Unterwegs bei Platon („Der Staat“)
»Aber doch«, sagte Goethe, »ist alles sinnlich und wird, auf dem Theater gedacht, jedem gut in die Augen fallen. Und mehr habe ich nicht gewollt. Wenn es nur so ist, daß die Menge der Zuschauer Freude an der Erscheinung hat; dem Eingeweihten wird zugleich der höhere Sinn nicht entgehen, wie es ja auch bei der ›Zauberflöte‹ und andern Dingen der Fall ist.« (- Johann Peter Eckermann, aus: Gespräche mit Goethe in den letzten Jahren seines Lebens – über sein Stück „Helena“, das er hier vergleicht mit der berühmten Freimaureroper „Die Zauberflöte“, möglicherweise bezieht er sich aber auch auf sein Libretto, da Goethe einen zweiten Teil der Zauberflöte verfasst hat)
Man kann in seinem Leben philosophischen Fragen aus dem Weg gehen. Das bedeutet aber, dass man diese Fragen anderen überlässt. Das ganze organisierte Gemeinschaftsleben von uns Menschen („der Staat“) fußt auf diesen Fragen, die dennoch seit mehr als 2000 Jahren beunruhigend unbeantwortet und unklar geblieben sind.
Man kann weggehen und sagen, dass die Fragen nach beispielsweise Gerechtigkeit, Freiheit, Schuld usw. uninteressant sind. Aber an jeder Straßenecke steht jemand, der einen darauf hinweist, man müsse nach der neuesten Mode gendern, weil sich sonst jemand ungerechterweise ausgeschlossen fühlt, man müsse eine Tüte über dem Kopf tragen, weil man sich sonst schuldig macht, am Schnupfen eines anderen Passanten und so weiter.
Viele flüchten sich daher in irgend eine Ideologie, und nehmen eine politische Haltung ein, die alle Erwiderungen und Antworten vorgibt, und die man noch mit anderen zusammen einnehmen kann, was sehr wichtig ist, damit sich der Mensch weniger einsam fühlt. Das ist sicherlich menschlich, aber das Problem ist, dass irgendjemand dieses „Spiel“ besser beherrscht als die anderen, die in Menschenherden hier und da grasen oder nervös hin und her laufen. Diese Menschengruppen werden von Profis nicht „Herde“ genannt, wohl aber so betrachtet. Man nennt das beispielsweise Marktforschung und kann sich darin ausbilden lassen oder es studieren. Wenn man BWL studiert, merkt man, dass entweder niemand an Wahrheit glaubt oder ein Wahrheitsglaube jedenfalls wie verboten zu sein scheint und in den Bereich der Religion oder auf andere esoterische Spielwiesen verbannt wird, da es in der Betriebswirtschaft darum geht, Profit zu machen und der Profit die Wahrheit sozusagen ersetzt.
Die Herde als Ganzes und ihre Einzelindividuen sind völlig verwirrt, ohne es zu merken. Einerseits verurteilen sie die „Lüge“ und wenn sie eine „systematische Lüge“ entdecken (und das passiert sehr selten), sind sie ganz entsetzt und meinen, die Welt stehe Kopf, obwohl sich gar nicht geändert hat. Andererseits möchten sie, dass ihre Kinder etwas „Ernstes“ wie BWL studieren und würden sich Sorgen machen, wenn ihre Kinder Philosophie studierten, obwohl das so ziemlich das einzige Fach ist, das sich auf die Fahnen geschrieben hat, der Frage nach der „Wahrheit“ nachzugehen. Ich glaube nicht, dass sie die Frage beantworten könnten: Kann denn jemand, der nicht an Wahrheit glaubt, ein Lügner sein?
Aber diese Frage ist eine künstliche Vereinfachung, denn was würde das heißen, an Wahrheit glauben? Meint das, dass man glaubt, sie definieren zu können? Oder glaubt man nicht an Wahrheit, wenn man denkt, dass sie sich einer Definition entzieht? Nur weil sie sich womöglich einer Definition entzieht, heißt es nicht, dass man von dieser Erkenntnis so desillusioniert werden muss, dass man ab da nur noch versucht, jeden übers Ohr zu hauen und von allem „zu profitieren“, was sich auch schon wieder einer Definition entzieht. Das wäre wie zu sagen, dass man sich umbringen müsste, wenn sich das Leben einer Definition entzöge. Das wäre absurd, aber man sieht, wie schnell eine noch sinnvoll klingende Aussage ins Absurde entgleiten kann, fast wie von selbst. Die Dialoge von Platon sind sehr gute Beispiele dafür, ja bis zu einem gewissen Grad ist dieses Thema der wahre Inhalt dieser Dialoge. Man denkt zum Beispiel, dass es in „Der Staat“ um das Thema Gerechtigkeit geht, aber wenn man darüber nachdenkt, wie das Thema behandelt wird, nämlich in Dialogen, wo eine Art Sprachanarchist (Sokrates) an jeder vernünftig scheinende Aussage wie durch unsichtbare Schräubchen in ihr Gegenteil verkehrt, dann hat man seinen Zweifel daran, ob Platon an Gerechtigkeit geglaubt hat oder, wenn ja, ob er überhaupt vorhatte, diese in besagten Texten zu suchen. Der Strom seiner Ideen ist so reich und stark und trotzdem weiß man nicht, welche Erkenntnis eigentlich die Quelle ist und welche Absichten diesen Strom lenken. Platon ist zugleich klar und undurchsichtig. Es ist unvermeidbar, sich über das Ungesagte bei Platon Gedanken zu machen

Ich will ihm dabei aber nichts unterstellen. Platon musste miterleben, wie sein Lehrer, Sokrates, zum Tode verurteilt wurde, weil dieser eben dem Staat nicht geheuer war. Wenn ich nun bei Platon lese, dass die Dichter aus seinem Staat verbannt werden sollten (womit er aber bestimmte Dichter meint), dann wird mir nicht klar, ob Sokrates nicht auch verbannt worden wäre und ob Platons eigenes Buch dort erlaubt wäre.
Dass Platon nach wie vor ein heißes Pflaster ist, kann man leicht zeigen. Das Kultusministerium möchte lieber nicht jungen Leuten zumuten, diesen ungefiltert zu lesen.
An deutschen Schulen zitiert man eine der berühmtesten Aussagen aus „Politeia“ etwa so:
„Wofern nicht, begann ich, entweder die Philosophen Könige werden in den Staaten, oder die, welche jetzt Könige und Herrscher heißen, echte und gründliche Philosophen werden, und dieses beides in einem zusammenfällt, Macht im Staate und Philosophie (…), gibt es, mein lieber Glaukon, keine Erlösung vom Übel für die Staaten, aber auch nicht für die Menschheit.“ (Politeia V 473c)
Die gelangweilten Schüler finden, dass das eigentlich ganz gut klingt, nobel irgendwie… sie denken aber auch nicht weiter nach, noch entdecken sie, was hier ausgespart wurde.
Dieses „(…)“ deutet man in seinem Kopf als Kommentar des Zitierers „ich erspare euch lange, komplizierte Sätze, die nichts mit dem Kern zu tun haben“. Aber wenn sie gar nicht lang sind und extrem wichtig für den Kern und trotzdem ausgelassen werden?
Die Stelle, die ausgespart wurde, sagt über unsere Zeit und unsere Schulbildung selbstverständlich mehr aus als über Platon:
„Wofern nicht, begann ich, entweder die Philosophen Könige werden in den Staaten, oder die, welche jetzt Könige und Herrscher heißen, echte und gründliche Philosophen werden, und dieses beides in einem zusammenfällt, Macht im Staate und Philosophie, den meisten Naturen aber unter den jetzigen, die sich einem vom beiden ausschließlich zuwenden, der Zugang mit Gewalt verschlossen wird, gibt es, mein lieber Glaukon, keine Erlösung vom Übel für die Staaten, aber auch nicht für die Menschheit.“
Und so lässt Platon ausgerechnet Sokrates sprechen. Das ist der gleiche Sokrates, der mit 70 Jahren zum Tode verurteilt wurde und dessen Verteidigungsrede gerade darauf aufbaut, dass es ihm nie um Macht ging, dass er politische Betätigung immer vollständig ausgeschlossen hat und als Zeugen dafür rief er vor Gericht seine eigene Armut auf. (Siehe „Apologie des Sokrates“, ein anderes Buch von Platon.)
Der eigentliche, historische Sokrates war – kann man vermuten – so ein Philosoph des altes Schlages, der auf dem Marktplatz herumstand, Leute in Gespräche verwickelte und verwirrt zurückließ, und zwar nicht, über etwas Neues, sondern indem er zeigte, dass das Selbstverständliche nicht nur nicht selbstverständlich, sondern sogar völlig unverständlich ist.
Er wurde vom Staat hingerichtet, weil er angeblich mit diesen Reden die Jugend verdorben hat und außerdem noch nicht an die konventionellen Götter geglaubt haben soll, also er soll ein Ketzer gewesen sein.
In Platons Dialogen geht es bei der fiktiven Staatsgründung auch um Götter, aber in dem Hinblick, welche Göttervorstellungen für einen Staat gut sind. Dort wirken alle Diskutanten wie abgebrühte Atheisten. Und obwohl das schockierend wirkt, ist das noch längst nicht alles. Es gibt in diesen Gesprächen eine Atmosphäre der Gefährlichkeit und der Verschwörung, der Komplizenschaft, und Sokrates hat dabei die Rolle des Anführers. Dabei wurde Sokrates in seiner Anklage niemals Verschwörung zur Last gelegt
Das ganze erste Buch hindurch, gelingt es den Philosophen nicht, Gerechtigkeit zu definieren und das bringt niemanden zur Verzweiflung. Ganz im Gegenteil scheinen sie sich mit der Zeit unausgesprochen darauf zu verständigen, dass keine nähere Bestimmung möglich und nötig ist. Und plötzlich schlägt Sokrates vor, einen Staat zu gründen, der natürlich „gerecht“ sein muss. Deswegen wirken sie eben wie Komplizen, da keiner von ihnen Angst bekommt, sondern alle in der gleichen Manier wie vorher weiterreden und im Großen organisieren wollen, was sie gar nicht beschreiben, definieren oder belegen konnten. Und innerhalb kürzester Zeit wird auch noch klar, dass nicht die Rede von einer Dorfgemeinschaft ist, sondern von einem Staat mit großem, komplexem Wirtschaftsgefüge, großen Reichtümern und natürlich Krieg. Keiner macht einen Einwand, keiner fragt, ob das nötig ist und ob ein kleiner, bescheidener Staat nicht ausreicht.
Warum Platon Sokrates in „Politeia“ so konträr darstellt zum Sokrates aus seiner „Apologie“, weiß man nicht und kann man nicht wissen. Vielleicht wollte er durch den erfundenen Sokrates zeigen, was der Fehler des echten Sokrates war und was die Methode gewesen wäre, der Hinrichtung zu entkommen, indem er nämlich gemeinsame Sache mit dem Staat macht. Vielleicht ist es in irgendeiner Weise auch eine fiktive Rache des Schülers des Sokrates an Allen…