Sprachreform?

Im Wald der Deutschen Sprache zieht forstwirtschaftliches Denken ein: Alte, kranke und morsche Begriffe müssen entfernt werden zur Entgiftung unserer lingualen Verständigung.


Beitragsbild: Netzfund, Autor unbekannt, Montage


So soll das Wort „Rasse“ in Art. 3 Abs.3 GG ersatzlos gestrichen werden. 1 Denn dieser Ausdruck erinnere an die NS-Zeit und damit an die sog. Nürnberger Rassengesetze von 1935.

Deshalb erlitten die als rassistisch empfundene Bezeichnungen wie „Zigeuner“, „Neger“, „Mohr“ den Bannfluch der political correctness. Der Einwand „Neger“ leite sich vom Lateinischen „niger“ ab, was schwarz bzw. dunkel bedeutet, verhallt ungehört. Denn schließlich sind ja nicht alle Althumanisten. Dieser sancta simplicitas und ingorantia ist es somit zu verdanken, dass der afrikanische Staat Nigeria und der dortige Strom Niger, nicht ihre Namen ändern müssen. Das gleiche gnädige Schicksal erfährt auch der Rio Negro. Hingegen tragen der Colorado River bzw. der gleichnamige Bundesstaat der USA eine völlig korrekte Benennung, eben „farbig“. Denken wir auch an die pazifische Inselgruppe Melanesien, die diesen Namen trägt, weil sie von einer negroiden, also dunkelhäutigen Menschen bewohnt ist. Da das Wort „mela“(=schwarz, dunkel) griechischen Ursprungs ist, klingt es für den Normalbürger unverfänglich.

Und wenn man schon bei diesen verbalen Baumfällaktionen ist, dann müssten wir konsequenterweise auch weitere verdächtige Begriffe aus offiziellen Verlautbarungen und Dokumenten entfernen, wie z.B. das Wort „Führer“ in den bekannten Kombinationen „Führerschein“, „Lokführer/ Zugführer“, „Wanderführer“, „Führerstand“….Auch die Bezeichnung „Reich“ hätte nach dieser Reform seine Daseinsberechtigung verloren, zumal es ungut an die Bewegung der „Reichsbürger“ erinnert. Das Gebäude „Reichstag“ in Berlin würde also seinen Namen verlieren.

Deswegen amtet Frau Merkel nicht als Reichskanzlerin sondern als Bundeskanzlerin und zwar im Bundeskanzleramt und eben nicht in der Reichskanzlei. Solche Umbenennungen kennen wir ja bereits: Das „Reichsgericht“ gibt es nicht mehr, sondern stattdessen den Bundesgerichtshof, ebenfalls nicht mehr die „Reichswehr“ bzw. die „Wehrmacht“, sondern die Bundeswehr. Den Ausdruck „Luftwaffe“ haben wir beibehalten. Denn mit dem ersten Wort assoziieren wir das belebende Sauerstoffgemisch, das den nachfolgenden kriegerischen Begriff Waffe neutralisiert. 

Das „Kriegsministerium“ heißt heute Verteidigungsministerium. Daher spricht man heute auch nicht mehr vom Krieg sondern von einer bewaffneten Auseinandersetzung, gewissermaßen von einer alternativen Außenpolitik in Anlehnung an Clausewitz. „War“ war mal! (War is out) Homeoffice hingegen heißt in unseren Landen nicht Innenministerium, sondern bedeutet, Büroarbeit zuhause. Das ist gewissermaßen ein private viewing von Geschäftsbriefen im trauten Wohnzimmer. Statt wie einst „fleet in being“ heißt es heute: „Beeing at home“. Das britische James Bond Lächeln ist dem Johnson-Grinsen gewichen….

So defensiv und lustig mutet hingegen der Reformeifer nicht an. Da sei nur an die aggressive Gender-Bewegung erinnert, die auch in der Sprache eine vermeintlich geschlechtliche Gleichberechtigung einführen will. Denn Agitatoren haben die chronische Vision, dass das grammatikalische Genus lediglich die Maske für den dominanten männlichen Sexus ist. Um im Bilde der Forstwirtschaft zu bleiben: Die maskuline Borkenkäfer-Seuche im Deutschen Wortschatz muss ausgerottet werden. Der Schädling ist aber nicht der Käfer sondern die Raupe, mithin das Femininum. Und das ist dumm, aber weitgehend unbemerkt, sodass der Kahlschlag weitergeht. 

In dieser Brache breiten sich ungehemmt anglizistische Neophyten, d.h. Neologismen aus, allerdings in einer Qualität, die uns nicht befähigen wird, die Werke von Shakespeare oder andere angelsächsische Literatur im Original zu lesen. Andererseits gab es Zeiten in der Kulturgeschichte, wie z.B. die Renaissance, deren Flut an Fremdwörtern wir mittlerweile gut verdaut haben. Dennoch kennen wir bis heute die Antwort auf die Frage nicht, nämlich ob ein „Gottlieb“ eher in den Himmel kommt als ein „Theophil“  

Quo vadis lingua germanica?


Anmerkung:

  1. Niemand darf wegen seines Geschlechtes, seiner Abstammung, seiner Rasse, seiner Sprache, seiner Heimat und Herkunft, seines Glaubens, seiner religiösen oder politischen Anschauungen benachteiligt oder bevorzugt werden.

2 Kommentare

  1. Ein mit mir locker befreundeter (aber von mir noch nie konsultierter) Hautarzt macht sich schon länger Sorgen um das „Melanom“. Ich werde ihm diesen Text zu lesen geben. Es stimmt ja: Als ich in einer finanziellen Notlage mein Graecum verkaufen wollte, fand sich kein Abnehmer, obwohl es nicht mal ein griechischer, sondern „nur“ ein lateinischer Begriff ist – was die auch das Deutsche bloß noch radebrechende Masse offenbar nicht weniger erschreckt. Im Übrigen bewundere ich Herrn Drexlers Mut, die (weibliche) Raupe als (männlichen) Schädling zu bezeichnen. Aber bitte nicht auf meine Kosten! Die einzige politisch korrekte Freundin, die mir bisher noch blieb, droht mich zu verlassen. Sie besteht auf „Schädlingin“ – und rät mir dringend, mehr darauf zu achten, mit welchen Leuten ich mich publizistisch encanailliere…

  2. Ich persönlich finde die griechischen und lateinischen Fremdwörter häufig am trügerischsten. Manche kommen daher, als ob sie aus weit zurückliegenden Vergangenheiten stammen und sind dabei von irgend jemandem neu zusammengesetzt worden, der gebildet klingen wollte. So ähnlich wie manche Gebäude aus dem neunzehnten Jahrhundert sich gerne so zeigen wollten, als wären sie gotisch:
    https://de.wikipedia.org/wiki/Neues_Rathaus_(M%C3%BCnchen)

    Wirklich interessant finde ich zum Beispiel den Ursprung des Wortes ‚Metaphysik‘.

    Ich zitiere Allen Upward, der seinerseits Doktor Lathams Autorität zitiert, einen herausragenden Autoren über Metaphysik namens Mansel:

    ———

    „„Der Begriff Metaphysik, obwohl er verwendet wurde, um eine Abhandlung von Aristoteles zu bezeichnen, war dem Philosophen selbst vermutlich unbekannt. Die Anhaltspunkte sprechen im Ganzen für die Annahme, dass der Urheber der Inschrift ta meta ta phusika Andronikos von Rhodos war, der erste Verleger des Werks von Aristoteles.“

    Andronikos von Rhodos hat, so scheint es, gleich Kolumbus, den Reichen des menschlichen Wissens aus Versehen einen neuen Kontinent hinzugefügt.

    „Der Titel, der den Schriften der ersten Philosophie verliehen wurde, zeigt wahrscheinlich nur ihren Platz in der Sammlung an und bedeutete, dass sie nach der Abhandlung über Physik käme.“

    Und so sehen wir, dass das Wort als Anweisung an den Buchinder entstand. – Die Frage ist, ob jemals mehr draus wurde?“

    – Allen Upward, Das Neue Wort