Autor: Júlia da Silva Bruhns

Die letzte Siedlung war geträumt

Saskia liebte es, im königlichen Park zu reiten. Galopp galopp galopp schneller schneller hey langsam trab trab trab. Dabei ging ihr der Wind durch das Haar und ihr Hut fiel beinahe hinunter, dann fiel er hinunter. Trab trab trab brrr. Warte mal ganz kurz. Sie hob den Hut auf und bemerkte den komischen Typ nicht, der Schlimmes im Schilde führte. Der Typ ritt im Schritt Schritt Schritt. Er schaute durch die Bäume und Büsche und hatte nichts Gutes im Sinn, das sah man gleich an seinem Blick.

Zur Beerstraße zurück gekehrt, begegnete sie dem Bürgermeister, der wie immer traurig durch die Straßen schlich. Sie grüßte ihn immer freundlich, weil sonst keiner im Dorf ihn grüßte. Seine Frau hatte nämlich allen im Stadtstaat verboten mit ihm zu sprechen. Die Bürgermeisterfrau war ganz schrecklich. Man erzählte im Dorf, dass sie im einzigen Bett im Haus schlief, während ihr Mann und die Kinder auf dem Boden schlafen mussten. Und wenn die Kinder morgens zur Schule gingen, mussten sie sich hinausschleichen, weil wenn ihre Mutter sie hörte, bekam sie einen Schreianfall. Arme Kinder, denn ihre Lehrerin war genau so. Wenn man die Hauptstraße entlang ging und an der Schule vorbei kam, hörte man nur furchtbare Schreie.

„Guten Tag, Herr Bürgermeister! Wie geht es Ihnen heute?“

Er sagte traurig Guten Tag, zuckte auf die Frage nur mit den Schultern.

Saskia lebte glücklich in der Beerstraße 13 mit ihrem Mann, der sehr nett war, aber leider ein wenig langweilig. Meistens stand er in einer Zimmerecke und schwieg oder er saß über seinen Bauprojekten am Tisch. (Er war Architekt und sie war Designerin.) Wenn irgend etwas passierte, war er immer Saskias Meinung. Wenn sie sagte: „Der arme Herr Mahler.“ (Herr Mahler war Maler aber er hieß nur zufällig so ähnlich, wie sein Beruf.) Dann sagte ihr Mann gar nichts und das bedeutete: „Stimmt.“

Als sie Blumen in die Vase steckte und dabei ein Lied summte, merkte sie Vieles nicht, weil sie es nicht merken konnte: Frau Bürgermeisterin ging auf der Hauptstraße, wie immer umzingelt von politischen Männern, die Schule war aus und die Kinder strömten erleichtert nach Hause und der komische Typ von vorhin, den sie nicht gesehen hatte, näherte sich langsam und verdächtig dem Stadtstaat Virgilia.

Am Abend versammelte sich die ganze Siedlung zu einem Volksfest, da wurde Musik gespielt und wie immer redete keiner mit dem Bürgermeister, weil sie Angst vor seiner Frau hatten. Alle kamen, nur Herr Mahler nicht und die Prostituierte auch nicht, weil die sehr arm waren und Tag und Nacht arbeiten mussten in ihren Einzimmerwohnungen ohne Fenster.

Es war sehr schön und niemand bemerkte den Fremden, der sich hinter Bäumen versteckte. Die Bürgermeisterfrau hielt eine Rede und verlies die neue Verfassung von Virgilia:

„So. Ich habe drei Gesetze aufgeschrieben, damit wir und auch die Polizei Bescheid wissen, was geht und was nicht geht.

Paragraph eins: Du darfst niemanden umbringen, es sei denn, es ist Notwehr oder Selbstmord oder Aus-Versehen.

Wer das trotzdem macht, muss das ganze restliche Leben im Gefängnis verbringen.

Paragraph zwei: Du darfst nicht stehlen, es sei denn die gestohlene Sache gehört dir.

Wer das trotzdem macht, muss für zehn Jahre ins Gefängnis.

Paragraph drei: Du darfst niemanden vergewaltigen, der es dir nicht erlaubt hat.

Wer das trotzdem macht, muss für zehn Jahre ins Gefängnis.“

Alle klatschten und fanden die Gesetze gut. Hinter den Bäumen klatschte ein komischer Typ und lächelte gemein.

„Ach ja,“ sagte sie. „Paragraph vier: niemand darf mit meinem Mann, dem Bürgermeister, reden. Ich bin zuständig für alles. Wer das trotzdem macht, dem wird das Wahlrecht entzogen.

Paragraph fünf: keiner darf ein Auto besitzen, außer der Polizei, damit die Polizei die Kriminellen leichter einholen kann. Das kann keiner trotzdem machen, weil es nur ein Auto im Land gibt, deswegen brauchen wir auch keine Strafe dafür. Alle anderen nehmen bitte Pferde oder den Linienbus. Außerdem, liebe Gemeinde, haben wir jetzt ein Einwohnermeldeamt. Bitte tragen Sie sich alle in die Liste ein, damit wir wissen, wie viele wir sind und wie alt jeder ist. Wenn jemand geboren wird, ist es anmeldepflichtig. Name und Datum. Danke für Ihre Aufmerksamkeit.“

So. Die Kinder wurden nach Hause geschickt und gingen allein ins Bett, weil es spät war und die Erwachsenen tanzen wollten. Sie tanzten, weil das Lied gespielt wurde: „It´s been a hard day´s night.“

Während fast alle im Dorf tanzten, lag die Prostituierte mit einem Typ im Bett, umarmt. Herr Mahler malte an einem Bild, dann arbeitete er an der Dorfzeitschrift, die er ganz alleine machte, er brauchte immer Geld und hatte es nie. Es war nämlich so, dass jeder im Dorf schon ein Bild von ihm hatte und so viele Bilder, wie er malte, brauchte halt keiner. Das war das Problem. Und natürlich schlich der düster gekleidetete Typ durch die Straßen und überlegte, was er Böses machen konnte, während alle weg waren.

Von allen möglichen Sachen fiel ihm leider ein, bei Saskia und ihrem Mann einzubrechen und alles zu klauen. Alles! Die ganzen schönen Möbel, die sie selbst designt hatte, den schwarzen Arbeitstisch, sogar die Bilder, die an der Wand hingen von Saskia und Herrn Mahler.

Als sie nach Hause kam, war die Wohnung leer und sie rief den Polizisten. Der Polizist sagte: „Das bedeutet zehn Jahre Gefängnis für den Typen, der das alles gestohlen hat. Ich werde ihn suchen. Gute Nacht.“

Saskia und ihr Mann mussten auf dem Boden schlafen ohne Decke. Sie fanden das blöd aber auch ein bisschen gemütlich, man fühlte sich, wie in einer Scheune. Saskia öffnete die Dachfenster, damit es hereinregnete, auf ihre Gesichter, sie erzählte ein paar Geschichten und schlief ein.

Der Polizist suchte überall, fragte alle, aber jeder sagte: „Ich habe ein Alibi. Ich war auf dem Volksfest.“ Und das stimmte. Der Polizist fragte sich, ob die Kinder vielleicht alles gestohlen hatten und drohte ihnen mit Gefängnis. Dann fuhr er mit seinem Auto herum und herum und überall herum, er fuhr sogar weit weg, weiter als der königliche Park, weiter als die Berge, weiter als das Wohnzimmer, weiter als die Küche, bis zum Gang. Fast hat er nicht zurück gefunden nach Virgilia.

Nachdem der Polizist tagelang gesucht hatte, schlief er ein paar Tage. Der komische Mann wurde nicht mehr gesehen, von keinem, eigentlich wurde er nie gesehen, außer vielleicht später. Zum Glück hatte er jedenfalls nicht die Pferde geklaut.

Am nächsten Tag ritt Saskia wieder durch den königlichen Park. Die Blumen waren so schön an den Rändern angeordnet, der Park war wie ein großes Rechteck, wie ein Teppich, aber viel größer und königlicher.

An dem Tag, an dem der Polizist wieder erwachte und weitersuchen wollte, ritt Saskia so herum und herum und herum, so im Kreis, und bemerkte ein Kind.

„Hallo,“ sagte sie. Das Kind aber sagte nichts. Sie fand das nicht so komisch, weil ihr Mann ja auch nie redete. Sie nahm das Kind einfach mit nach Hause. Zu Hause, lernte das Kind Schachspielen von Saskias Ehemann. Sie adoptierten das Kind und später wurde der Junge Schachweltmeister, aber noch nicht jetzt.

Jetzt war der Polizist im königlichen Park. Plötzlich sah er einen Verdächtigen, der die Blumen pflückte, die dort angepflanzt waren.

„Im Namen des Gesetzes, der Freiheit und der Verfassung. Sie sind verhaftet!“

„Sie sind auch verhaftet,“ antwortete der Mann. „Sie sind mehr verhaftet als ich. Ich verhafte Sie, weil sie versucht haben, mich zu verhaften. Wir sind im königlichen Park und nicht in New Virgilia City. Ich bin Polizist.“

„Ich bin auch Polizist. Kann man Polizisten verhaften?“ erkundigte sich der Polizist.

„Ja,“ sagte der andere, der in Wahrheit bloß der komische Typ war, der doch wieder gekommen war. „Hier im königlichen Park ist das möglich. Ich stecke Sie jetzt ins Gefängnis.“

Leider glaubte der Polizist ihm und ließ sich verhaften. Aber davon merkte keiner was, alle waren zu Hause und nicht im Park. Der Polizist wurde nie mehr gesehen, außer vielleicht später, aber ich glaube eher nicht, der war weg und man holte einen anderen Polizisten, um den zu ersetzen. Das war nicht so schlimm, weil der Polizist keine Familie hatte, keiner war traurig, außer vielleicht der Prostituierten, weil sie ihn gut kannte. Aber ich glaube eher nicht, dass sie traurig war, die musste zu viel arbeiten.

BLATT

Sie wissen nicht, wie es ist, auf einem Blatt geboren worden zu sein. Ich schon. Ich habe die meiste Zeit meines Lebens auf einem Blatt gelebt, bin wie ein Obdachloser auf seinen Straßen umhergegangen, habe versucht, mir dort Respekt zu verschaffen, einer von den Harten zu werden und es zu was zu bringen. Mit der Ausbildung hat es schon mal nicht geklappt, weil meine Lehrer trockene Bürger waren, die ich hasste und sie hassten mich auch, weil ich vom Blatt kam. In der ersten Klasse bin ich durchgefallen wegen mangelnder Anwesenheit. Und wenn ich in der Schule war, hab ich nichts kapiert.

Nachdem mein Vater aus dem Gefängnis kam, ließen sich meine Eltern scheiden. Meine Mutter fragte mich: „Möchten Sie nicht zu Ihrem Vater ziehen?“ Ich konnte es ihr nicht übel nehmen, denn sie hatte viel Scheiße gefressen mit mir. Sie wollte nur noch meinen Onkel heiraten und in Ruhe leben. Also sagte ich: „Ja gut.“
Ich zog nach Fünf Löchern, zu meinem Vater. Eines Tages saß ich über meinen Hausaufgaben und mein Vater hat mir mit der Faust auf den Kopf geschlagen, weil ich mal wieder nichts verstanden habe. Ich sagte: „Bitte schlagen Sie mich nie wieder. Gewalt erzeugt Gegengewalt.“

„Ach wie, Sie wollen mich schlagen, Sie schwule Sau?“

Wir begannen mit Gegenständen um uns zu werfen und ich rannte aus dem Haus. Spät nachts kam ich wieder, mein Vater wartete bei schwachem Lampenschein. Er war sehr traurig, umarmte mich und sagte: „Es kommt nie wieder vor. Tut mir leid.“

Wenn mich jemand fragte, was mein Vater war, sagte ich „Ökonom“. Was nicht stimmte, denn mein Vater hatte keinen richtigen Beruf. Ich wusste nicht, was er war und warum bei uns immer Dollarscheine, Gewehre und Handgranaten herumlagen. Jedenfalls konnte ich deswegen nie Freunde einladen.

Als ich zehn war, lernte ich Jakob kennen. Wir spielten zusammen Fussball, er war sehr gut im Toreschießen und ich war für nichts gut, aber wir waren Fans vom gleichen Verein. Wir liebten den FC Millionäre und verpassten kein Spiel von ihnen. Wenn sie in einer anderen Stadt spielten, fuhren wir eben im Bus hin mit unseren grünen Schals. Natürlich bin ich dadurch wieder durchgefallen. Aber ansonsten war ich sehr glücklich und wollte der beste Fan der Welt werden. Jakob und ich lernten Wörterbücher von Beschimpfungen auswendig, um die Nationalen und die Heiliger Glaube fertig zu machen, wenn sie gegen unsere Mannschaft antraten. Immer blickte ich zu den Jungs der Hochtribüne und wollte eines Tages auch dort sitzen, wie die richtigen Fans, vor denen jeder Angst hatte. Wie das Leben so spielt, lernte ich sie aber ganz wo anders kennen, als ich gedacht hätte. Ich saß in einer Bar und war gerade dabei, mich mit Jakob zu betrinken. Wir erkannten einander, an unserer grünen Kleidung und haben bis fünf Uhr morgens sehr heftig gefeiert. Seitdem nahmen sie mich und Jakob immer zur Hochtribüne mit und die kleineren Fans mussten mir sofort ihren Sitzplatz überlassen, wenn ich es eben wollte. Ab da habe ich den Fussball immer ernster genommen. Ich lebte nur noch wegen und für die Millionäre. Dazu gehörte auch, dass ich mit den anderen Millio-Fans durch die Straßen der Blätter patroullierte, auf der Suche nach Feinden. Wir kreuzten auf den Partys der Feinde auf und schlugen sie zusammen. Und wenn sie auf dem Boden lagen und zuckten, schlugen wir weiter, weil sie einfach lebender Müll waren. Dann gingen wir in eine Bar, um unseren Sieg zu begießen. Wir verloren nämlich nie einen Kampf. Mit Jakob fühlte ich mich immer sehr sicher, denn uns verband eine sehr seelische und mystische Freundschaft. Oft gestalteten wir bis tief in die Nacht acht Meter lange Tücher mit Sprüchen wie: „Millios, Millios, unsre Hoffnung ist grün!“

Ein anderer Fan in meinem Freundeskreis, den ich einfach Affe nannte, wurde drogenabhängig und ich sagte zu ihm: „Gut, wenn du meine Freundschaft eintauschen willst gegen die Typen, die dir Drogen geben, dann viel Glück im Leben.“ Drogen waren nie meine Welt.

Ich fuhr mit Jakob im Bus zu einem Spiel und da saß doch tatsächlich ein Mädchen mit einem Nationalen-Hemd. Ich schrie sie an: „Sie verdammte Hure!“ und versuchte, ihren blauen Schal wegzunehmen, denn die Farbe machte mich über alle Maßen wütend. Manchmal dachte ich, dass etwas mit meinem Leben nicht stimmte, aber manchmal dachte ich, dass ich noch nie so glücklich war.

Auf einer Schlacht gegen Fans vom FC Heiliger Glaube, sah ich zum ersten Mal, wie einer tatsächlich mit einer Pistole auf einen Gegner schoss. Das fand ich übertrieben. Danach wollte ich nach Hause und sagte zu Jakob, er könne mit zu mir kommen, mein Vater war nämlich weg und würde so schnell nicht wieder zurückkehren. Schnaps hatte ich genug. Aber Jakob sagte, er könne seine Mutter nicht so provozieren. Er wollte lieber heim.

Um drei Uhr morgens wurde ich von der Türklingel geweckt. Es war der Bruder von Jakob, der sagte, die Heiliger Glaube Fans hätten Jakob erstochen. Wir weinten fassungslos. Er war rein aus Versehen auf dem Nachhauseweg auf eine Gruppe von achtzig von denen gestoßen. Da haben die ihn fertig gemacht. Wie die Polizei so ist, haben sie ihn verhört, statt ihn zum Krankenhaus zu bringen. Als ihn die Ambulanz wegfuhr, hörte er auf, zu atmen, wurde ganz bleich und ward nie mehr lebend gesehen.

Auf seiner Beerdigung waren alle Fans von den Millionären da. Ich warf Jakob einen grünen Schal in den Sarg, er sollte ihn zum Himmel mitnehmen. Dann band ich noch einen Schal an den Baum über seinem Grab, damit die Welt auch sähe, dass hier ein Mann für seine Mannschaft gestorben war. Einer von der Regierung war da und sagte zu uns: „Leute, wir werden die Sache aufklären. Bitte keine Rache jetzt von euch.“ „Klar, Mann“, sagte ich. „Es sollen nicht noch mehr Leute verrecken.“ Aber die Regierung hat natürlich rein nichts gemacht. Wir hingegen wussten sehr bald ganz genau, wer Jakob umgebracht hatte.

Eines Nachts war ich sehr deprimiert und habe mich besoffen wie noch nie. Wir fanden ein paar Leute vom Heiliger Glaube und haben die Gedärme aus ihnen herausgeschlagen. Ich ging zu Fuß nach Hause und weinte: „Gott, wenn es Sie gibt, warum bringen Sie mich nicht endlich um? Ich bin in meiner Ehre verletzt! Bringen Sie mich doch endlich um! Ich will nicht mehr!“

Am nächsten Tag ging´s mir verdammt dreckig und ich beschloss, mit den Prügeleien aufzuhören. Ich ging zu den anderen Jungs und sagte ihnen, dass ich nicht mehr konnte. Sie hatten Verständnis und machten eine große Abschiedsparty für mich. Ich schaute noch Fussball, aber ich ging weder zu Treffen, noch patroullierte ich in den Straßen.

Eines Tages saß ich auf dem Platz Fünf Löchern und einige Typen kamen und sagten: „Wir sind die Front. Wir sind gekommen, um für die Armen und Benachteiligten zu kämpfen. Die Reichen brauchen nicht so viel Geld wie sie haben. Die wollen es nicht freiwillig hergeben und deswegen führen wir einen gerechten Krieg in diesem Land.“
Das war schön gesprochen. Und weil ich an diesem Tag von der Schule geflogen war, sagte ich: „Ich würde gerne mit Ihnen arbeiten.“ „Kein Problem. Ich organisiere gerade eine Aufgabe, für die ich noch Leute brauche. Kommen Sie mit.“ Man gab mir Fleisch und Bohnen zu essen, was sehr gut schmeckte. Sie sagten, sie könnten mir nichts zahlen, aber mir würde es bei ihnen auch an nichts fehlen.

Der Auftrag bestand darin, mit dem Kameraden Fritz das Auto von einer Schokoladenfabrik zu entführen und dann Geld zu verlangen und es abzuholen. Ich wollte auf keinen Fall etwas falsch machen und war sehr aufgeregt. Fritz und ich warteten im Regen aber das Auto kam einfach nicht. Stattdessen kam ein Schulbus mit vielen Kinderlein, die gerade auf einem Ausflug waren. Es blieb uns aber nichts übrig und deswegen mussten wir diesen Bus nehmen.
Wir kamen mit Gewehren und sagten zu allen: „Sie müssen alle aussteigen. Wir sind die Front und wir brauchen den Bus.“ Die Kinderlein weinten und ich hatte Mitleid. Ich sagte: „Es tut mir leid, es ist ein Auftrag von höherer Gewalt. Sie müssen aussteigen.“

Es regnete immer mehr und die armen Kinderlein mussten zu Fuß nach Hause und wir waren sehr weit von der Stadt entfernt. Fritz und ich versteckten den Bus im Wald unter vielen Zweigen und dann tranken wir einige Schnäpse. Als wir dann weiter fuhren, hatten wir leider einen Unfall, weil Fritz so blau war und der Bus war völlig geschrottet.
Zur Ausbildung kam ich in ein Lager, wo ich mit schweren Rucksäcken die Berge hinauflaufen musste. Das fand ich etwas zu viel, aber ich wollte nicht als Schwächling dastehen. Doch am Muttertag begann einer der Kameraden zu weinen und ich ging zum Oberkameraden und fragte: „Wann darf ich meine Mutter besuchen?“ Er lächelte und sagte: „Bald. Machen Sie sich keine Sorgen.“ Am nächsten Tag kam ein Kamerad und sagte zu mir: „Aufstehen. Sie gehen.“

Ich wusste nicht warum. Vielleicht war ich doch zu jung für sie mit meinen vierzehn Jahren. Man fuhr mich zurück nach Blatt und ich klopfte an die Tür, hinter welcher Mutter wohnte. Sie öffnete und als sie mich sah weinte sie und sagte: „Söhnchen, warum sind Sie mir davongelaufen? Fehlt Ihnen denn irgendetwas hier bei uns?“ „Aber nein, Mama.“

Am nächsten Tag begann ich mit der Feldarbeit. Aber ich hasse nun einmal die Landwirtschaft, besonders, wenn man nichts für sich selbst erwirtschaftet. Drei Mal am Tag gab es Kartoffeln und nie ein Schnäpslein oder Fleisch. Da begann ich wieder von der Organisation zu träumen und nahm mir vor, dass ich wieder beitreten würde, sobald ich fünfzehn war.  „Aber wenn du der Front beitrittst, dann bist du für immer einer von uns, da gibt es kein Umentscheiden“, sagte Fritz, als ich ihn wieder bat, mich aufzunehmen. „Ich werde mich nicht umentscheiden. Ich will unbedingt mit euch für die gerechte Sache kämpfen!“ „Also gut.“

Zuerst wurde ich eingelernt, wie man Entführte versorgt und wie man Nachrichten weiter gab. Später war ich auch bei einem heiklen Manöver dabei, es ging darum Gasflaschen aus einer Lagerhalle wo anders hin zu transportieren. Aber plötzlich rief Fritz kreidebleich: „Die Regierung! Die Angeber sind da!“ Die Angeber hatten gute Maschinengewehre und Fritz traf es durch den Hintern, so dass die Kugel oben an der Brust wieder heraus kam. Es gelang mir, mich zu retten und sogar noch ein paar Angeber umzubringen. Auf alle Fälle war das mit Fritz eine traurige Sache, denn er wurde zum Invaliden und konnte nicht weiterkämpfen. Die Organisation hatte nicht genug Geld, um für seine Behandlung zu zahlen und so starb er ziemlich elend. Deswegen verlor ich die Lust, für die Organisation zu arbeiten.

Ich floh also wieder nach Blatt und arbeitete als Zigarettenverkäufer. Ich hatte viele Freunde, weil ich immer kluge Sachen redete und nie Scheiße laberte. Wenn die von der Front kommen, um mich zu verhören, habe ich keine Angst. Ich finde keine Schuld an mir. Die Organisation ist gerecht, sie töten nicht, um zu töten. Und es würde mich freuen, wenn sie gegen die Angeber gewinnen könnten. Aber das darf ich nicht laut sagen. Wenn die aus Blatt das erfahren, werde ich verjagt und wenn die Organisation davon hört und doch meint, sie hätte noch eine Rechnung offen mit mir, kann es blöd werden.

KRISENTAG

(In der deutschen Bundesbank:)

Meine Herren, es ist Zeit! Der Aufschwung war sehr groß
Legt nun Hand an die Notenpresse an –
Und auf die Menschen lasst die Zettel los!

Befehlt der letzten Blase bald zu platzen
Gebt ihr noch drei heimlichere Wochen
Wir verkaufen dann – wie abgesprochen –
Was uns gelang, den andren aufzuschwatzen.


(Ein Arbeitsloser:)

Wenn ich das kauf, kauf ich lang nix mehr
Wenn ich jetz‘ kein Geld mehr hab, dann wird das lang so bleiben
Ich werd‘ hoffen, warten und Bewerbungen schreiben
Werd‘ in den Gängen des Arbeitsamtes hin
Und her wandern, mit zwei Käsescheiben

(Parodie auf Herbsttag von R.M. Rilke)

https://de.wikipedia.org/wiki/Herbsttag