Biontech-Giftmischer, mit messianischem Pathos als „Weltenretter“ und „Helden des Wissens“ beweihräuchern. Die Verantwortung dafür übernimmt er sicher gern.

Die Kanzlerin hat es ihm letzte Woche vorgemacht. Ja, auch unsere Rabenmutti übernahm in einem glänzend inszenierten Auftritt die volle Verantwortung für einen politischen Fehler. Aber für welchen? Etwa für die Narkotisierung der Demokratie, die Entmachtung des Parlamentes, die (temporäre?) Abschaffung von Grund- und Bürgerrechten, den permanenten Verfassungsbruch oder gar die millionenfache mindestens fahrlässige Körperverletzung durch obrigkeitlich verordneten Impf-, Test- und Maskenwahn? Nein, sie entschuldigte sich bloß für ihren Rohrkrepierer, die blödsinnige „Osterruhe“, die eine vom Kanzleramt unter Druck gesetzte MPK in tiefer Nacht, vielleicht unter Einfluss von Alkohol und anderen Drogen, aus Verzweiflung über ihr eigenes Unvermögen abgenickt hatte. Dass Merkels vermeintlicher Schnellschuss samt anschließendem zerknirschtem Zurückrudern (das der überrumpelten Politszene auch noch Respekt abnötigte) bloß eine kühl kalkulierte Finte war, wurde am Sonntag überdeutlich, als Machiavellis Musterschülerin, passend gekleidet in das Weiß der Unschuld, bei ihrer Haus- und Hofmoderatorin Anne Will die Katze aus dem Sack ließ.

Frau Will, die seit vielen Jahren in einer öffentlich-rechtlichen Verdummungsanstalt erfolgreich kritischen Journalismus simuliert, durfte der sich angeblich ihrem (schon oft verratenen) Amtseid verpflichtet fühlenden Kanzlerin den wahren Plan entlocken: die Zerstörung des Föderalismus zum Zwecke ungestörten Durchregierens in der Pandemie – und warum nicht auch danach? Wenn die notorisch unfähigen und zerstrittenen Ministerpräsident*innen die Krise nicht in den Griff kriegen, muss man sie eben mit einem die Bundeskompetenzen erweiternden Infektionsschutzgesetz zu knallharten Maßnahmen zwingen. Außer in der kranken Fantasie machtgeiler Mediziner bringen die zwar nichts, abgesehen vom Ruin des Mittelstandes – doch gerade dessen Niedergang dürfte den globalisierten Finanzeliten, nach deren Pfeife nicht nur die deutsche Regierung tanzt, in die Hände spielen. Im Idealfall würden die bereits angekündigten Escape-Varianten des Virus die Infektionen dominieren, die teuer erkauften, aber dann wirkungslosen Vakzine könnte man nur noch in die Tonne treten, und der Lockdown würde zum Normalzustand, bis modifizierte Impfstoffe (und wieder Milliardenprofite für Pfizer und Co.) in Reichweite wären – die Neue Normalität einer hybriden, kapitalistisch-kollektivistischen Hygiene-DDR ganz nach Merkels Geschmack, in der das Individuum auf der Strecke bliebe und nur noch Zombies eine Chance hätten! Die ersten Exemplare, verborgen hinter ihren FFP2-Tüten, sieht man schon auf unseren Straßen…

Aber Obacht! Wenn die heruntergewirtschaftete, vergewaltigte Republik doch einmal die Geduld verliert, könnte bald wie vor 50 Jahren an den Häusermauern zu lesen sein: „Macht kaputt, was euch kaputt macht!“ Und mutige Staatsrechtler werden an Artikel 20, Absatz 4 des Grundgesetzes erinnern: „Gegen jeden, der es unternimmt, diese (verfassungsmäßige) Ordnung zu beseitigen, haben alle Deutschen das Recht zum Widerstand, wenn andere Abhilfe nicht möglich ist.“ Was natürlich als Ultima Ratio auch gewaltsamen Widerstand nicht ausschließt. Da das bloß noch scheindemokratische Regime die verfassungsmäßige Ordnung systematisch unterminiert, schaufelt es sich selbst sein Grab, und niemand sollte sich wundern, wenn demnächst irgendwo in Berlin ein Päckchen mit einer seidenen Schnur in einem regierungsamtlichen Postkasten liegt…

Als friedfertige Bürger hoffen wir, dass dies keine Konsequenzen wie anno 1683 hat. Aber auch die Aussicht auf einen gewaltfreien Wechsel im Herbst beruhigt uns nicht. Man stelle sich vor: Abends gehen wir mit Merkel schlafen, und morgens wachen wir mit Baerbock auf! Wäre das nicht die Schlimmste aller Mutationen?