Autor: Júlia da Silva Bruhns

Make Great Britain great for the first time

Der Mensch muss neu über sich nachdenken und wenn ich sage „der Mensch“, meine ich alle, jeder für sich und alle miteinander. Es gibt verschiedene ziemlich alte Gedanken dazu, der Mensch sei das denkende Wesen oder der Mensch sei der Sterbliche im Verhältnis zu den Unsterblichen. Vielleicht muss man so etwas im Ernst einmal gedacht haben, um den Kontrast zu sehen und zu fühlen zu jemandem wie Karl Marx. Er sah den Menschen nur in seiner Funktion als Arbeiter und als Machtpotenzial, indem er zusammen mit anderen die „Masse“ bildet. Er spricht wie ein Ingenieur von sozialen Gefügen und sozialen Aufständen, der sich für eine bestimmte Kundschaft einsetzt, der Arbeitermasse oder Arbeiterklasse.

Das Nachdenken vom Menschen über den Menschen wurde in unseren Kultursphären eine lange Zeit im Rahmen der Bibel betrieben und diese Text-Melange wurde zum Teil wirklich wörtlich umgesetzt:

Genesis 1,28 (Luther Übersetzung):

„Und Gott segnete sie und sprach zu ihnen: … Seid fruchtbar und mehrt euch und füllt die Erde und unterwerft sie; und herrscht über die Fische des Meeres … und über jedes lebende Wesen, das sich auf Erden regt.“

Was keinen Nutzen abwirft, braucht sich eigentlich erst gar nicht zu regen. Die Unterwerfung der gesamten Erde ist kein zufälliges Nebenprodukt des Versuchs zu überleben, sie ist das Programm. Wissenschaft und Technik haben sich diesem systematisch verschrieben.

Dass der Mensch natürlich auch unterworfen ist, steht nicht so klar dort, aber das kann auch Absicht sein. Dass es an unsichtbaren Orten wirkliche Hirten gibt, die die Menschen als Nutztiere sehen, wird auch nirgends deutlich gemacht.

Diese Besessenheit mit dem Nutzen scheinen einige Leute gemeinsam zu haben, obwohl sie als ganz gegensätzlich gelten. Charles Darwin hat den Nutzen geradezu heiliggesprochen, indem er jede Veränderung in der Evolution auf einen Nutzen zurückführte, und zwar einen handfesten Nutzen, deswegen musste er alles als in ständiger Gefahr (eigentlich Krieg) schwebend darstellen.

Charles Darwin hat zugegeben, dass seine Inspiration bezüglich der natürlichen Selektion von einem Mann namens Malthus kam, der Theologe und Ökonom war und die Idee der Überbevölkerung entdeckte, die sich mit seiner Begründung zwar als falsch herausstellte. Es ist sogar heute nicht unmöglich, die ganze Weltbevölkerung zu ernähren. Man würde übrigens meinen, dass im wissenschaftlichen Denken eine Theorie verworfen wird, wenn sich zeigt, dass die Begründung nicht stimmt. In der Praxis ist das aber nicht so. Oft gibt es eine Theorie und den Auftrag an alle, diese per Deduktion zu begründen und ein „Quod erat demonstrandum“ darunter zu schreiben, „wie zu beweisen war“. Deswegen hat man Malthus Theorie mit einer neuen Begründung belebt und die Überbevölkerung zur allgemeinen Gefahr erhoben, indem man den „Carbon Footprint“ erfand.

So sehr das Britische Empire auch räumlich expandierte, ging es gedanklich immer in einem Kreis: von Adam Smith (1723 – 1790) und seiner Theorie von Angebot, Nachfrage, Knappheit, der „unsichtbaren Hand der Märkte“ und so weiter, zu Thomas Malthus (1766 – 1834), der den falschen Beweis vorgelegt hat, dass die wachsende Bevölkerung nicht genügend Ressourcen hätte, zu Charles Darwin (1809 – 1882), der die „unsichtbare Hand der Märkte“ auf die Biologie übertrug und dies „natürliche Selektion“ nannte. Da machen die verschiedenen Wissenschaften und Philosophien zwar den Eindruck, gut zusammenzupassen und damit alle Teil der gleichen Wahrheit zu sein, dabei ist das eine Art Ewige Suppe, die seit hunderten von Jahren weitergekocht wird.

Aus Sicht dieser Suppenköche hat der Mensch ohne Funktion, also ohne Arbeit, keine Daseinsberechtigung. Das meinte Martin Heidegger, als er sagte, dass der Mensch vom „nicht festgestellten Tier“ (Nietzsche) zum „arbeitenden Tier festgestellt“ wurde. Wenn die Zukunft der Arbeit aber immer unklarer wird, was wird dann aus dem arbeitenden Tier? Deswegen habe ich eingangs gesagt, dass wir uns die Frage nach dem Menschen selbst stellen müssen, denn selbst Karl Marx wäre an die Grenzen seines Lateins gekommen, wenn seine Kundschaft plötzlich Arbeiter ohne Arbeit und nur noch „Masse“ geworden wären.

Um das Nachdenken führt kein Weg herum und das meint auch, dass wir uns nicht hinter Slogans versammeln können wie „Make America great again“. Es ist jetzt so deutlich wie nie zuvor, dass jeder das anders verstanden hat. Und wir können auch nicht ausschließen, dass die Erfinder dieses Sprüchleins mit America wirklich den Kontinent meinten und aussagen wollten, dass sich die USA die Ressourcen des restlichen Kontinents unter den Nagel reißen möchten, wie ihre kriegerischen Ambitionen in Venezuela zu zeigen scheinen.

Der britische Premierminister Benjamin Disraeli (1804 – 1881), Zeitgenosse von Darwin, schrieb in seinem Roman „Sybil“:

„Man kann sagen, was man will, aber unsere Königin regiert über die größte Nation, die jemals existiert hat.“

„Welche Nation?“ Fragte der junge Fremde. „Denn sie regiert über zwei… zwei Nationen, zwischen denen es weder Verständigung noch Verständnis gibt, die keine Kenntnis haben über ihre jeweiligen Gewohnheiten, Gedanken und Gefühle, als wären sie Bewohner völlig verschiedener Gebiete oder Planeten. Sie werden verschieden gezüchtet, von verschiedenen Nahrungsmitteln genährt, ihre Umgangsformen sind verschieden und sie unterliegen nicht den gleichen Gesetzen.“

„Du sprichst von…“, sagte Egremont zögerlich.

„Den Reichen und den Armen.“

Benjamin Disraeli, Sybil, Book ii, Chapter 5 (1845)

Vierzig Jahre zuvor schrieb John Adams, einer der „Gründungsväter“ der Vereinigten Staaten, deren Absichten es sich durchaus lohnt zu untersuchen:

„Wir verfügen über ein einziges Material, das eigentlich eine Aristokratie bildet, die die Welt beherrscht. Und dieses Material ist Vermögen.

Talente, Geburt, Dienste, Opfer bedeuten uns wenig. Die größten Begabungen, die höchsten Tugenden, die wichtigsten Leistungen werden als nutzlos beiseite geworfen, es sei denn, sie werden von Reichtümern oder Interessengruppen getragen und das Ziel beider Parteien ist hauptsächlich Vermögen. … In der römischen Geschichte sehen wir ein beständiges Ringen zwischen den Reichen und den Armen, von Romulus bis Cäsar. Die große Trennlinie war nicht die zwischen Patriziern und Plebejern, sondern zwischen Schuldnern und Gläubigern. Spekulation und Wucher hielt den Staat in ständiger Hitze. Die Patrizier rissen das Land an sich und die Plebejer verlangten nach Agrargesetzen. Die Patrizier liehen Geld zu äußerst hohen Zinsen und die Plebejer waren manchmal nicht in der Lage, aber immer unwillig, diese zu zahlen. Das waren die Ursachen, weshalb die Menschen in zwei Parteien geteilt wurden, so verschieden voneinander und so neidisch, dass sie einander fast so feindlich gegenüberstanden, wie zwei Nationen.“ – Tract by John Adams, 1808

Siehe „Adams Papers“: https://founders.archives.gov/documents/Adams/99-02-02-5237

Der Luftballon-Verschenker an der Seepromenade

Wenn jemand an der Seepromenenade als Charlie Chaplin verkleidet geht und als Herzen geformte Luftbalons verteilt – dann möchte er sie meistens verkaufen, obwohl er zuerst so tut, als ob er sie verschenkt. Das ist keine Verschwörungstheorie. Wenn man seinen Luftballon annimmt und ohne zu zahlen versucht wegzugehen, dann wäre er sehr beleidigt.

Und deine Begleiter würden dich ungläubig anschauen, wenn du daraufhin sagst „Warum? Du bist mein Zeuge, er wollte mir das schenken!“

Immer das gleiche Problem mit Kindern in der Situtation, weswegen der Luftballon-Verteiler, der erst nachher um Geld bittet, zuerst mit Kindern flirtet und ihnen den Luftballon gibt. Je nach dem, wie alt sie sind, können sie nicht verstehen, warum der Charlie Chaplin das macht.

Ist ein Kind 4 Jahre alt, wird es den Ballon bekommen, seine Eltern zahlen, weil das Kind gar so strahlt… Und man bewundert an Kindern ihre „Unschuld“, was man insgeheim für liebliche Dummheit hält.

Dann fragt das Kind „Warum zieht sich der Mann so an und verteilt Luftballons?“

„Er freut sich, wenn Kinder lachen“, sagen die ganz Harmoniesüchtigen, die Kinderunschuld verherrlichen.


„Er ist nur ein Bettler, der keine Lust hat, eine ehrliche Arbeit zu machen“, sagen Eltern, die ihn böse weggeschickt haben.


Manche Eltern mit Skrupeln sagen: „Er hat wenig Geld und hat sich überlegt, wie er etwas Geld verdienen kann und gleichzeitig Menschen erfreuen.“


Das ist nicht unwahr! Wenn er Leute verärgern wollte, würde er sie vermutlich bestehlen.

Aber nehmen wir jetzt an, dass der Luftballon-Verschenker an einem Tag der offenen Tür der örtlichen Polizei seine Luftballons verteilen würde und tatsächlich kein Geld dafür verlangt.

Was würde man nun seinem 4-jährigen Kind sagen, warum er das macht?

„Weil er lieb ist“, würde wieder der Harmoniesüchtige sagen, der sich vor die „Unschuld“ seines Kindes stellt, wie ein antiker Vater vor die Jungfräulichkeit seiner Tochter.

Ein vorsichtiger Erzieher würde sagen: „Er wurde von der örtlichen Polizei dafür bestellt, damit Kinder keine Angst vor der Polizei haben, sondern denken, dass die freundlich sind.“

Das wäre übrigens sehr neutral formuliert.

Wer nicht so gut zu sprechen ist auf den Staat würde sagen: „Die lügen Tag und Nacht, jetzt wollen sie mit so billigen Mitteln die Gefühle unserer Kinder kaufen!“

Was nach einer Frau in einer Scheidungsgeschichte klingt.

Was davon ist wahrer? Es gibt keinen Zweifel, dass der Tag der offenen Tür der örtlichen Polizei so geplant wurde, damit die Bevölkerung Vertrauen in sie bekommt. Das ist alles andere als eine Verschwörungtheorie. Jeder, der in einer Firma jemals gearbeitet hat, weiß, dass das realistisch ist. Man spricht in fast jedem Meeting von „Wordings“ und wundert sich nicht weiter.

Warum bedrängt China die Welt mit Exporten?

Die vielen Seiten der Medaille. Teil 1.



Es gibt eine große Unbekannte, einen Faktor X, der aber nie der gleiche ist, den man nicht mit Gewissheit einkreisen und einschließen kann. Heraklit sagte berühmterweise, dass keiner zwei Mal in den gleichen Fluss steigen kann. Die große Unbekannte hat man manchmal vage als „Wahrheit“ bezeichnet.

Diese allgemeine Ungewissheit in Verbindung mit dem Bewusstsein, dass man irgendwann stirbt, hat dazu geführt, dass sich die Menschen auf etwas anderes gestürzt haben, auf Erfolg. Dieser führt zum Glück, haben sie sich gesagt, während sie ihr großes Unbehagen verdrängten. Die größten Ideologen der Welt sind daher auch die größten Nihilisten.

Für solche ist Demokratie diejenige Kommunikationstechnik, in der eine geschlossene Frage an eine Bevölkerungsgruppe gerichtet wird und mehr als 51% mit Ja antworten, weil sie die Frage nicht verstanden haben.



Selbst eine Frage zu stellen und gar, eine gute Frage zu stellen, liegt dem Menschen fern. Auf seinem Telefon bringen ihm springende Ostereier besondere Angebote und es ist schwierig, nicht darauf zu warten, welcher Rabatt aus dem Ei schlüpft.

Eine gute Frage zu stellen, setzt voraus, dass man seinen Gedanken schon einige Zeit nachgegangen ist, aber diese Bedingung ist nicht gegeben. Wir warten auf die nächste Krise, aber auch die wird keine Ostereier mit guten Fragen bringen.

Stellen wir die Frage dennoch, denn die Situation, die sich zwischen den USA und China entfaltet, ist fragwürdig. Warum kauft China nicht seine eigenen Produkte, statt ausländische Märkte damit zu bedrängen? Was hält die USA davon ab, bezahlbare Konsumgüter für die eigene Bevölkerung herzustellen?





Länder mit dem größten Handelsbilanzüberschuss im Jahr 2023

Quelle:

https://de.statista.com/statistik/daten/studie/242539/umfrage/laender-mit-dem-groessten-handelsbilanzueberschuss




Länder mit dem größten Handelsbilanzdefizit im Jahr 2023

(Anmerkung, ganz oben über England stehen die USA, sie haben ein so großes Defizit, dass ihr Schaubalken fast ihren Namen verdeckt.)

Quelle:

https://de.statista.com/statistik/daten/studie/242564/umfrage/laender-mit-dem-groessten-handelsbilanzdefizit


„Gute Nachrichten für Deutschland, schlechte für die Konkurrenz: Deutschlands Handelsüberschuss wird 2012 höher ausfallen als in jedem anderen Land.“ Das schrieb der Focus im Jahr 2013 und das haben wir über viele Jahrzehnte gehört. Höhere Löhne wären deswegen indiskutabel, da wir ja in direkter Konkurrenz zu China stünden. Und wenn die Löhne hierzulande stiegen, dann würden die Unternehmen einfach nach China umziehen.

Inwischen sind freilich aus mancherlei Gründen hierzulande die Gaspreise so gestiegen, dass das alte Erfolgsmodell nicht aufrecht erhalten werden kann, dazu kommen nun noch die neuesten Zölle von den USA – und so erklärt sich, dass die „Keynsianer“ zurück sind, die mithilfe von Staatsverschuldung, die Nachfrage stützen möchten. Leider ist diese Nachfrage nicht besonders menschenfreundlich. Statt – beispielsweise – die Renten zu verdoppeln, baut man ein großes Militär aus.

„Krieg ist die Schaffung von Nachfrage, indem man den Kunden erschießt.“


C.H. Douglas schrieb 1936 (The Approach to Reality): „Schweden wurde als wunderbares Beispiel emporgehalten, wie gut das monetäre System funktionieren kann. Schweden produziert 3 Mal mehr als es konsumiert, aber dank der Launen der Wechselkurse, kann es die restlichen 2/3 exportieren. Schweden muss also 3 Mal mehr schaffen, als wirklich nötig wäre, damit das monetäre System funktioniert.“


„Zum gegenwärtigen Zeitpunkt handelt die Welt unter einem Finanzsystem, das im Grunde ein Buchhaltungssystem ist, das die Lebensnotwendigkeiten kontolliert. Dieses Buchhaltungssystem produziert eine illusorische Notwendigkeit, mehr zu exportieren als zu importieren. Die Strafe mehr Importe als Exporte ist eine steigende Arbeitslosigkeit.

Diese Situation ist im Ursprung mathematisch und bietet nur einen brennbaren Hintergrund für einen internationalen Flächenbrand, ohne die beteiligten Länder dabei auszuwählen. Aus dieser Situtaion heraus gilt es aber als anerkannt, dass eine aggressive Psychologie vorteilhaft ist, um vorübergehenden Erfolg zu haben im Kampf um die wirtschaftliche Überlegenheit. Daraus folgt ganz natürlich, dass eine erfolgreiche Periode der kommerziellen Expansion eine starke Tendenz hat, von einer aggressiven Haltung in der Außenpolitik begleitet zu werden. Es ist wahrscheinich, dass die Ursachen für die vorübergehende kommerzielle Überlegenheit größtenteils zufällig sind. Es ist sogar noch wahrscheinlicher, dass die wirtschaftliche Überlegenheit während der letzten 200 Jahre gefördert werden konnte und tatsächlich gefördert wurde, je nach dem, wie die Gegebenheiten mit den Interessen der internationalen Finanzhäuser zusammentrafen.

Diesen Tatsachen zum Trotz hat die unheilbare menschliche Eitelkeit im Verbund mit dem Kult der Belohnung und Bestrafung angenommen, dass ein solcher Erfolg auf eine besondere Tugend des Erfolgreichen zurückzuführen sei. Die Ergebnisse davon waren leicht zu sehen in der Haltung der Vorkriegs-Preussen und sie werden bemkerbar in der nationalen Haltung der Vereinigten Staaten. (…)“ – C.H. Douglas, Warning Democracy, 1935


Wie viel Geld braucht ein Land?

Wenn in einem Land etwas produziert wird, muss es eine Entsprechung dafür geben in Geld. Diese Geldmenge muss eben der Produktion entsprechen. Man kann die Geldmenge natürlich davon abhängig machen, wie viele Haare der Banker auf dem Kopf hat, wie viele Flöhe sein Hund hat oder wie viel Gold in diesem oder jenem Keller vorhanden ist, aber das macht keinen Sinn. Wenn der Banker zufällig ein Glatzkopf ist, gibt es eine unnötige Deflation. Unnötig, weil die Produktion ja vorhanden ist.

Wenn in einem Land etwas produziert wird, muss es eine Entsprechung dafür geben in Geld. Diese Geldmenge muss eben der Produktion entsprechen. Man kann die Geldmenge natürlich davon abhängig machen, wie viele Haare der Banker auf dem Kopf hat, wie viele Flöhe sein Hund hat oder wie viel Gold in diesem oder jenem Keller vorhanden ist, aber das macht keinen Sinn. Wenn der Banker zufällig ein Glatzkopf ist, gibt es eine unnötige Deflation. Unnötig, weil die Produktion ja vorhanden ist.

Die Grundannahme der traditionellen Volkswirtschaft ist, dass die Produktion von Waren und Dienstleistungen automatisch genügend Geld in Form von Einkommen ausschüttet, um die Kosten und damit die Preise für Waren und Dienstleistungen zu decken. Diese Annahme nennt man manchmal „Say’sches Theorem“ (nach dem franzöischen Ökonom Jean-Baptiste Say aus dem 18. Jahrhundert): Das Angebot schafft seine eigene Nachfrage, oder, in finanzieller Hinsicht, der Fluss der Preise wird automatisch durch den Fluss der effektiven Nachfrage in Form von Einkommen ausgeglichen. Wenn in einer bestimmten Wirtschaftsperiode ein bestimmtes Produktionsvolumen unverkauft bleibt, so liegt das daran, dass die Menschen ihr Einkommen sparen, anstatt es auszugeben.

Diese Annahme hat eigene Anhänger unter den Ökonomen, die sich „angebotsorientiert“ nennen. Sie empfehlen den Politikern, das Angebot, die Produktion, zu begünstigen und dadurch werde sich die Nachfrage automatisch einstellen.

Es gibt eine andere Gruppe von Ökonomen, die „Nachfrageorientierten“, die sich auf John Maynard Keynes beziehen, der während den Wirtschaftsdepressionen der 30er Jahre empfohlen hat, die Nachfrage zu stützen, indem sich der Staat verschuldet und dadurch Arbeitsplätze schafft.

Manche Keynesianer geben offen zu, dass Krieg wünscheswert sein kann, um eine Depression zu bekämpfen, es werden Waffen produziert, Soldaten sind Arbeitnehmer:

Aber warum fehlt es grundsätzlich so an Nachfrage, dass man Exportweltmeister werden muss, damit die eigene Bevölkerung gerade so über die Runden kommt?

Wovon sich Trump so bedroht fühlt, ist ein Strategiepapier aus China „Made in China 2025“.

China möchte sich in mehreren Schritten zur Industriemacht transformieren.

„Im letzten Schritt bis 2049, zum hundertjährigen Bestehen der Volksrepublik, soll China als führende Industrienation an der Weltspitze stehen. China wird bis dahin die Fähigkeiten besitzen, Innovationen und fortschrittliche Technologien sowie industrielle Systeme zu entwickeln.“

Quelle:

https://de.wikipedia.org/wiki/Made_in_China_2025


Schriften von C.H. Douglas

https://www.socred.org/s-c-theory/the-douglas-internet-archive


Die fünf Seiten der Medaille sind:

  1. Exportnationen
  2. Geldschöpfung
  3. Inflation
  4. Krieg
  5. technicher Fortschritt (und Vollbeschäftigung)

Es gibt keine Wahrheit, es gibt nur Erfolg

Sprache und Dinge

„…und die findigen Tiere merken es schon, dass wir nicht sehr verlässlich zu Haus sind in der gedeuteten Welt.“ – Rilke

Wir können nicht umhin. Je verrückter alles wird, umso notwendiger ist es, alle Dinge zu bedenken und zugleich die Namen, die wir ihnen geben, die Wörter.

Als Menschen können wir das eine nicht ohne das andere verstehen. Und so lange wir nicht sicher sind, ob wir von einem Ding sprechen oder von einer Interpretation, die auch ganz anders sein könnte, ist es vernünftig als Phänomenologe vorzugehen und sehr vorsichtig das zu benennen, was sich zeigt.

Das Problem, nicht zu wissen, ob wir etwas sehen oder ob wir interpretieren, zeigt sich nicht erst, wenn es um etwas Schwieriges geht, es zeigt sich pausenlos und jeden Tag.

Beispielsweise wenn wir von Empfindungen sprechen, die wir ständig haben. Manche sind vielleicht geneigt, vom Seelischen zu sprechen, aber viele glauben nicht an die Seele, sondern nur an den Körper. Dennoch ist es eine Interpretation, dass unsere Empfindungen vom Körper herrühren.

Selbst wirklich vernünftige Psychiater verwechseln in ihren Schriften so häufig ‚Ursache‘ und ‚Wirkung‘, dass man nicht weiß, ob sie absichtlich etwas verschweigen (aus politischen Gründen?) oder wirklich betriebsblind sind.

Es gibt Menschen, die etwas sehr Konkretes nicht ertragen können und dennoch steht über sie im Bericht, dass ihre Verzweiflung oder Reizbarkeit von einer chemischen Unausgeglichenheit im Gehirn rührt, was die Gabe von Medikament X notwendig mache.

Nichts ist unmöglich“

Sagt die Toyota-Werbung und es ist ein sehr zutreffender Spruch für die Haltung der Technik und Wissenschaft. Alles, was heute moderne Technik ist, war früher unmöglich, daher folgert man ‚logisch‘ (per Induktion), dass ALLES möglich ist und nur eine Frage der Zeit und der Anreize (z.B. Nobelpreise oder einfach nur Geld), bis es möglich wird.

Diese Haltung steht über allen anderen Ideologien, es ist ein Teil der wahren Ideologie, dass ein „es geht nicht“, nicht akzeptiert wird – dann wechselt eben der Manager, der Vorsitzende der Kolchose. Der Nächste macht es möglich oder er ist auch weg. Der Druck ist derartig, dass allmählich alle (weil sie Angestellte sind) anfangen mitzuspielen, und so tun, als ob das Unmögliche möglich wäre und gerade von ihnen erreicht.

Die Haltung, dass nicht alles möglich ist, gilt als unethisch (im Sinne von Arbeitsethik) und „demotivierend“. Schon die Tatsache, dass wir nicht aus Gründen handeln, sondern aus „Motivationen“, kann einen stutzig machen. Motivationen sind Antriebskräfte bei der Erreichung von Zielen. Alle diese Wörter, Motivation, Antriebskraft und Zielerreichung, haben gemeinsam, dass sie auch in der Manipulation von außen verwendet werdet können, von Arbeitgebern, Werbeleuten und Politikern. Früher nannte man das Kybernetik. Wörter wie „Identifikation“ gehören auch in diesen Bereich. Und wenn es Menschen gibt, die planen, wie viele „Identifikationsgruppen“ es gibt, welche Merkmale sie haben, wie sie mit anderen Identifikationsgruppen interagieren (Beispiel Demokraten und Republikaner), dann hat man zwangsläufig „kulturelle Aneignung“. Der CSU Politiker, der versucht in bayrischer Mundart zu sprechen, betreibt genau das, indem er sich als Bayer darstellt, damit sich andere Bayern in dieser Spiegelung des Selbstbildes geschmeichelt fühlen und ihn nachahmen wollen und seine Art zu sprechen übernehmen. Sie sprechen von Tauben als Ratten der Lüfte, obwohl sie sich nie eine Taube angesehen haben und gar nicht ahnen, wie traurig das Stadtbild ohne sie wäre.

So ein Politiker ist jedenfalls nie ein Bayer, sondern immer ein einfacher Hochstapler, der mit dem Selbstbild der Menschen spielt, weil er weiß, dass sie Angst hätten, sich in Luft aufzulösen, wenn ihnen nicht ständig jemand anbietet, wie sie sich zu sehen hätten. Und dies ist die Gemeinsamkeit so konträrer ‚Systeme‘ wie Demokratie (oder Liberalismus), Kommunismus und Nat.soz. Keineswegs ist die Ähnlichkeit ihrer politischen Werbeplakate ein Zufall. Du möchtest schön, stark, jung, geliebt, intelligent und fleißig sein? Ich schenke dir dieses Bild von dir, gratis, du musst nur für mich – das heißt – für dich – in den Krieg gehen. (In Klammern: dass du nach dem Krieg nicht mehr ansatzweise eins von den aufgezählten Adjektiven bist, wirst du niemals wahrhaben wollen und daher wird es auch nicht wahr sein, dieser Schmerz ist eingebildet und dafür haben wir Fachleute in Psychiatrien…)

Der Leser der Süddeutschen Zeitung identifiziert sich mit den anderen Lesern dieser Zeitung und er wird darauf trainiert, sich an die Schriftart und Schriftgröße zu gewöhnen und einen Widerwillen zu haben, gegen die Schriftsetzung der Bildzeitung. Obwohl das jeder weiß oder wissen könnte, fühlen sich die Leute wohl und nur zu Hause in diesen Identifikationen. Sie haben gar keine andere Heimat.

Deswegen nennt sich das heutige Politspektakel „Identity Politics“, es kann zu nichts führen, was mit Wahrheit zu tun hat.

Verschiedene Länder sind so ungeniert, ihre Zeitung einfach „Wahrheit“ zu nennen, siehe die russische „Prawda“ und die spanische „La Verdad“. Diese markante Ähnlichkeit in ihrer Kulturtaktik beweist, dass Russland und Spanien gar nicht verfeindet sein können, weil sie verschieden wären, sie sind eben gleich. Und „deshalb“ sind „sie“ verfeindet (siehe Nietzsches Gedanken über die Rache), obwohl das gar nicht geht, das heißt, sie halten ihre Bevölkerungen in Verfeindung, indem sie ihnen Selbstbilder geben.

***

Im Grunde ist auch Wagner’s Musik noch Litteratur, so gut es die ganze französische Romantik ist: der Zauber des Exotismus (fremder Zeiten, Sitten, Leidenschaften), ausgeübt auf empfindsame Eckensteher. Das Entzücken beim Hineintreten in das ungeheure ferne ausländische vorzeitliche Land, zu dem der Zugang durch Bücher führt, wodurch der ganze Horizont mit neuen Farben und Möglichleiten bemalt war … Die Ahnung von noch ferneren unaufgeschlossenen Welten; der dédain gegen die Boulevards … Der Nationalismus nämlich, man lasse sich nicht täuschen, ist auch nur eine Form des Exotismus … Die romantischen Musiker erzählen, was die exotischen Bücher aus ihnen gemacht haben: man möchte gern Exotica erleben, Leidenschaften im florentinischen und venetianischen Geschmack: zuletzt begnügt man sich, sie im Bilde zu suchen … Das Wesentliche ist die Art von neuer Begierde, ein Nachmachen-wollen, Nachleben-wollen, die Verkleidung, die Verstellung der Seele … Die romantische Kunst ist nur ein Nothbehelf für eine manquirte »Realität«.“ (Der Wille zur Macht, Friedrich Nietzsche)

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Die Klügeren aus der Bevölkerung merken, dass die Kriegspropaganda ihrer Länder an den Haaren herbeigezogen ist, aber sie sind im Denken so ungeübt, dass sie glauben, dass das Gegenteil einer Lüge oder eines Irrtums folglich die Wahrheit sein muss, was überhaupt nicht stimmt. Es gibt kein Gegenteil von Sonne oder von der Zahl 3.

Das Verhältnis des Menschen zum Denken ist ein rein Platonisches. Der Mensch hat eine ganz vage Vorstellung davon, was das sein könnte, hat dieses Vage für das Ganze erklärt und will nichts Weiteres davon wissen.

In der Kindheit beginnen alle mit Strichmännchen, oft sogar mit Kopffüßlern. Das IST die platonische Idee. Wir glauben dann wirklich, dass wir alles berücksichtigt haben, den Kreis als Kopf mit Punktaugen, Strichnase und Strichmund, dann zwei Striche als Arme und ebensolche als Beine mit je einem Haken als Fuß. Ist doch alles berücksichtigt! Dann laufen wir zu unseren Eltern und denken, dass sie voll des Lobes sein werden und ohne Selbstbild würden wir uns ja in Luft auflösen, schon in ganz jungen Jahren.

Nur eben, mit dem Zeichnen verhält es sich so, dass manche weiter machen und auf jeden Fall völlig loskommen von den Strichmännchen, egal wie gut sie werden. Oder sie geben das Zeichnen auf, weil sie sich für talentlos erklären.

Nicht so beim Denken! Jeder hält sich für talentiert und intelligent, obwohl er nie von den gedanklichen Strichmännchen wegkommt und auch nicht will. Wir können ihn auch nicht darauf aufmerksam machen, denn diese Entscheidung hat er wiederholt bewusst getroffen. Seine Strichmännchen sind sein ein und alles. Nichts ist daran unberücksichtigt, er macht jetzt auch kleinere Ohren und nicht mehr solche Segelohren wie beim ersten Mal.

Es ist unklar, was den Menschen eigentlich vom Denken abhält, entweder hält er es für unnötig (dank der Wissenschaft und Technik obsolet geworden) oder zu langweilig oder zu schwierig, das weiß man nicht, weil man auch darüber nicht nachgedacht hat. Entsprechend ist auch ihr Verhältnis zu ihren „Dichtern und Denkern“. Dass diese eine gewisse Wichtigkeit haben, kann man logisch daraus folgern, dass es Statuen gibt, die sie darstellen. Für unser Selbstbild sind sie nicht unwichtig, sonst könnten wir uns nicht das „Land der Dichter und Denker“ nennen, ein geflügeltes Wort, das nicht von einem Dichter oder Denker stammt oder stammen kann, denn keiner von ihnen hat das Land so gesehen.

Aber im Konkreten muss man nicht gelesen haben, was so ein Dichter und / oder Denker so verfasst hat, weil so eine Beschäftigung entweder wirklich liederlich ist oder eine Freizeitunterhaltung, die diesen Namen nicht verdient, weil zu anstrengend und gleichzeitig zu langweilig. Genies nennt man Dichter und Denker eigentlich nur, um Skulpturen aufstellen zu können, die nicht Skulpturen von prosaischen Gestalten wie Politikern sind, denn diese beflügeln nicht das Selbstbild, wo es sich empor schwingen möchte über die Arbeitswelt.

Das Verhältnis vom Menschen zum Denken ist ein rein Platonisches

„Die Welt geht viel zu langsam unter.“ – sagte eine Figur von Herbert Achternbusch in einem Film von 1981. Dass es stimmt, merkt man daran, dass die Welt immer noch untergeht, so schmerzlich langsam, dass man nicht mehr weiß, ob es auf das Überleben noch ankommt, dass man gar nicht weiß, was das ist.

Es scheint, dass man sich retten muss, es scheint aber auch, dass das nicht ausreicht, dass sich die Menschheit retten müsste und zwar schnell, denn der Untergang ist gleichzeitig so langsam und so schnell.

Fast jeder denkt, dass er wüsste, wie es ginge und dass nur die anderen das Falsche glauben. Viele meinen, wenn XY nicht gewählt wird, dann geht die Welt ganz sicher unter. Dieser Wahn geht seit mehr als hundert Jahren durch alle Köpfe, aber vor hundert Jahren haben die Weltkriege begonnen. Und meistens stellt sich heraus, egal wer gewählt wird, die Welt geht weiter unter. Mal durch Vernichtung von Materie und Körpern, den Rest der Zeit durch Vergessen. Das ist „die Wüste wächst“ (Nietzsche).

Vögel

Schon seit vielen Jahrhunderten, wünschen sich die Menschen, Vögel zu sein, weil sie entkommen möchten und nicht wissen wie. Dabei ist es nicht das Davonfliegen, was uns diese Tiere voraus haben, sie schauen anders aus ihren Augen.

Hunde

Die Menschen machen Filme von ihren Hunden. Hunde berühren sie, weil sie so anders lieben können. Man bewundert ihre Treue. Man ist traurig, weil die Menschen uns so „wertend“ ansehen, so voller Bedingungen.

Und es stimmt. Woher kommt dieses Werten und was ist jetzt passiert, nachdem alle Werte umgewertet wurden? Sie sind verschwunden (obwohl man so viel wie noch nie von ihnen spricht). Und nicht, weil man die falschen Werte hätte und diese wieder zurückwerten müsste oder könnte.

Zu glauben, dass der Wert der zu bewertenden Sache in den Augen ihres Betrachters entsteht, ist das Ergebnis einer Kapitulation vor der Wahrheitssuche.

Der Glaube an die Wissenschaft ist diese gleiche Kapitulation. Man akzeptiert jeden Vorwand, weil man sich so tief in den Nihilismus verirrt hat, dass man an sich selbst nicht glaubt und verschwinden würde ohne die anderen. Man sieht es in den Augen von Tieren, dass die Menschen nicht aus sich selbst herausschauen können.

Sie schauen sich selbst an aus den Augen des Gegenübers. Es ist am einfachsten, das an Frauen zu erkennen, dass sie sich in anderen Menschen spiegeln und sich dadurch fremd sind und sich selbst nicht sehen können.

Dieses verrückte „auf die Nachricht warten“, das sich zeigt, indem die Menschen ihr Telefon überprüfen, sobald sie den kürzesten Moment haben und dann die langsame Zeit so schnell verstreicht, ohne die richtige Nachricht.

Wir versuchen zu lernen und lernen so wenig. Man vergleiche ein Fotomodell, das in Paris über den Laufsteg geht, natürlich in Schuhen, mit denen man eigentlich nicht laufen kann, ohne eine Kunst daraus gemacht zu haben – mit dem mühelosen und geschmeidigen Gang einer Katze über einen Tisch voller Gegenstände, wie sie keinen einzigen davon berührt. Und wie gleichgültig es ihr ist, dass man sie ansieht, während die Menschenfrau hochgradig hysterisch aussieht und die Gleichgültigkeit mit so einer Wut vorspielt, dass sie jeden verachten muss, der sie anschaut. Ständig fotografiert zu werden ist nur eine Steigerung von dem, was alle empfinden.

Diese Verkrampfung, nicht aus sich selbst herauszuschauen, sondern blitzschnell sich in den anderen zu versetzen und sich aus dessen Augen zu interpretieren, hat inzwischen solche Ausmaße angenommen, dass es verboten werden soll, jemanden anders zu sehen, als er sich selbst sehen will, egal wie absurd seine Selbstvorstellung ist. Es gibt auch gar keine andere Lösung, da es keine Wahrheit gibt.

Alles ist eine Dauerbeleidigung. „Ich wünsche mir von dir, dass du…“ und so weiter. Und die anderen hören nicht und verstehen nicht und wollen nicht. Man denkt, die Familie müsste der Ausweg sein, aber warum ist sie so unvollkommen? Die Nation müsste es sein, aber diese ist ein Witz „heutzutage“. Die „Konservativen“ schauen mit Bitterkeit aufs Heute und meinen, dass die Wahrheit in der Vergangenheit liegt, weil sie auf jeden Fall nicht hier und jetzt ist. Die Progressiven schauen genauso bitter, aber sie legen ihr Augenmerk auf die Zukunft. Ihre Wahrheitspläne müssen sich dort erfüllen. Beides ist gleich absurd, aber niemand sieht es ein. Obwohl sie genau die gleiche Art von Irrtum haben, haben sie doch nichts gemeinsam und sind verfeindet. Niemand versteht es, zu mögen, aber jeder schiebt es auf den anderen. Aber der Hund kann es doch, der Hund ist so viel mehr wert als wir. Eigentlich ist er ein Genie. Oder? Warum fällt es ihm so leicht, obwohl er gar nicht denken kann?

Schopenhauer hat den Pessimismus nicht erfunden, er hat ihn nur empfunden. Und er war nicht der Einzige, sonst hätte ihn keiner verstanden.

Es beginnt schon in der Kindheit. Zweijährige Kinder sind reine Poesie, wie Céline sagte. Wann und wodurch verliert man es? Man weiß nicht einmal, was „es“ ist, man interpretiert es als Unschuld. Weil man sonst überall nur Schuld sieht. Dem Christentum dafür die Schuld zuzuweisen ist nur der gleiche Irrtum. Man spricht von Mainstream, aber egal ob es der Hauptstrom ist oder ein Nebenstrom, wir sind im gleichen Strom. Wenn alles nur Hintergedanken sind, was sind dann die eigentlichen Gedanken?

Mit Grauen erkennt man, dass achtjährige Jungs nicht mehr Fußballspielen. Sie tun so, als würden sie Fußballspielen. Der Torwart braucht die großen Handschuhe aus dem Fernsehen, er versucht in Zeitlupe zu springen, weil er das so vom Film her kennt. Das macht er nicht aus Lust, zu imitieren, wie Papageien aus Spaß alles nachäffen, was sie hören und sehen. Er wird beobachtet, er wird immer gesehen, er schaut sich selbst an mit den Augen der anderen und er will es nicht wahrhaben, dass er darin lächerlich wirken könnte. Er übt und schafft es nicht. Und wenn er es schafft, versteht er nicht, warum es ihn nicht befriedigt. Lange glaubt er nicht, dass es ihm passieren könnte, alt zu werden. Aber eines Tages glaubt er es. Voller Grauen sieht nun er, wie die greise Nachbarin abgeführt wird vom Krankenwagen. Es ist zu grausam, dafür kann er doch nicht auf der Welt sein.

Die Welt ist so unsicher, wie kann man das Unglück vermeiden? Da nichts existiert ohne unsere Subjektivität, muss man lernen, sich etwas vorzumachen. Es gibt keine Wahrheit, es gibt nur Erfolg.

Auch Esoteriker glauben das, sie erschaffen sich ihre Welt, indem sie das Unglück oder das Glück anziehen. Wer das Unglück anzieht, ist nun einmal selbst Schuld. Ob man die Unglücklichen verachtet oder bemitleidet ist Geschmackssache. Meistens haben wir nicht die Kraft zum Mitleid, weil wir krampfhaft am Glück schmieden.

„Er war wohl überreizt von der Arbeit und Langweile, da kommt so etwas manchmal vor; aber er fand es gar nicht übel, Stimmen zu hören. Und plötzlich sagte er halblaut: Man hat eine zweite Heimat, in der alles, was man tut, unschuldig ist.“ So phantasierte halblaut der fiebrige Robert Musil, der Eigenschaftslose.

Wenn du in der Psychiatrie arbeitest, darfst du den Patienten nicht das Gefühl geben, in der Psychiatrie zu sein. Wir wissen auch, dass bestimmte Gehirnscans mit Alkoholismus, Drogensucht, Demenz oder Selbstmordgedanken korrelieren. Heißt das, dass sie die Ursache dafür sind? Das wissen wir nicht, wir wissen nur, dass sie korrelieren. Es macht aber Sinn, an seiner Gehirngesundheit zu arbeiten, dann verbessern sich auch diese Zustände.

Die Zeit ist das Übel

Time is the evil. Das ist das Seltsame, dass die Zeit selbst das Böse ist. Die Konservativen und die Progressiven hassen beide die Zeit, sie können gar nicht anders, die Zeit stellt sich ihrem Willen entgegen. Wer ist schuld an dem Krieg? Der ‚Kriegstreiber‘ wird auf jeden Fall dafür ‚bezahlen müssen‘, es ‚ruft nach Vergeltung‘. Da der Kriegstreiber immer der andere ist, verstricken sich alle in einen so absurden Krieg, dass man die Gerechtigkeit herbeirufen muss, um den Krieg in ihrem Namen zu führen.

Nietzsche hat es verstanden, dass die Rache ein Hass gegen die Zeit selbst ist.

(Also sprach Zarathustra von Friedrich Nietzsche)

Höhlenmenschen und Kinder der Sonne

Unterwegs bei Platon („Der Staat“)

»Aber doch«, sagte Goethe, »ist alles sinnlich und wird, auf dem Theater gedacht, jedem gut in die Augen fallen. Und mehr habe ich nicht gewollt. Wenn es nur so ist, daß die Menge der Zuschauer Freude an der Erscheinung hat; dem Eingeweihten wird zugleich der höhere Sinn nicht entgehen, wie es ja auch bei der ›Zauberflöte‹ und andern Dingen der Fall ist.« (- Johann Peter Eckermann, aus: Gespräche mit Goethe in den letzten Jahren seines Lebens – über sein Stück „Helena“, das er hier vergleicht mit der berühmten Freimaureroper „Die Zauberflöte“, möglicherweise bezieht er sich aber auch auf sein Libretto, da Goethe einen zweiten Teil der Zauberflöte verfasst hat)

Man kann in seinem Leben philosophischen Fragen aus dem Weg gehen. Das bedeutet aber, dass man diese Fragen anderen überlässt. Das ganze organisierte Gemeinschaftsleben von uns Menschen („der Staat“) fußt auf diesen Fragen, die dennoch seit mehr als 2000 Jahren beunruhigend unbeantwortet und unklar geblieben sind.

Man kann weggehen und sagen, dass die Fragen nach beispielsweise Gerechtigkeit, Freiheit, Schuld usw. uninteressant sind. Aber an jeder Straßenecke steht jemand, der einen darauf hinweist, man müsse nach der neuesten Mode gendern, weil sich sonst jemand ungerechterweise ausgeschlossen fühlt, man müsse eine Tüte über dem Kopf tragen, weil man sich sonst schuldig macht, am Schnupfen eines anderen Passanten und so weiter.

Viele flüchten sich daher in irgend eine Ideologie, und nehmen eine politische Haltung ein, die alle Erwiderungen und Antworten vorgibt, und die man noch mit anderen zusammen einnehmen kann, was sehr wichtig ist, damit sich der Mensch weniger einsam fühlt. Das ist sicherlich menschlich, aber das Problem ist, dass irgendjemand dieses „Spiel“ besser beherrscht als die anderen, die in Menschenherden hier und da grasen oder nervös hin und her laufen. Diese Menschengruppen werden von Profis nicht „Herde“ genannt, wohl aber so betrachtet. Man nennt das beispielsweise Marktforschung und kann sich darin ausbilden lassen oder es studieren. Wenn man BWL studiert, merkt man, dass entweder niemand an Wahrheit glaubt oder ein Wahrheitsglaube jedenfalls wie verboten zu sein scheint und in den Bereich der Religion oder auf andere esoterische Spielwiesen verbannt wird, da es in der Betriebswirtschaft darum geht, Profit zu machen und der Profit die Wahrheit sozusagen ersetzt.

Die Herde als Ganzes und ihre Einzelindividuen sind völlig verwirrt, ohne es zu merken. Einerseits verurteilen sie die „Lüge“ und wenn sie eine „systematische Lüge“ entdecken (und das passiert sehr selten), sind sie ganz entsetzt und meinen, die Welt stehe Kopf, obwohl sich gar nicht geändert hat. Andererseits möchten sie, dass ihre Kinder etwas „Ernstes“ wie BWL studieren und würden sich Sorgen machen, wenn ihre Kinder Philosophie studierten, obwohl das so ziemlich das einzige Fach ist, das sich auf die Fahnen geschrieben hat, der Frage nach der „Wahrheit“ nachzugehen. Ich glaube nicht, dass sie die Frage beantworten könnten: Kann denn jemand, der nicht an Wahrheit glaubt, ein Lügner sein?

Aber diese Frage ist eine künstliche Vereinfachung, denn was würde das heißen, an Wahrheit glauben? Meint das, dass man glaubt, sie definieren zu können? Oder glaubt man nicht an Wahrheit, wenn man denkt, dass sie sich einer Definition entzieht? Nur weil sie sich womöglich einer Definition entzieht, heißt es nicht, dass man von dieser Erkenntnis so desillusioniert werden muss, dass man ab da nur noch versucht, jeden übers Ohr zu hauen und von allem „zu profitieren“, was sich auch schon wieder einer Definition entzieht. Das wäre wie zu sagen, dass man sich umbringen müsste, wenn sich das Leben einer Definition entzöge. Das wäre absurd, aber man sieht, wie schnell eine noch sinnvoll klingende Aussage ins Absurde entgleiten kann, fast wie von selbst. Die Dialoge von Platon sind sehr gute Beispiele dafür, ja bis zu einem gewissen Grad ist dieses Thema der wahre Inhalt dieser Dialoge. Man denkt zum Beispiel, dass es in „Der Staat“ um das Thema Gerechtigkeit geht, aber wenn man darüber nachdenkt, wie das Thema behandelt wird, nämlich in Dialogen, wo eine Art Sprachanarchist (Sokrates) an jeder vernünftig scheinende Aussage wie durch unsichtbare Schräubchen in ihr Gegenteil verkehrt, dann hat man seinen Zweifel daran, ob Platon an Gerechtigkeit geglaubt hat oder, wenn ja, ob er überhaupt vorhatte, diese in besagten Texten zu suchen. Der Strom seiner Ideen ist so reich und stark und trotzdem weiß man nicht, welche Erkenntnis eigentlich die Quelle ist und welche Absichten diesen Strom lenken. Platon ist zugleich klar und undurchsichtig. Es ist unvermeidbar, sich über das Ungesagte bei Platon Gedanken zu machen



Ich will ihm dabei aber nichts unterstellen. Platon musste miterleben, wie sein Lehrer, Sokrates, zum Tode verurteilt wurde, weil dieser eben dem Staat nicht geheuer war. Wenn ich nun bei Platon lese, dass die Dichter aus seinem Staat verbannt werden sollten (womit er aber bestimmte Dichter meint), dann wird mir nicht klar, ob Sokrates nicht auch verbannt worden wäre und ob Platons eigenes Buch dort erlaubt wäre.

Dass Platon nach wie vor ein heißes Pflaster ist, kann man leicht zeigen. Das Kultusministerium möchte lieber nicht jungen Leuten zumuten, diesen ungefiltert zu lesen.

An deutschen Schulen zitiert man eine der berühmtesten Aussagen aus „Politeia“ etwa so:


„Wofern nicht, begann ich, entweder die Philosophen Könige werden in den Staaten, oder die, welche jetzt Könige und Herrscher heißen, echte und gründliche Philosophen werden, und dieses beides in einem zusammenfällt, Macht im Staate und Philosophie (…), gibt es, mein lieber Glaukon, keine Erlösung vom Übel für die Staaten, aber auch nicht für die Menschheit.“ (Politeia V 473c)


Die gelangweilten Schüler finden, dass das eigentlich ganz gut klingt, nobel irgendwie… sie denken aber auch nicht weiter nach, noch entdecken sie, was hier ausgespart wurde.

Dieses „(…)“ deutet man in seinem Kopf als Kommentar des Zitierers „ich erspare euch lange, komplizierte Sätze, die nichts mit dem Kern zu tun haben“. Aber wenn sie gar nicht lang sind und extrem wichtig für den Kern und trotzdem ausgelassen werden?

Die Stelle, die ausgespart wurde, sagt über unsere Zeit und unsere Schulbildung selbstverständlich mehr aus als über Platon:


„Wofern nicht, begann ich, entweder die Philosophen Könige werden in den Staaten, oder die, welche jetzt Könige und Herrscher heißen, echte und gründliche Philosophen werden, und dieses beides in einem zusammenfällt, Macht im Staate und Philosophie, den meisten Naturen aber unter den jetzigen, die sich einem vom beiden ausschließlich zuwenden, der Zugang mit Gewalt verschlossen wird, gibt es, mein lieber Glaukon, keine Erlösung vom Übel für die Staaten, aber auch nicht für die Menschheit.“


Und so lässt Platon ausgerechnet Sokrates sprechen. Das ist der gleiche Sokrates, der mit 70 Jahren zum Tode verurteilt wurde und dessen Verteidigungsrede gerade darauf aufbaut, dass es ihm nie um Macht ging, dass er politische Betätigung immer vollständig ausgeschlossen hat und als Zeugen dafür rief er vor Gericht seine eigene Armut auf. (Siehe „Apologie des Sokrates“, ein anderes Buch von Platon.)

Der eigentliche, historische Sokrates war – kann man vermuten – so ein Philosoph des altes Schlages, der auf dem Marktplatz herumstand, Leute in Gespräche verwickelte und verwirrt zurückließ, und zwar nicht, über etwas Neues, sondern indem er zeigte, dass das Selbstverständliche nicht nur nicht selbstverständlich, sondern sogar völlig unverständlich ist.

Er wurde vom Staat hingerichtet, weil er angeblich mit diesen Reden die Jugend verdorben hat und außerdem noch nicht an die konventionellen Götter geglaubt haben soll, also er soll ein Ketzer gewesen sein.

In Platons Dialogen geht es bei der fiktiven Staatsgründung auch um Götter, aber in dem Hinblick, welche Göttervorstellungen für einen Staat gut sind. Dort wirken alle Diskutanten wie abgebrühte Atheisten. Und obwohl das schockierend wirkt, ist das noch längst nicht alles. Es gibt in diesen Gesprächen eine Atmosphäre der Gefährlichkeit und der Verschwörung, der Komplizenschaft, und Sokrates hat dabei die Rolle des Anführers. Dabei wurde Sokrates in seiner Anklage niemals Verschwörung zur Last gelegt

Das ganze erste Buch hindurch, gelingt es den Philosophen nicht, Gerechtigkeit zu definieren und das bringt niemanden zur Verzweiflung. Ganz im Gegenteil scheinen sie sich mit der Zeit unausgesprochen darauf zu verständigen, dass keine nähere Bestimmung möglich und nötig ist. Und plötzlich schlägt Sokrates vor, einen Staat zu gründen, der natürlich „gerecht“ sein muss. Deswegen wirken sie eben wie Komplizen, da keiner von ihnen Angst bekommt, sondern alle in der gleichen Manier wie vorher weiterreden und im Großen organisieren wollen, was sie gar nicht beschreiben, definieren oder belegen konnten. Und innerhalb kürzester Zeit wird auch noch klar, dass nicht die Rede von einer Dorfgemeinschaft ist, sondern von einem Staat mit großem, komplexem Wirtschaftsgefüge, großen Reichtümern und natürlich Krieg. Keiner macht einen Einwand, keiner fragt, ob das nötig ist und ob ein kleiner, bescheidener Staat nicht ausreicht.

Warum Platon Sokrates in „Politeia“ so konträr darstellt zum Sokrates aus seiner „Apologie“, weiß man nicht und kann man nicht wissen. Vielleicht wollte er durch den erfundenen Sokrates zeigen, was der Fehler des echten Sokrates war und was die Methode gewesen wäre, der Hinrichtung zu entkommen, indem er nämlich gemeinsame Sache mit dem Staat macht. Vielleicht ist es in irgendeiner Weise auch eine fiktive Rache des Schülers des Sokrates an Allen…


Was ist Aufklärung?

„Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit“

 

 

Die Aussage klingt ziemlich gigantisch. In der Schule habe ich das seitens des Lehrers, der uns über die Aufklärung aufgeklärt hat, sogar als verdeckten Vorwurf empfunden oder als: „Was euch auch passiert im Leben, ihr seid selbst schuld.“ Als Denkansatz klingt das jedenfalls fulminant und man erwartet eine konkrete Beschreibung eines radikalen Ausgangs. Jedoch findet man eine solche Beschreibung in Kants berühmtem Text nicht. Er sagt ganz deutlich, dass z.B. ein Angehöriger des Militärs nicht einen Befehl verweigern könne, ebensowenig wie ein Angestellter einfach seine Arbeit niederlegen und heimgehen dürfe. Dem Erlass des Herrschers müssen sich alle beugen. Aber, wenn man innerlich diese Handlungen nicht für richtig halte, dann könne man seine diesbezüglichen Ansichten nach der Arbeit aufschreiben und einem Verlagshaus anbieten. Ganz so konkret wird Kant nicht, vielleicht meinte er auch, man könne seinen Text ja selbst drucken, wenn man eine Druckerpresse zu Hause hat. Jedenfalls müsse man anschließend abwarten.

Vielleicht wurde Kant auch falsch verstanden und er meinte gar nicht, dass jede Unmündigkeit (oder Sklaverei) selbstverschuldet sei, sondern dass die Aufklärung dazu dienen mag, dem Menschen aus dem Teil der Unmündikeit herauszuhelfen, den er selbst verschuldet (=verursacht). Und in der Ausübung dessen, können man vielleicht die Ansichten der Anderen ein Stückweit verändern. Was realistisch klingt. Dass man die Aufklärung aber braucht, scheint zu zeigen, dass ohne sie eine Art Missverständnis vorliegt und dass viele Menschen gar nicht erkennen, dass sie zum Teil selbst- und zum anderen Teil fremdverschuldet unmündig sind. Und wenn eine Unmündigkeit vorliegt, die ausgerechnet seitens der Unmündigen nicht erkannt wird, dann liegen einige Vermutungen nahe, zum Beispiel, dass es Mündige gibt und dass das Nichterkennen seitens der Unmündigkeit in Bezug auf ihre Situation nicht ganz zufällig ist, sondern womöglich kultiviert wird, wobei die Mündigen hier auch im Verdacht stehen, Unaufklärung zu befördern.
In dieser Beschreibung sieht man auch schon, dass die Aufklärung selbst, davon bedroht ist, zur Scheinaufklärung zu werden.

Vielleicht ist jedenfalls der Text von Kant klarer, als er scheint und wir haben die Aufklärung seit dem Idealismus einfach nicht weiter betrieben, sondern haben nur so getan als ob. Man sagt heute gerne, „die Menschen müssen ins Handeln kommen“ und damit wird oft Streik, Generalstreik, Revolution, politischer Machtwechsel und von Manchen sogar Krieg gemeint.
Die Zeit wird es vielleicht zeigen, dass diese Dinge gar nichts helfen. Eigentlich hat es die Zeit schon mehrfach gezeigt.

 

Das Schloss

Als ich mich umdrehte, war das Schloss immer noch da. Das wunderte mich nicht besonders, denn das Schloss war mir schon seit Tagen gefolgt.

Als Münchnerin philosophiere ich am liebsten im Nymphenburger Park. Ich gerate in eine Trance der Nachdenklichkeit, während meine Schritte und meine Gedanken sich gemeinsam entwickeln – Gehen und Nachdenken, das ist so ähnlich, wie Schreiben und Nachdenken. Aber Gehen und Denken sind nie dasselbe, sie treten nur gern gemeinsam und gleichzeitig auf.
Das Regenwetterlicht machte mich melancholisch und verlieh der Atmosphäre etwas von Größe und stiller Gewalt. Ich erinnere mich noch, wie das Schloss zu leuchten begann, als ich gerade über das Denken nachdachte und seine Rolle in der Welt. Meine mailändischen Schuhe (in Wirklichkeit hatte Thailand sie hervorgebracht) begannen zu drücken und ich erkannte die Notwendigkeit zu verreisen. In der Tram sah ich diesen Umstand noch deutlicher und als ich an den Gärtnerplatz gelangte, hatte ich einen Plan. Paris. Pläne schmieden raubt meine ganze Aufmerksamkeit und so muss mir entgangen sein, dass mich das Schloss verfolgte – vielleicht aus Reiselust, ich weiß es wirklich nicht. Das Schloss verfolgte mich wie ein hungriges Tier, eines, das mich auffressen wollte oder eines, das mich als Nahrungsspender auserkoren hatte. Immer wenn ich mich umdrehte, stand es da und tat so, als hätte es immer dort gestanden.
In Paris habe ich versucht, mit dem Schloss Kontakt aufzunehmen, doch es schwieg beharrlich. Ich fragte es, ob es sich vielleicht den Spaß erlaubte, mich in den Wahnsinn zu treiben oder zu verblüffen, doch das Schloss stand still und fest, mit Regengewalt. Denn das Wetter verfolgte mich gleichfalls. „Sei´s drum“, dachte ich, „es wird schon aufgeben, früher oder später.“ Manchmal beunruhigte es mich. Manchmal versteckte sich das Schloss, um wieder aufzutauchen, dann musste ich fast lächeln und sagte zu mir: „Gut, dann habe ich eben ein Schloss. Zwar nicht auf die Art, wie ich es gerne hätte, aber immerhin, besser ein folgsames Schloss, in dem es sich nicht wohnen lässt, als keins.“
Ich hatte noch genug Geld, aber ich wollte nicht in Paris bleiben. Eigentlich hatte ich nur noch den Wunsch, das Schloss loszuwerden. Denn so war die Situation ja noch recht angenehm, aber wenn das Schloss noch zutraulicher würde, so dachte ich, dann könnte ich keine Räume mehr betreten, weil es jedes Café und jede Wohnung mit seiner Gegenwart sprengen würde. Wo ich auf Cafés zu denken kam, fiel mir Wien ein, wo ich auch gleich meine Schwester besuchen konnte. Also ging ich nach Wien.
Mit einer gewissen Enttäuschung bemerkte ich, dass ich meine Schwester nicht eben in Freude versetzte, als ich – Koffer in der Hand – vor ihrer geöffneten Türe stand. Sie begann fast sofort, mir etwas über Stress und Krankheit zu erzählen, über einen Streit mit F. und über eine Depression infolge von zu vielen Kunstfilmen. Welche Art von Kunstfilmen, wollte ich wissen, als ich mich behaglich-unbehaglich bei ihr umsah. Wenn ich zu meiner Schwester eile, vergesse ich manchmal, dass unsere Gemeinsamkeiten unserer Beziehung abträglich sein können. Wenn sie mich missgelaunt auf einen Kaffee einlädt und dabei eine gewisse Reizung in der Stimme bemerkbar wird, steige ich sofort auf den gleichen Zug und werde meinerseits heikel.
„Ich bin nur auf der Durchreise“, versuchte ich, sie zu beschwichtigen, andererseits wollte ich sehen, ob sie hierauf gekränkt reagieren würde und mich vielleicht doch bei sich wollte. Sie sagte sofort: „Nein, du musst hier bleiben, wir sehen uns ein wenig die Stadt an, ich muss dir so viel erzählen!“
„Fahren wir nach Sankt Petersburg“, antwortete ich inspiriert ob ihrer Zuneigungserkärung. „Dort werden wir uns alles sagen!“
Sarah war etwas überrumpelt, fand die Idee aber nicht schlecht, denn die Kunstfilme, die sie sich angesehen hatte, waren sämtlich von Tarkowski. Da ich von ihr ein glattes „Nein“ erwartet hatte, wurde ich durch ihren Zweifel motiviert. Ich sprach davon, dass man nie weiß, wann man stirbt, dass wir einander, wie sie ja selbst zugegeben hatte, viel zu sagen hatten und dass eine Luftveränderung ihr nur gut tun konnte, angesichts der prosaischen Widrigkeiten ihres Lebens. Ihre Augen glänzten auf vor Lust und erinnerten mich an das Aufglänzen des Schlosses. Ich war fast versucht, ihr die Geschichte zu erzählen, aber ein schlechtes Gewissen verhinderte dies. Gleichzeitig blickte ich aus dem Fenster und sah es – wie es mich anglotzte. Ich schluckte, wie man so sagt, aber ich schluckte, als hätte ich einen Stein verschluckt.
Wir fuhren nach Sankt Petersburg, Sarah hatte sich frei von allen Bedrängnissen gemacht und ich hatte günstige Tickets besorgt, auch das Visum bekamen wir leicht, ich zahlte alles, denn als Schlossbesitzerin hatte ich ja genug Geld, wie ich mir sagte. Am Flughafen glotzte mich mein Schloss durch eine verglaste Wand an und ich wusste langsam nicht mehr, wie lange ich das aushalten würde. Fast traute ich mich nicht mehr, meiner Schwester in die Augen zu sehen.
Als wir mit Pulkova Airways in Sankt Petersburg landeten, herrschte der Nebel. Er herrschte über die Stadt, als sei sie die Welt und als ob es hinter dieser Welt keine weitere Welt gäbe. Es war, wie die berühmten tausend Stäbe. Stundenlang warteten wir in der Schlange wegen der Passkontrolle und endlich ließ man uns ins Nichts frei. Mit dem Taxi fuhren wir zum Hotel, im Hotel begegnete man uns sehr kalt, wir waren müde und frustriert, außerdem hatte ich unterwegs mein Schloss gesehen – in den Wolken, als wir im Himmel waren – und es drückte mich, davon etwas zu sagen, aber ich hatte zu viel Angst. Der Nevskji Prospekt war viel gemeiner, als ich es mir vorgestellt hätte, sogar das Marinskji Theater bewegte uns nicht, der Schwanensee rührte mich zwar zu Tränen, aber ich weiß nicht warum, vielleicht war ich müde und depressiv und viel zu allein. Aus den Augen der Tänzerinnen starrte mich mein Schloss an und ich biss mir aus Versehen auf die Zunge.
Abends in einer Kneipe wussten wir beide aus einer leichten Vorahnung heraus, dass wir kurz vor einem Besäufnis standen, wir unternahmen jedoch nichts dagegen, weil Sarah an ihr Leben dachte und ich an mein Schloss. Wir betranken uns so gnadenlos, dass meine Zunge nicht mehr konnte, ich sah nur noch Schlösser überall. Wir stritten uns zuerst über Kleinigkeiten, dann fingen wir an zu konkurrieren, wer von uns die Unglücklichere sei, wer von uns noch weniger Zukunft vor sich habe und schließlich geriet ich so in Rage, dass ich rief: „Ich habe ein Schloss! Ich habe ein Schloss gesehen! Es verfolgt mich!“
Damit hatte ich ihr kurz den Wind aus den Segeln genommen, ganz benommen blickte sich mich an und fragte: „Echt.“
„Ja, ich habe es gesehen und es geht mir nach, es lässt mich nicht mehr in Frieden.“
Sie verdeckte ihre Augen mit den Händen und sagte: „Oh Gott, Elsie, wie schrecklich. Oh Gott.“

Narrative, Semiotik – oder wer haucht hinter dem Schleier?

Ich habe ein sehr gutes Buch von W. B. Yeats mit dem Titel „The trembling of the veil“. Man könnte den Titel übersetzen mit „Das Zittern des Schleiers“. Bei Schleier denkt man, dass sich ein Mensch, vermutlich eine Frau dahinter befindet, die verhüllt wird. Meistens wird etwas oder jemand verhüllt, ein Mensch, tot oder lebendig, oder nichts, um zu verheimlichen oder (bei Gelegenheit) zu enthüllen, dass nichts hinter dem Schleier ist, dass eigentlich nichts angebetet oder angestaunt oder mystifiziert wird. Könnte natürlich auch sein, dass ein Geist dahinter ist, der die Bewegung in den Schleier bringt, durch Atem oder Bewegung… ? Das Spannende an dem Titel ist eben die Enthüllung oder auch, dass die Enthüllung nicht nötig ist, weil man versteht, WESHALB der Schleier zittert. „Der Hauch hinter dem Schleier“, vielleicht?

Es gibt immer wieder Menschen, die etwas Ähnliches versuchen, was schon andere versucht haben und es täte sehr gut, wenn die neueren Versucher über die Fehler und Einsichten ihrer Vorgänger Bescheid wüssten. Das wäre sogar der eigentliche Sinn vom Lernen aus der Geschichte. Vielleicht ist es sogar der einzig wahre Sinn der Geschichte.

Mit Geschichte meine ich natürlich nicht „Narrative“ oder seine neudeutsche Übersetzung. Denn Narrativ impliziert, dass es nur um eine festgelegte Erzählweise geht. An einer Erzählweise sind bestimmte Eckpunkte oder Knotenpunkte wichtig, aber nicht unbedingt richtig. Genauer gesagt, handelt es sich um eine Kultivierung der Lüge.

Hier unten in dem Schaubild sieht man eine Zusammenfassung des Prozesses. Am wichtigsten ist der letzte Punkt „intended response“, der in Wirklichkeit der erste Schritt ist. Man beginnt in der Semiotik damit, dass man eine bestimmte Reaktion eines Betrachters beabsichtigt. Nach diesem Ziel wählt man dann Zeichen, Kontext, Bedeutung etc.:

Es gibt Elemente der „Sprache“ (im weitesten Sinn, wie Semiotik Sprache ansieht. Beispiel. Wenn du vor einen Chef trittst in seinem Büro und er einen enorm großen Tisch vor sich hat, dann ist das innerhalb seiner Sprache, egal, was er sonst sagt: „Ich bin so enorm wichtig, wie mein Tisch groß ist. Was willst du von mir?“) und Methoden, die dem Ausbau oder der Machtergreifung dieser permanenten Lüge in den Köpfen der Menschen förderlich sind. Man muss diese Elemente und Methoden nicht durchschauen, um sie richtig anzuwenden. Daher lernt man sie in Schulen und Universitäten. Es ist ein Modell zum Zusammenbauen.

„Semiotik ist im Prinzip die Disziplin, die alles untersucht, was verwendet werden kann, um zu lügen. Wenn etwas nicht zum Lügen verwendet werden kann, dann kann es umgekehrt nicht dazu dienen, die Wahrheit zu sagen: es kann überhaupt gar nichts aussagen”. (Umberto Eco, A Theory of Semiotics, 1976).

Es gibt eine seltsame Verdrehtheit in diesen Sätzen. Eine untersuchende Disziplin (das klingt tugendhaft oder militärisch oder beides, obwohl Tugend und Militär möglicherweise unvereinbar sind), die das Lügen untersucht, sollte sich eigentlich auf das Lügen konzentrieren und nicht auf die Gegenstände, die zum Lügen verwendet werden.

Und warum ist Eco in seiner zentralen Definition so ehrlich zu sagen, dass es nur um das Lügen geht. Wenn die Aufgabenstellung wäre, alles zu studieren, was verwendet werden kann, um ehrlich zu sein oder um die Wahrheit zu entdecken (das ist normalerweise nicht das gleiche), dann würde man möglicherweise andere Gegenstände betrachten und zu ganz anderen Schlussfolgerungen kommen.

Ich würde sogar sagen, es gibt noch ein Drittes, was zur Produktion von „Narrativen“ nötig ist, also Elemente, Methode und – Stimmung. Ich möchte das ganz kurz erläutern an einem Studenten. Er lernt 1. Elemente, das sind Wörter (Fachbegriffe etc.) selbst und feste Wortkombinationen, 2. Methode, nämlich Sätze bilden aus Elementen, die in sich schlüssig sind und auf Zustimmung in Universitätskreisen stoßen und dann noch 3. eine „Stimmung“, die beides trägt, zum Beispiel die Stimmung „Wir sind Experten unter uns“ (diese Stimmung ist sehr typisch für Universitäten). So eine Stimmung ist eine sehr von außen auf sich schauende Stimmung. Nicht eine Stimmung, die von innen kommt, sondern eine Stimmungsreaktion auf andere. Früher nannte man das Eitelkeit, heute nennt man es häufig Ego.

Ob der Träger dieser Elemente, Methoden und Stimmung nun den tieferen Sinn, des zu bildenden Narratives wirklich versteht, welches er unterstützt, ist nicht wichtig. (Wichtig ist, dass einige Schlüsselpersonen in Machtstellungen genau wissen, worum es geht und alles im Blick haben.)

Warum setzt man dieses Narrativ ein?

Unter anderem, um „wahre Logik“ zu unterdrücken. Blenden wir kurz ein Bild ein: ein Mann zielt mit Pfeil und Bogen auf einen faustgroßen Stein auf dem Boden. Was denkt man? Man denkt, dass der Pfeil zu schwach ist, um etwas am Stein zu bewirken und man fragt sich, was der Sinn dieser Handlung sein könnte. Man denkt also über Ursache und Wirkung und über Verursacher und Absicht nach.

Natürlich kann man immer alles abstrahieren und meinen, der Vorgang dieser Abstraktion wäre viel nobler als die banalen Fragen: was trifft auf was und was ist die Absicht dahinter? So denken Tiere, vor allem, wenn es ums Überleben geht. Und ich kann nicht sagen, dass sie Unrecht haben.

Ich möchte hinzufügen, als Anstoß, wenn man den Text „Was ist Denken“ von Heidegger liest, dann sollte man sich nach Heideggers Absicht fragen in seinem Setzen der Wörter, statt nach seinen Elementen (Wörtern und ‚auseinandergesetzen Wörtern‘) zu greifen und diese nach der Methode der Universität wieder zusammenzubauen. Natürlich wird man an der Universität akzeptiert, wenn man Heidegger liest, seine Schlagwörter nimmt, seine bestimmten Wort-Trennungen usw. und den Rest mit gefälligem Gebildetendeutsch füllt. Aber das ist nicht seine Methode und auch nicht das, was er vorschlägt… Ich glaube, Heidegger hätte Ezra Pound zugestimmt, als dieser meinte: „Wir denken, weil wir nicht wissen.“ Es gibt bestimmte Prozesse, die Wissen generieren können. Der semiotische Prozess gehört nicht dazu. Und zwar, weil er sich am besten zum Lügen eignet. Der Beweis? Die semiotische Theorie findet ihre beste Anwendung im Marketing, in der Werbung. Beispiel. Die aufgeblasene, metallisch glänzende, meist rot und goldene Verpackung von Chips (minderwertige und überteuerte Lebensmittel, die aber sehr knusprig sind), wirken auf den zufälligen Passanten, der eigentlich Babykarotten kaufen wollte, appetitanregend, um es vorsichtig zu formulieren, sie wecken bei ihm Gier und Heißhunger. Das klingt harmlos, aber diese Person wollte womöglich gerade ein gesünderes Leben anfangen, als sie ‚gehackt‘ wurde von semiotischen Werbefuzzis.

Ein anderes Beispiel. „Race for the White House“. Die USA sind bei weitem am Fortgeschrittensten in den Werbekampagnen von Politikern. Dem Zufall wird nichts überlassen. Und ich empfehle dem Skeptiker, zuerst 10 Fotos der berühmtesten Demokraten – 10 Fotos der berühmtesten Republikaner gegenüberzustellen. Es kann niemandem entgehen, dass diese ersten 10 auffällige Gemeinsamkeiten im Gesicht haben, ebenso wie die zweiten 10. Ich überlasse jedem die Analyse hiervon und schreibe nur ganz kurz meine Eindrücke. Der Demokrat wirkt insgesamt, als ob er nach oben blickt, sozusagen zu einem Engel, den er in seinem Gesicht dann nachahmt, sie sind etwas zu heilig, um wahr zu sein. Der Republikaner wirkt, als ob er eher auf die Erde schaut, entsprechend ist sein Gesicht häufig runder oder kantiger im Kiefer, er schaut auf keine Engel, er ist zu „schlau“. („Schlau“ ist die Übersetzung von „smart“. Heute sagt fast keiner mehr „intelligent“. Das Beste, was man über einen Menschen sagen kann ist, dass er „smart“ ist, siehe der Sprachgebrauch von Donald Trump und Elon Musk. Ich habe die beiden noch nie von Intelligenz sprechen hören, nur den zweiten von „künstlicher Intelligenz“. Bei einem eigentlichen Menschen ist das höchste der Gefühle aber „smart“.)

Der Republikaner ist gleichzeitig Cowboy und reicher Geschäftsmann. Und Ronald Reagan war daher seine perfekteste Darstellung. Der Cowboy (Arbeiter in der Landwirtschaft im 19. Jahrhundert) und der Geschäftsmann (auf-dem-Stuhl-Sitzer und höchstens Hobbysportler oder Golfer) haben eigentlich nichts gemeinsam, aber das stört die Propaganda nicht. Sieht man sich in diesen Überlegungen Putin an, merkt man, dass er „Republikaner“ ist, ironischerweise? Manchen gilt er als Ex-KGB und Erzkommunist. Tiefe Widersprüche sind nicht das Problem von Semiotikern, im Gegenteil, der gerade stattfindende Krieg ermöglicht es allen Parteien, gegen die Nazis zu kämpfen (the hero against the villain), obwohl diese gegenseitig kämpfenden Parteien, „Nazis“ oder „Faschisten“ nicht definieren könnten, noch jemals auf die Idee kämen, einander zu fragen, wie es sein kann, dass sie einander bekämpfen, obwohl sie das gleiche bekämpfen? Aber das ist ein Tabu.

(Noch ein Beispiel. Kanye West hat sich zumindest ein Mal sinnvoll geäußert, als er sagte: „Wir“ – Er meinte dabei sich und seinesgleichen. – „Sind nicht die Illuminati, wir sind Gesichter von Marken.“)


Zeichen können alles Mögliche sein, womit man lügen kann, folglich können sie ein Buchstabe sein (siehe gerade ein Buchstabe, der sich in Russland ausbreitet, obwohl er gar nicht in dem kyrillischen Alphabet existiert. Ich nenne ihn aus politisch korrekten Gründen „ts“.), ein Wort, eine feste Wortverbindung, ein Bild, ein Schnurrbart, eine Frisur (siehe die Abstraktion und Reproduzierbarkeit von Andy Warhol), Mikey Mouse Ohren, ein Geruch (siehe Parfüms), ein Auto (Statussymbol), eine Schriftart (so binden Zeitungen ihre Leserschaft, Süddeutsche, die Zeit, Bild usw.) und im Grunde alles, womit man lügen kann. Was ist mit Zahlen? Nichts einfacher als das. Wenn man zum Beispiel möchte, dass ein medizinisches Produkt, das man verkauft, als 99,98 % wirksam angesehen wird, wäre es am besten, dass man einfach genau das semiotisch zeigt, indem man die Zahl in dem Zusammenhang wiedergibt. Das wirkt auch sehr wissenschaftlich und passt sehr gut zum Slogan „Science will win“. Probleme können nur von juristischer Seite herkommen und dann kann man entweder 1. Die Idee aufgeben oder 2. Eine gemeinsame Lösung finden, die für alle notwendigen Parteien angenehm und vorteilhaft zugleich ist. Man muss immer an die Gemeinschaft denken und zu einer gemeinschaftlichen Ver…gewisserung und Ver…ständigung kommen.

Damit diese Ver…bindlichkeit nicht mit Verschwörungserzählungen verwechselt wird, braucht es nur einen Gesichtsausdruck (ein Zeichen).

In Wirklichkeit ist ein Gesichtsausdruck kein „Zeichen“ in einem semiotischen Sinn, sondern ein „Anzeichen“ für eine Gemütsregung. Schauspieler lernen, diese zu imitieren oder eine Gemütsregung in der Vorstellung zu durchleben und dadurch den Gesichtsausdruck zu erhalten. Es klappt nur eingeschränkt gut, aber die Menschen sind sehr stark konditioniert, „Schauspieler“ zu sehen und zu akzeptieren. Also vor allem Menschen, die nicht aus ihren eigentlichen Impulsen heraus sprechen. Alle Nachrichtensprecher gehören dazu. Bei vielen ist Tucker Carlson von Fox sehr beliebt, aber er hat keinen Ausdruck in den Augen. Zwar runzelt er gerne die Stirn, um von seinen ausdruckslosen Augen abzulenken und bewegt sehr intensiv seinen Mund, aber etwas stimmt nicht an dem Gesamteindruck.

Politiker gehören dazu. Trump erinnert ein wenig an Carlson, indem er ebenfalls sehr stark mit dem Mund redet, so stark, dass es so scheint, als würde dieser Mund ganz alleine sprechen. Und sein Mund erinnert wirklich etwas an eine Trompete, weil er seine Lippen so nach außen stülpt, wie ich es noch nie ‚in der freien Natur‘ gesehen habe.

Unsere neue Außenministerin wird oft verspottet, weil sie den Anschein macht, Schwierigkeiten mit der deutschen Sprache zu haben. Ich glaube nicht, dass es so ist, sie kann nur nicht die Texte sprechen, die man ihr vorgibt, weil diese Texte vollkommen absurd sind. Kleinen Kindern passiert oft etwas ähnliches, wenn sie versuchen mit „Erwachsenenwörtern“ zu reden und die Zustimmung der Erwachsenen dadurch zu bekommen. Sie vertauschen dann versehentlich ein Wort und es entsteht eine Komik, weil es fast nach Satire klingt. Vielleicht hat die Außenministerin eigentlich ein ähnlich gutes Gehirn wie ein Kind, es denkt dann vielleicht „Ob du jetzt ‚Schwergewicht“ oder „Schwergesicht“ sagst, kommt aufs Gleiche raus, weil es keinen Sinn ergibt, nimm einfach das Wort, was deine Zunge spontaner will.“ Das Reimen und Assoziieren ist auch normal. Ich erinnere mich an eine Zeit, wo ich immer wieder den Drang hatte, „Gesicht“ zu sagen, statt „Gedicht“. Ich glaube nicht, dass es so weit kam, dass ich das eigentlich in gesprochener Sprache verwechselt habe, aber der Impuls ist nicht anormal.

Ihr vorgegebener Satz war eigentlich: „Kann ein Europa ein Schwergewicht sein?“

Schon bei „ein Europa“ muss man sich fragen, ob es mehrere gibt oder ob sie an Parallelwelten glaubt?

Insgesamt muss man sagen, dass der Satz so sinnvoll ist, wie: „Kann ein Europa ein Pferd sein?“

Das wäre auch kein sinnloser Satz. In einer Stelle von „Die Republik“ sagt Platon, dass ein Volk oder ein Land wie ein Pferd ist. Manche Leute sind die Beine davon (die Arbeiter) und andere sind der Kopf (die Philosophen). Trotzdem zeigt es die Grenzen des Vergleichs oder der Analogie, denn über die anderen Körperteile eines Pferdes äußerte sich Platon nicht. Und auch hier erinnert es ein wenig an Kinderdenken und Kinderzeichnungen von Kopffüßern.

Schematische Darstellung dieser platonischen Idee.

Man fragt sich natürlich trotzdem, ob ein Volk wie ein Pferd ist, indem manche Volksteilnehmer einfach am besten geeignet (begabt) sind, um gedankenlos zu arbeiten und andere dafür geeigneter sind um nicht zu arbeiten, aber für die Arbeiter nachzudenken.

Ein Gehirn würde auch nie auf die Idee kommen, die Beine „seines“ Körpers „auszunützen“ (marxistischer gesagt: „auszubeuten“), um selbst nicht laufen zu müssen, es kann ja gar nicht laufen. Hingegen besteht so ein Volk aus mehreren getrennten Körpern, wo ein jeder Körper Beine, Gehirn und noch manch andere Körperteile hat. Aus diesem Grund hat man die Menschheit gerne mit Bienen verglichen, die Arbeiterbienen, die Königin und einige Funktionäre (?). Auch die Asexualität der Arbeiterbienen hat viele Denker inspiriert, die möglicherweise die „Woke“-Kultur ankurbeln.

Aber kann 1 Europa nun 1 Schwergewicht sein? Ich persönlich glaube nicht, dass die Schöpfer dieses Satzes an Übergewichtige gedacht haben, aber im Hinterkopf hatten sie das natürlich trotzdem.

Also warum sollte 1 Europa 1 Boxer aus der Schwergewichtsklasse werden? Ich persönlich würde Boxen einfach abschaffen, ich sehe keinen Sinn für die Teilnehmer und auch nicht für die Zuschauer. Man muss es nicht gleich verbieten, aber auch nicht fördern durch Werbung etc. Die Boxer bekommen durch die Erschütterung der Schläge oft bleibende Schäden in ihren Gehirnen. Wozu? Ja, und warum sollte jetzt Europa, eine Gegend mit sehr vielen Menschen „1 Boxer“ werden?


„Abends. Arbeit. Kino „Helden des Alltags“. Amerikanischer Film. Zwar Kitsch, aber heroisch. So ist jetzt das Weltgefühl.“

Goebbels, Tagebücher, 08.06.1933


Das kann schon sein, dass das Weltgefühl so war und vielleicht immer noch ist, aber als Propagandaminister muss man sich zumindest fragen, warum. Aber Goebbels hat sich das nicht nur nicht gefragt, er kam gar nicht auf die Idee, dass man das ändern könnte.

Wie entsteht Kitsch und warum durchleiden wir diesen so häufig?

Kitsch ist ein Erzeugnis, welches entsteht, wenn einer meint, dass eine Bevölkerungsgruppe was empfinden soll (Marketing) und folglich daraufhin handelt. Kitsch entsteht eben genau durch die oben beschriebenen Prozesse, die anfangen mit „intended repsonse“. Wie soll der Betrachter reagieren oder was soll er empfinden?

Wenn man zum Beispiel ein Gedicht schreibt, indem man sich zuerst vornimmt, dass der Leser hinterher erhabene patriotische Gefühle haben soll, dann ist das etwas völlig anderes, als irgend eine Sorte von Heimatliebe zu empfinden, weil man in der Natur spazieren gegangen ist oder sonstiges und dann daraus ein Gedicht zu schreiben. (Es entsteht nicht unbedingt gute Qualität durch die zweite Methode, ich will nur sagen, dass wir in unserer Kultur permanent ‚verleitet‘ werden und das geht so weit, dass sich der Mensch gewissermaßen gar nicht mehr selber versteht.)

Goebbels war nicht in der Lage dieses Problem zu erkennen. Die besseren Künstler, wie Emil Jannings, haben unter ihm gelitten.

W. B. Yeats hingegen, hat dieses Problem sehr gut gesehen, als er sich für die Unabhängigkeit von Irland eingesetzt hat und für die sogenannte irische Renaissance oder „Celtic Twilight“. In seiner lesenswerten Autobiographie schreibt er:

„(…) das Junge Irland hatte eine Nation gesucht, die vereint werden sollte durch eine politische Doktrin, eine unterwürfige Kunst und unterstützende Hilfsschriften.

(…)

Wenn man ein ländliches Liebeslied untersuchte, dann entdeckte man, dass es nicht geschrieben wurde von einem verliebten Mann, sondern von einem Patrioten, der beweisen wollte, dass wir tatsächlich über die feinsinnigste Bauernschaft auf Erden verfügten.“ (WBY, The trembling of the veil, Buch II, Teil II)

 

Ich will nicht behaupten, dass man ein verliebter Bauer sein muss, um aus der Perspektive eines verliebten Bauern zu schreiben. Das Problem kommt hier vor allem von der Absicht, im Leser den Eindruck zu erwecken, dass Irland die nobelsten oder feinsten Bauern der Welt hat. Das wahre Interesse des Schreibenden ist nicht bei Bauern oder Liebe.

 

Wie John Keats 1818 schrieb:

„Wir hassen Dichtung, die eine greifbare Absicht mit uns verfolgt – und wenn wir nicht einverstanden sind, ihre Hände in die Hosentaschen zu stecken scheint. Dichtung sollte groß & unaufdringlich sein, ein Ding, das in die menschliche Seele tritt und sie nicht aufgrund ihrer eigenen Erscheinung aufrüttelt oder verblüfft, sondern durch ihr Thema.“

 

Es ist die Pervertierung (Umkehrung) einer Methode in der Literatur, die der japanische Dichter Katue Kitasono als „Ideoplastie“ bezeichnet hat (beziehungsweise Ideoplastie ist die letzte Phase der Methode) und die ich in seiner Erklärung wiedergebe. (Der Text stammt aus einem Essay, der von Ezra Pound in ‚Guide to Kulchur‘ zitiert wurde:)

„Das interessanteste Thema für uns ist jetzt das Verhältnis zwischen Bildhaftigkeit und Ideoplastie. Zeitgenössische junge Dichter nehmen es mal mehr, mal weniger deutlich wahr und machen sich ernste Gedanken. Manche von ihnen sind wieder hinüber ans äußerste Ende gelangt und zurückgekommen. Andere haben die Suche aufgegeben, entdeckten ein seltsames neues Land und blieben Amateurdenker. Aber jeder, dessen Standboden in der Literatur ist, kann nichts für sie tun, wenn er das System der Literatur ignoriert.

„In ihrer Entstehung nimmt Dichtung wie folgt allmählich Gestalt an:

A. Sprache

B. Bildhaftigkeit

C. Ideoplastie

Das, was wir vage als poetischen Effekt bezeichnen, bedeutet im Allgemeinen Ideoplastie, die aus den Ergebnissen der Bildhaftigkeit erwächst. Der Mensch hat es erdacht, einen herzförmigen Raum aus zwei rechten Winkeln zu schaffen. Diese große Entdeckung in der Plastik, auch die der Kegelformen in der Mathematik, das sind zwei Mysterien, erschaffen durch den menschlichen Intellekt.

„Das Verhältnis zwischen Bildhaftigkeit und Ideoplastie lässt uns den herzförmigen Raum erahnen, der aus der Verbindung der beiden mysteriösen Kurven geboren wurde. Wir standardisierten diese zwei Kurven und erhielten eine Notwendigkeit.

„Was wir zuerst machen müssen für die Bildhaftigkeit, ist (in dieser Reihenfolge) Sammlung, Anordnung und Kombination. So bekommen wir die erste Zeile: „eine Schale, eine Schreibmaschine und Weintrauben“, worin wir ein ästhetisches Gefühl haben. Aber (darin) gibt es keine weitere Entwicklung. Wir fügen die nächste Zeile hinzu und dann wird ein neues ästhetisches Gefühl geboren. Auf diese Weise werden alle Zeilen kombiniert und die Strophe ist beendet. Das meint die Vollendung von Bildhaftigkeit dieser Strophe und dann beginnt die Ideoplastie.

„Dieses Prinzip kann auf Gedichte angewendet werden, die aus mehreren Strophen bestehen. In diesem Fall wird die Ideoplastie geformt, wenn die letzte Strophe fertiggestellt ist.

„Allerdings kann man es nicht als orthodox für Dichtung ansehen, dass Bildhaftigkeit durch Ideoplastie geformt wird.“


(An dieser Stelle empfiehlt Ezra Pound eine Pause zum Nachdenken.)


„Diese Gewalt wird oft von Religiösen, Politikern und Satirikern ausgeübt. Moralische Gedichte, politische Gedichte und satirische Gedichte stützen sich fast ausnahmslos auf ein solch unlogisches Prinzip.

„Die Phänomene in unserem Leben durchdringen unsere Sinne und gelangen in unsere Erfahrungen, Wahrnehmungen und Intuitionen. Es ist die Intuition, die rational die Grundlage für Bildhaftigkeit erschafft und es ist die Methode der Dichtkunst, die Intuitionen wahrnehmbar zu materialisieren und zu kombinieren. Als Konsequenz sind exakte Bildhaftigkeit und Ideoplastie das Resultat einer exakten Methode. Reine und orthodoxe Dichtung kann ohne diese Theorie nicht existieren.“


 

Katue Kitasono

Übrigens hat sich Kitasono offenbar für Semiotik interessiert, ein Gedicht von ihm heißt „Semiotic Theory“:

https://www.thing.net/~grist/ld/japan/KIT-1.HTM

Die Fabian-Gesellschaft

Es ist bekannt, dass die Protokolle der Älteren von Zion eine Fälschung ist. Weniger bekannt ist, weshalb viele gebildete und ungebildete Menschen um die Jahrhundertwende daran glauben konnten, dass es sich um einen echten „Leak“ (wie man heute sagt) handeln könnte.

Folgendes ist keineswegs erfunden, jeder kann es frei recherchieren, beispielsweise in einem Buch von H. G. Wells (einem der frühesten Mitglied der Fabian Gesellschaft) mit dem Titel „Die offene Verschwörung – Entwürfe für eine Weltrevolution“. (The Open Conspiracy – Blue Prints for a World Revolution, 1928). 1

Wells schlägt darin die folgenden notwendigen Voraussetzungen für unabhängige Initiativen in der Offenen Verschwörung: (1) Die Anerkennung (praktisch und theoretisch), dass alle existierenden Regierungen nur provisorisch sind; (2) Der Entschluss die Konflikte dieser Regierungen zu minimieren; (3) Die Entschlossenheit privates und ortsgebundenes Eigentum (mindestens im Kreditwesen, Transport und der Produktion) durch eine verantwortungsvolle Weltführung zu ersetzen. (4) Die praktische Anerkennung, dass die Welt biologische Kontrollen benötigt, zum Beispiel im Bereich Bevölkerung und Krankheit; (5) Die Unterstützung eines minimalen Standards von individueller Freiheit und Wohlfahrt in der Welt; und (6) Die über allem stehende Pflicht, das persönliche Leben der Schaffung einer Weltführung unterzuordnen, die zu diesen Aufgaben fähig und der allgemeinen Förderung des menschlichen Wissens und Könnens und der menschlichen Macht willens ist.

Das war bei weitem nicht das erste Mal, dass so ähnliche Grundsätze publiziert wurden.


1. Die Fabian Gesellschaft

Die Fabian Gesellschaft wurde 1884 gegründet und hat sich nach dem römischen General Quintus Fabius Maximus benannt, der berühmt wurde als ‚der Zauderer‘ (Latein: Cunctator), aufgrund von seiner Strategie, seine Angriffe auf die einfallenden Karthager auf den richtigen Moment aufzuschieben. Der Name Fabian Gesellschaft wurde im ersten Fabian Pamphlet erwähnt und enthielt folgende Bemerkung:

„Auf den rechten Moment musst du warten, wie einst Fabius geduldig wartete, als er sich im Krieg mit Hannibal befand, obwohl viele sein Zögern tadelten; aber wenn die Zeit kommt, muss du hart Zuschlagen, wie Fabius es tat, oder all dein Warten wird umsonst und fruchtlos gewesen sein.“

So ist auch ein Emblem der Fabian-Gesellschaft zu erklären, die Schildkröte (ein sich langsam bewegendes Tier mit hartem Panzer), deren Motto ist: When I strike, I strike hard.


 


Es gibt viele einflussreiche Institutionen, die maßgeblich von der Fabian Gesellschaft beeinflusst wurden, zum Beispiel die Labour Party und manche wurden auch direkt von ihr gegründet, wie die elitäre London School of Economics (LSE). Hervorgegangen ist die London School of Economics 1894 aus einem Übereinkommen diverser Mitglieder der Fabian Society, darunter Beatrice Webb, Sidney Webb, George Bernard Shaw und Graham Wallas. Die Gründung zu diesem Zeitpunkt ging einher mit lebhaft geführten gesellschaftlichen Diskussionen um Klassenunterschiede und neue Wege sozialen Fortschrittes. Diese renommierte, wirtschaftliche Ausbildungsstätte, hat Generationen von englischen und dann auch internationalen Führern im Geiste der Fabiane ausgebildet. Oft wurden sie anschließend Hauptakteure in dem politischen und wirtschaftlichen Leben ihrer Länder. Beispielsweise Präsident John Kennedy; die Königin von Dänemark Margarethe II; Pierre Trudeau (kanadische Premierminister) und sein Sohn Justin Trudeau; der Finanzier George Soros (Gründer der Open Society Institutes); auch Annalena Baerbock (wenn auch nur ein Jahr 2004-2005), u.v.m., besuchten diese Schulbänke.

 

2. Das Fabian Fenster

Das Fabian Fenster wurde von 1910 George Bernard Shaw in Auftrag gegeben und fand seine Heimat in der London School of Economics (LSE), jedoch wurde es 1978 gestohlen und es tauchte 2005 in Arizona, USA, wieder auf und wurde dann vom Webb Memorial Trust erneut gekauft.


Das Fabian-Fenster wurde am 20. April 2006 von Premierminister Tony Blair in der Shaw-Bibliothek (LSE) enthüllt.

Blair äußerte sich zur Fabian Gesellschaft folgendermaßen:

„Trotz aller offensichtlichen Unterschiede in der Politik, der Einstellung und der Positionierung … wären viele der Werte, für die die Fabians und George Bernard Shaw standen, in der heutigen Labour-Partei sehr gut erkennbar, zumindest hoffe ich das. Eines der Dinge, die sie meiner Meinung nach am besten beherrschten, war die Tatsache, dass sie das traditionelle Denken, das unser Land beherrschte, völlig ikonoklastisch hinterfragten, und zwar immer dann, wenn ein Stück konventioneller Weisheit herauskam, stellten sie diese konventionelle Weisheit in ihren Grundzügen in Frage, und das mit bemerkenswertem Erfolg.“

Caroline Charlotte Townshend entwarf im Auftrag von George Bernard Shaw das „Fabian Fenster“

Das Fabian-Fenster, auch genannt das Shaw-Fenster, befindet sich in der Shaw Bibliothek in der London School of Economics (LSE)

Zunächst ist mittig im Fenster zu sehen, wie auf eine „heiße Erdkugel“ mit Hammern eingeschlagen wird, wie um sie zu schmieden. Darüber ist das Banner zu lesen:

„REMOULD IT NEARER TO THE HEART’S DESIRE“

Das ist eine Zeile aus Omar Chayyām und bedeutet wörtlich: „Forme es gemäß deinem Herzenswunsche um.“

Aus Rubayiat 1, XXIV:

„Könnt ich walten wie Gott im Himmelzelt
Ich hätt’es schön längst auf den Kopf gestellt,
Um ein anderes zu bauen, wie ich es verstehe,
Welches ganz nach den Wünschen der Menschen sich drehe.“

Links daneben ist zu lesen:

„Pray devoutly – Hammer stoutly“ (Bete fromm und hammere kräftig)

Über der roten Weltkugel findet man noch ein Emblem der Fabian Gesellschaft, den „Wolf im Schafspelz“.

Die Wendung „Wolf im Schafspelz“ stammt aus einer Predigt Jesu im Neuen Testament: Hütet euch aber vor den falschen Propheten, die in Schafskleidern zu euch kommen, inwendig aber sind sie reißende Wölfe. (Mt 7,15 ELB). Deren wahre Natur werde durch ihre Taten offenbar (An ihren Früchten sollt ihr sie erkennen, Vers 16).

Unten sieht man, wie zehn Menschen einen Stapel Bücher in ihrer Mitte anbeten, rechts fünf Frauen, links fünf Männer, ganz links außen H. G. Wells, der allen anderen eine lange Nase zeigt.

Einige dieser heiligen Bücher sind:

  • Plays Pleasant / Unpleasant von George Bernard Shaw (abgekürzt GBS)
  • Plays for Puritans von GBS
  • Man and Superman von GBS
  • History of Trade Unionism von Sidney und Beatrice Webb
  • Minority report (Poor Law) entstanden in Zusammenarbeit mit S. Und B. Webb 2
  • Industrial democracy von S. Und B. Webb
  • English Local Government von beiden Webbs
  • Fabian Tracts and Essays (von mehreren Autoren) 3

3. Literatur-Soldaten

Das Besondere an dem Siegeszug der Fabianer, die sich auch sonst überall platziert haben, wo der Ton angegeben wurde, war, dass sie auch einen literarischen Krieg geführt haben.

Die wichtigsten „Literatur-Soldaten“ waren in ihren ersten Generationen:

  • George Bernard Shaw (1856-1950) – Nobelpreis für Literatur 1925
  • H. G. Wells (1866-1946)
  • Aldous Huxley (1894-1963)
  • George Orwell (1903-1950) – Aldous Huxley war Orwells Französischlehrer in Eton – und 4
Briefwechsel George Orwell – Fabian Gesellschaft, wo Orwell Vorträge gehalten hat

Aktueller Screenshot der Fabian Gesellschaft

Das, was ich als „Literatur-Soldatentum“ beschreibe, kann man als eine Form des Kulturmarxismus sehen (die Tochter von Karl Marx, Eleanor Marx, war übrigens Fabianerin). Diese Autoren machten literarische Genres beliebt, wie Sciencefiction und Anti-Utopien.

 

Sie schlugen ein in eine englische Gesellschaft, die auf die Änderungen nicht vorbereitet war.

Hier ein kleines Stimmungsbild jener Zeit der Ümbrüche durch einen Autoren, der nicht auf der Fabian-Linie war: Den Anfang des Zwanzigsten Jahrhunderts in England beschrieb der amerikanische Dichter Ezra Pound so:

 

„Zu Dokumentationszwecken und für den Fall, dass dieses Buch die nächsten fünfzig Jahre bestehen bleibt, möchte ich Folgendes festhalten: nämlich, dass Männer meiner Generation den Bauchplatscher oder Zusammenbruch einer Reihe von König- und Kaiserreichen miterlebt haben, alle waren sie verdorben und kein einziges verdient Mitleid oder zwei Wörter des Bedauerns. Unter den Fäulnissen ist es schwierig, eine gerechte Einschätzung abzugeben.

Die Großfürsten stanken nicht schlimmer als Basel, die Banque de France oder andere Politproduzenten. Sie verkauften ihre Länder. Sie hatten keine moralische Größe.

Jedoch bereicherte ihr Untergang für einige Jahre die Bohème oder la vie humaine des littérateurs durch ihre Zersplitterung in Fragmente.

Nachdem es die Formen des XIX. Jahrhundert zerschossen hat, blieb eine Art Oberfläche liegen. Intakt war einzig noch eine Sorte von riesigem Pappfloß auf einem Wasserfall von abgestandener Plörre. Man hätte meinen können, man wäre in einem Raum von Madame Tussauds.

Ich schieße hier nicht aufs Geratewohl auf irgendwas mir persönlich Verhasstes. Ich stelle den Kontrast heraus zwischen der feinen Blume einer Zivilisation und einer Sorte von verdorbener Korruption.

Die Bewohner waren beruhigt, aber nicht bei Bewusstsein, wie Halberstickte, die aber noch lächelten, sagen wir mal, mit einem Hauch von Steifheit.

Männer meiner Zeit haben „Partys“ in Londoner Gärten gesehen, wo alle anderen (Männer), wenn ich mich recht entsinne, graue Zylinder trugen. Mir scheint, dass sogar Henry James einen anhatte, und – es sei denn mein Gedächtnis vermengt hier zwei verschiedene Anlässe – eine riesige karierte Weste. Man hat zeremoniellen Abendessen auf Flaggschiffen beigewohnt, wo der Ober von „claret“ sprach, wenn er Bordeaux meinte, und wo Bath-Oliver-Cracker mit Käse auftauchten. (Stilton? Ich glaube, es war Stilton.)

Solche Aktivitäten kann man aber noch als natürliche Erscheinungen bezeichnen, um sie abzugrenzen von zahlreicheren „Bemühtheiten“, womit ich gesellige Anlässe meine, die Anstrengung und ungewöhnlichen Aufwand zu verdecken schienen.“

  • Ezra Pound, Guide to Kuchur, 1938

Man sagt auch, dass sich Allen Upward umgebracht hat, weil Shaw 1925 den Nobelpreis für Literatur erhalten hat. Das ist nicht die ganze Wahrheit, sicherlich, aber ganz unwahr ist es auch nicht.

 

Im Jahr 1915 schrieb er ein Theaterstück mit dem Titel ‚DAS GEFUNDENE PARADIES‘, das eine satirische Anti-Utopie über das Jahr 2115 ist, wenn die Nachkommen der Fabian-Gesellschaft endlich ihr Paradies auf Erden errichtet haben, wie George Bernard Shaw es entworfen hatte in seinen vielen Schriften und Reden.

Er selbst liegt in einem verzauberten Schlaf auf einem Fauteuil und wird von den Fabianern verehrt als der heilige Georg (der Drachentöter, wobei der Drache das Symbol für den Kapitalismus sein soll). Versehentlich wird er von einer jungen Fabianerin (Lady Wells) wachgeküsst und fängt an sich in ’seiner Welt‘ umzusehen, wo die Arbeiter (‚Kameraden‘) sich gegenseitig auf der Straße erschießen und alle ein eisernes Halsband haben mit einer eingravierten Nummer, wo es keine Polizei mehr gibt, sondern nur Krankenwagen, wo aber Ärzte mit hochgiftigem Desinfektionsmittel herumfahren und ‚Kranke‘ einsammeln, die nach der Behandlung meistens nie wieder gesehen werden. Schülerinnen und Schüler kann man dem Geschlecht nach nur unterscheiden, da die Jungen eine Armbinde tragen.

 

Man kann sehr gut sehen, dass die Gesundheitsdiktatur und die ‚Genderei‘ nicht unvorbereitet kommen.


4. Überbevölkerung und Thomas Malthus

Hier zeigt Bill Gates eine liebevoll handgemachte Grafik, die uns das Problem der Überbevölkerung verdeutlichen soll:

 

Seltsamerweise hat der Entdecker der Überbevölkerungstheorie schon im frühen 19. Jahrhundert die Explosion der Bevölkerung und das gleichzeitig viel geringer Wachstum von Lebensmittelproduktion erkannt, obwohl Bills Grafik dies nicht so anschaulich hergibt. Bei Bill sieht das Bevölkerungswachstum bis 1850 noch sehr linear aus:

Thomas Robert Malthus (* Februar 1766 in Wotton bei Dorking, in der englischen Grafschaft Surrey; † 29. Dezember 1834 in Bath) war ein anglikanischer Pfarrer und britischer Ökonom, der zu den Vertretern der klassischen Nationalökonomie gezählt wird. Malthus war der erste Professor für politische Ökonomie in England.

Im Jahr 1798 stellte er ein mathematisches Modell des Bevölkerungswachstums auf. Obwohl sein Modell einfach ist, wurde es zur Grundlage für die meisten zukünftigen Modelle biologischer Populationen. Sein Aufsatz „An Essay on the Principle of Population“ stellte er fest, dass sich die menschliche Bevölkerung (wenn sie nicht von ökologischen oder sozialen Zwängen eingedämmt wird) alle fünfundzwanzig Jahre verdoppelt, unabhängig von der ursprünglichen Bevölkerungsgröße. Mit anderen Worten: Er stellte die These auf, dass die Bevölkerung in einem bestimmten Zeitraum um einen festen Prozentsatz zunimmt und dass dieser Prozentsatz in Ermangelung von Zwängen nicht von der Größe der Bevölkerung abhängt.

Vor Malthus hat man gedacht, dass eine wachsende Bevölkerung eine größere Produktivität eines Landes hervorbringen könnte. Malthus widersprach dieser Ansicht vehement. Er stellte die These auf, dass die Bevölkerungszahl exponentiell wachse, die Nahrungsmittelproduktion aber nur linear.

Malthus hatte folgende Vorschläge zur Eindämmung der Überbevölkerung.

1. Sozusagen die ‚proaktive Eindämmung‘ durch Steigerung der Todesraten (man könnte auch sagen Entvölkerung durch Hunger, Krankheit und Krieg) und 2. ‚Präventive Eindämmung‘ durch Verringerung der Geburtenzahlen (etwa durch Abtreibung, Verhütung, keine oder sehr späte Heirat, Zölibat).

Deswegen war Malthus auch gegen die ursprüngliche „Poor Law“ 5, also Gesetze, die dazu dienten, die arme Bevölkerung von England zu unterstützen, denn das einzige Mittel gegen die große Menge an Armen war noch mehr Armut, damit gerade diese Menschen endlich einsehen, dass sich das Leben nicht lohnt.

Daraufhin reformierte England diese Gesetze und änderte das Management der „Workhouses“, wo Arbeiter wohnen und arbeiten durften, streng nach Geschlechtern getrennt, um primitive amouröse Instinkte und auch allgemeine Lebenslust bei ihnen zu minimieren.

Charles Darwin war so von Malthus inspiriert, dass man durchaus vermuten kann, dass Darwin selber der erste Sozialdarwinst war. Galton und die Eugeniker waren von Malthus und Darwin inspiriert.

Eugenik wird seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs tabuisiert und den Nazis in die Schuhe geschoben. Tatsächlich haben sie nur fortgeführt, was in England 130 Jahre vorher (gerade von einem Priester) ersonnen wurde und die ganze Zeit über als vollkommen salonfähig galt.

Aufgrund von historischen Verstrickungen, aber auch weil Malthus Theorie, dass die Bevölkerung exponentiell wachsen ‚muss‘, während die Produktion nicht anders als linear wachsen ‚kann‘, einfach an den Haaren herbei gezogen ist, hat man seine Theorie modernisiert und mehr Betonung auf Umweltschutz (der Mensch bedroht die Umwelt ja schon, indem er atmet) und Epidemien gelegt.

Ich habe neulich gehört, dass in fernen Ländern wie Kolumbien, Kinder nicht mehr in die Schule gelassen werden ohne Impfung, aber zugleich ein Gesetz erlassen wurde, dass Abtreibungen bis zur 24. Woche der Schwangerschaft legal sind, das sind 168 Tage von 273,75 Tage (9 Monate). Skeptische Menschen in diesem Land bewerten ersteren Umstand als Beleg für die proaktive und zweiteren für die präventive Eindämmung der dortigen Bevölkerungszahlen ganz analog zu Malthus Empfehlungen.

5. George Bernard Shaw


GBS der Drachentöter

Ich bin immer wieder aufs Neue frappiert von Shaws Naturtalent, arbeitende Menschen zu verachten. Wenn Shaw diesbezüglich in Fahrt ist, denkt mal als Leser wirklich, dass das nur einer schreiben konnte, der noch nie in seinem Leben arbeiten musste. Dabei war Shaw eigentlich Büroangestellter, bevor er sich „in die Literatur gerettet“ hat, wie er selbst es einmal formulierte.

Bei Virginia Woolf ist das etwas anderes – wenn Sie ihre lyrische Prosa für besonders Sensible und Intelligente geschrieben hat und dann auf einem Spaziergang eine lange Schlange von Arbeitslosen sah und daraufhin in ihr Tagebuch schrieb, Arbeitslose wären so hässlich, sie verdienten es garantiert nicht, zu leben, dann sagte sie das in Unschuld, man kann nur vermuten, dass sie keinen Spiegel hatte. Vermutlich hat ihr dann jemand einen Spiegel geschenkt, als sie im reiferen Alter war und dies erklärt dann ihren Entschluss, ihrem Leben ein Ende zu setzen.

Doch obwohl Virginia Woolf offenbar auch nicht aristokratisch in einem adeligen Sinne war, sondern nur in einem geistigen, verwundert Shaws angelernter Adel, da er fast zu perfekt ist, um von einem ehemaligen Angestellten zu kommen. Ich zitiere aus dem Kapitel „Löhne“ aus Fabian Essays in Socialism, GBS:

 

„Es ist die selbe Kraft, die weiterhin dafür sorgt, dass sich die Menschen vermehren, bis ihr Tauschwert langsam und sicher fällt, bis er ganz verschwindet – bis selbst schwarze Leibeigene frei gelassen werden, da sie es nicht wert sind, erhalten zu werden in einem Land, wo Menschen aller Farben für nichts zu bekommen sind. Das ist der Zustand unserer englischen Arbeiter heute: Sie sind nicht mal mehr spottbillig: sie sind wertlos und man kann sie für gar nichts haben. Der Beweis sind die Arbeitslosen, die noch nicht einmal mehr Käufer mehr finden können. Nach dem Gesetz der Indifferenz wird niemand Menschen zu einem Preis kaufen, wenn er ebenso dienstbare Menschen für nichts erhalten kann.“

  • Löhne, Fabian Essays in Socialism, GBS

 

Überbevölkerung

„Die Einführung des kapitalistischen Systems ist ein Zeichen, dass die Ausbeutung des Arbeiters, der sich für das nackte Überleben abplagt, die wichtigste Lebenskunst der Inhaber der Mieterrechte geworden ist. Es erzeugt auch das trügerische Versprechen eines endlosen Angestelltenverhältnisses, welches das Proletariat bezüglich der grauenhaften Konsequenzen schneller Vermehrung verblendet, die dem kleinen Landwirten oder Bauern mit Eigentum durchaus bekannt sind. Aber tatsächlich, je mehr man die Arbeiter degradiert und ihnen jedes künstlerische Vergnügen nimmt und jede Möglichkeit auf Respekt oder Bewunderung durch ihre Genossen, um so mehr werden sie zurück geworfen auf das letzte menschliche Band, das ihnen noch übrig geblieben ist, die Befriedigung ihres Instinktes der Produktion von frischem Menschenangebot. Ihr werdet diesen Instinkt als göttlich beklatschen bis er zur Belästigung wird: es komme eine Plage von Menschen; und plötzlich erkennst du, dass der Instinkt diabolisch ist und du beginnst zu rufen „Überbevölkerung“. Aber deinen Sklaven sind deine Rufe egal: Sie vermehren sich wie Kaninchen; ihre Armut erzeugt Schmutz, Hässlichkeit, Unehrlichkeit, Krankheit, Obszönität, Trunkenheit und Mord. Inmitten der Reichtümer, die ihre Arbeit für dich auftürmt, steigt ihr Elend ebenfalls auf und erstickt dich. Du ziehst dich ekelerfüllt in die andere Ecke der Stadt vor ihnen zurück; du reservierst für sie besondere Waggons in deinen Zügen und besondere Sitzplätze in deinen Kirchen und Theatern; du trennst dein Leben von ihrem durch jede Klassenschranke, die dir ausdenken kannst. Dein Gesicht erhält den Stempel deiner Verachtung für sie und deines Misstrauens. Deine Ohren werden so angefüllt mit den niedrigsten ihrer Sprechweisen, dass sie aus dir herausplatzen, wenn du die Selbstkontrolle verlierst. Gnadenlos vergiften sie dein Leben, so wie du ihr Leben herzlos geopfert hast. Du fängst an, lebhaft an den Teufel zu glauben. Dann kommt die Angst, dass sie revoltieren könnten; (…) Und während dessen wächst die Bevölkerung weiter.“ (Fabian Essays in Socialism, GBS)

Viele konnten GBS nicht einschätzen, sie wussten nicht, ob er ein Zyniker war oder ein Spaßvogel oder ein Idealist oder ob es bitter ernst meinte oder vielleicht nicht verstanden hat, was Aussagen wie folgende, zur Folge haben würden:

„Sie alle müssen mindestens ein halbes Dutzend Leute kennen, die in der Welt keinen Nutzen haben; die mehr Aufwand sind als sie Wert haben. Diesen sage man einfach, also, mein Herr oder meine Dame, seien Sie bitte so freundlich, Ihr Dasein zu rechtfertigen. Wenn Sie Ihr Dasein nicht rechtfertigen können, dann tun Sie nicht das Ihrige im sozialen Boot. Wenn Sie nicht ebenso viel (oder vielleicht etwas mehr) produzieren wie Sie konsumieren, dann ist es klar, dass wir die große Organisation unserer Gesellschaft nicht dafür verwenden können, Sie am Leben zu erhalten, da Ihr Leben uns keinen Nutzen bringt und auch Ihnen selbst nicht viel Wert sein kann.“ – GBS

Diese Aussagen wurden ca. 1931 auf Film aufgenommen:

„Die Vorstellung, dass Menschen vor der Todesstrafe sicher sein sollen, solange sie nicht absichtlich Mord begehen oder einen Krieg gegen die Krone beginnen oder entführen oder Vitriol werfen, bedeutet nicht nur, die soziale Verantwortung unnötig einzuschränken und sehr viele unerträgliche Verhaltensweisen, die außerhalb davon liegen, zu bevorzugen, sondern auch um die Aufmerksamkeit von der wahren Berechtigung der Todesstrafe abzulenken, nämlich immer unkorrigierbare soziale Inkompatibilität und nichts anderes.“

– George Bernard Shaw, “On the Rocks” (1933)

Weiterhin ist es interessant, dass GBS 1934 wie prophetisch von der Einsetzung von Gas als Todesstrafe gesprochen hat:

„Ich appelliere an die Chemiker ein menschliches Gas zu entdecken, dass sofortig und schmerzlos umbringen wird, tödlich auf jeden Fall, aber menschlich, nicht grausam.“

– George Bernard Shaw, The Listener Feb 7, 1934

Verwendung von Gaskammern:

„Wir sollten uns dazu verschreiben eine große Menge an Menschen umzubringen, die wir derzeit leben lassen und dafür viele Menschen leben zu lassen, die wir momentan umbringen. Wir müssen alle Ideen über die Todesstrafe loswerden…

Als Teil der eugenischen Politik würden wir schließlich dazu kommen, Gaskammern sehr häufig zu verwenden. Sehr viele Leute müssten nämlich verscheiden, da es ganz einfach die Zeit anderer Menschen verschwendet, sich um sie zu kümmern.“

– George Bernard Shaw, Vortrag in der Eugenics Education Society, berichtet im The Daily Express, 4. März 1910

 

“Sobald wir der Sache ins Angesicht blicken, kommen wir nicht um folgendem Schluss herum. Die Gesellschaft hat ein Recht, dem Recht auf Leben einen Preis zu geben… Wenn Menschen für das Leben fit genug sind, dann sollen sie unter anständigen Bedingungen leben. Sind sie nicht zum fit für das Leben, dann sollte man sie auf anständige Weise umbringen… Ist es denn ein Wunder, dass sich manche von uns genötigt sehen, Gaskammern als einzige Lösung zu sehen für all die Härtefälle, die gegenwärtig zur Ausrede werden, um alle anderen Fälle zu sich herunter zu ziehen und als einzige Möglichkeit einen Sinn für gesellschaftliche Verantwortung in modernen Bevölkerungen zu erzeugen?“

– George Bernard Shaw, Einleitungen (London: Constable and Co., 1934), p. 296

 

„Im Sozialismus, dürftest du nicht arm sein. Man würde dich zwangsernähren, anziehen, eine Wohnung geben, unterrichten und anstellen, ob es dir nun passt oder nicht. Würde man nun entdecken, dass du nicht den Charakter und den Fleiß hast, um diese ganze Mühe wert zu sein, dann würde man dich vermutlich auf die freundliche Art exekutieren; aber wenn man es dir erlaubt zu lebe, dann musst du gut leben.“

– George Bernard Shaw: The Intelligent Woman’s Guide to Socialism and Capitalism, 1928, pg. 470)

 

6. H. G. Wells

H. G. Wells, 1920

„Er hält sich tatsächlich für einen Soziologie-Wissenschaftler, weil er die London University Prüfungen in Chemie und Biologie bestanden hat (und nicht gerade mit Auszeichnung)! Er entwickelte dann ein wahrhaftes Genie für pseudowissenschaftliches Geschichten-Erzählen. Er macht sich irgend eine Hypothese oder neue Erfindung zu eigen und zwirbelt sie herum zu einer Geschichte über die Männer und die Frauen, die in das Experiment verwickelt sind – ob es nun ein Flug durch die Luft ist oder der chirurgische Eingriff in das Gehirn von Tieren oder Menschen. Aber leider hat sich Wells nicht damit begnügt ein köstlicher Romanschriftsteller zu sein – ein erhabenerer Jules Verne – er hat sich selbst für einen großen Denker gehalten – als Formgeber der zukünftigen Welt – im Allgemeinen und im Besonderen des Weltstaates, der einen Großteil der Menschheit erretten soll. Aber so ein grandioses Ziel macht Wissen über die gesellschaftlichen Institutionen nötig- und darin hat H. G. Wells ebenso bescheidene Kenntnisse wie ich über die Mysterien der Mathematik. So reist H. G. Nach Washington und isst zu Abend mit den Roosevelts und sie hören ihn mit höflicher Selbstzufriedenheit an, wie er über seine offene Verschwörung spricht und beenden den Abend mit einem ermutigenden „Warum nicht?“. Dann fliegt er nach Moskau und drängt sich Stalin auf, der ihn kritisch beäugt wie einen feindlichen Journalisten.“

– Beatrice Webb, Tagebücher, Okt. 1934

Ford Madox Ford, 1936:

„Ich glaube, Herr H. G. Wells und ich sind jetzt mehr Jahre verfeindet, als ich mir gerne bewusst mache. Die Situation wird umso pikanter, da inzwischen der eine oder der andere von uns der Doyen der englischen Romanciers geworden sein muss, obwohl ich lieber nicht entdecken möchte, welcher. Im Reich der Schriftkunst, jedenfalls, waren Herr Wells und ich fast dieses ganze Jahrhundert Anführer gegnerischer Streitkräfte.

Ich finde es nicht unbescheiden, wenn ein Mann behauptet, er ist der Anführer von Kräften, wenn seine Militäreinheit tatsächlich eine Einheit ist. Damit will ich sagen, dass man sagen darf, dass man der Anführer seiner selbst ist… Denn es ist nun einige Jahre her, dass ich einen Kampfgenossen hatte, so vollständig war der Triumph von Herrn Wells Kräften. Aber es gab gute alte Zeiten, als die Kräfte noch ähnlich stark waren. Damals war ich nur ein Mitglied eines Lagers. Wir waren der Ansicht, dass die Welt nur gerettet werden konnte, durch die Künste. Mr. Wells und seine Anhänger verkündeten, dies könne nur durch die Wissenschaft bewerkstelligt werden. (…)“

 

„Mr Wells war in diesen frühesten Tagen der phantasierende Wissenschaftler – nach seiner Ansicht Wissenschaftler, aber Phantast in unseren Augen. In diesen Tagen zerbrach sich keiner den Kopf über die Wissenschaft. Es schien ein angenehmes Hobby, wie Briefmarken sammeln. Und ich muss wirklich sagen, so betrachte ich es immer noch. Man brauchte die Wissenschaft damals nicht und man wird sie in der nicht so fernen Zukunft noch weniger brauchen, wenn sie einmal vom Thron gestürzt wird.“