Der Mensch muss neu über sich nachdenken und wenn ich sage „der Mensch“, meine ich alle, jeder für sich und alle miteinander. Es gibt verschiedene ziemlich alte Gedanken dazu, der Mensch sei das denkende Wesen oder der Mensch sei der Sterbliche im Verhältnis zu den Unsterblichen. Vielleicht muss man so etwas im Ernst einmal gedacht haben, um den Kontrast zu sehen und zu fühlen zu jemandem wie Karl Marx. Er sah den Menschen nur in seiner Funktion als Arbeiter und als Machtpotenzial, indem er zusammen mit anderen die „Masse“ bildet. Er spricht wie ein Ingenieur von sozialen Gefügen und sozialen Aufständen, der sich für eine bestimmte Kundschaft einsetzt, der Arbeitermasse oder Arbeiterklasse.
Das Nachdenken vom Menschen über den Menschen wurde in unseren Kultursphären eine lange Zeit im Rahmen der Bibel betrieben und diese Text-Melange wurde zum Teil wirklich wörtlich umgesetzt:
Genesis 1,28 (Luther Übersetzung):
„Und Gott segnete sie und sprach zu ihnen: … Seid fruchtbar und mehrt euch und füllt die Erde und unterwerft sie; und herrscht über die Fische des Meeres … und über jedes lebende Wesen, das sich auf Erden regt.“
Was keinen Nutzen abwirft, braucht sich eigentlich erst gar nicht zu regen. Die Unterwerfung der gesamten Erde ist kein zufälliges Nebenprodukt des Versuchs zu überleben, sie ist das Programm. Wissenschaft und Technik haben sich diesem systematisch verschrieben.
Dass der Mensch natürlich auch unterworfen ist, steht nicht so klar dort, aber das kann auch Absicht sein. Dass es an unsichtbaren Orten wirkliche Hirten gibt, die die Menschen als Nutztiere sehen, wird auch nirgends deutlich gemacht.
Diese Besessenheit mit dem Nutzen scheinen einige Leute gemeinsam zu haben, obwohl sie als ganz gegensätzlich gelten. Charles Darwin hat den Nutzen geradezu heiliggesprochen, indem er jede Veränderung in der Evolution auf einen Nutzen zurückführte, und zwar einen handfesten Nutzen, deswegen musste er alles als in ständiger Gefahr (eigentlich Krieg) schwebend darstellen.
Charles Darwin hat zugegeben, dass seine Inspiration bezüglich der natürlichen Selektion von einem Mann namens Malthus kam, der Theologe und Ökonom war und die Idee der Überbevölkerung entdeckte, die sich mit seiner Begründung zwar als falsch herausstellte. Es ist sogar heute nicht unmöglich, die ganze Weltbevölkerung zu ernähren. Man würde übrigens meinen, dass im wissenschaftlichen Denken eine Theorie verworfen wird, wenn sich zeigt, dass die Begründung nicht stimmt. In der Praxis ist das aber nicht so. Oft gibt es eine Theorie und den Auftrag an alle, diese per Deduktion zu begründen und ein „Quod erat demonstrandum“ darunter zu schreiben, „wie zu beweisen war“. Deswegen hat man Malthus Theorie mit einer neuen Begründung belebt und die Überbevölkerung zur allgemeinen Gefahr erhoben, indem man den „Carbon Footprint“ erfand.
So sehr das Britische Empire auch räumlich expandierte, ging es gedanklich immer in einem Kreis: von Adam Smith (1723 – 1790) und seiner Theorie von Angebot, Nachfrage, Knappheit, der „unsichtbaren Hand der Märkte“ und so weiter, zu Thomas Malthus (1766 – 1834), der den falschen Beweis vorgelegt hat, dass die wachsende Bevölkerung nicht genügend Ressourcen hätte, zu Charles Darwin (1809 – 1882), der die „unsichtbare Hand der Märkte“ auf die Biologie übertrug und dies „natürliche Selektion“ nannte. Da machen die verschiedenen Wissenschaften und Philosophien zwar den Eindruck, gut zusammenzupassen und damit alle Teil der gleichen Wahrheit zu sein, dabei ist das eine Art Ewige Suppe, die seit hunderten von Jahren weitergekocht wird.
Aus Sicht dieser Suppenköche hat der Mensch ohne Funktion, also ohne Arbeit, keine Daseinsberechtigung. Das meinte Martin Heidegger, als er sagte, dass der Mensch vom „nicht festgestellten Tier“ (Nietzsche) zum „arbeitenden Tier festgestellt“ wurde. Wenn die Zukunft der Arbeit aber immer unklarer wird, was wird dann aus dem arbeitenden Tier? Deswegen habe ich eingangs gesagt, dass wir uns die Frage nach dem Menschen selbst stellen müssen, denn selbst Karl Marx wäre an die Grenzen seines Lateins gekommen, wenn seine Kundschaft plötzlich Arbeiter ohne Arbeit und nur noch „Masse“ geworden wären.
Um das Nachdenken führt kein Weg herum und das meint auch, dass wir uns nicht hinter Slogans versammeln können wie „Make America great again“. Es ist jetzt so deutlich wie nie zuvor, dass jeder das anders verstanden hat. Und wir können auch nicht ausschließen, dass die Erfinder dieses Sprüchleins mit America wirklich den Kontinent meinten und aussagen wollten, dass sich die USA die Ressourcen des restlichen Kontinents unter den Nagel reißen möchten, wie ihre kriegerischen Ambitionen in Venezuela zu zeigen scheinen.
Der britische Premierminister Benjamin Disraeli (1804 – 1881), Zeitgenosse von Darwin, schrieb in seinem Roman „Sybil“:
„Man kann sagen, was man will, aber unsere Königin regiert über die größte Nation, die jemals existiert hat.“
„Welche Nation?“ Fragte der junge Fremde. „Denn sie regiert über zwei… zwei Nationen, zwischen denen es weder Verständigung noch Verständnis gibt, die keine Kenntnis haben über ihre jeweiligen Gewohnheiten, Gedanken und Gefühle, als wären sie Bewohner völlig verschiedener Gebiete oder Planeten. Sie werden verschieden gezüchtet, von verschiedenen Nahrungsmitteln genährt, ihre Umgangsformen sind verschieden und sie unterliegen nicht den gleichen Gesetzen.“
„Du sprichst von…“, sagte Egremont zögerlich.
„Den Reichen und den Armen.“
Benjamin Disraeli, Sybil, Book ii, Chapter 5 (1845)
Vierzig Jahre zuvor schrieb John Adams, einer der „Gründungsväter“ der Vereinigten Staaten, deren Absichten es sich durchaus lohnt zu untersuchen:
„Wir verfügen über ein einziges Material, das eigentlich eine Aristokratie bildet, die die Welt beherrscht. Und dieses Material ist Vermögen.
Talente, Geburt, Dienste, Opfer bedeuten uns wenig. Die größten Begabungen, die höchsten Tugenden, die wichtigsten Leistungen werden als nutzlos beiseite geworfen, es sei denn, sie werden von Reichtümern oder Interessengruppen getragen und das Ziel beider Parteien ist hauptsächlich Vermögen. … In der römischen Geschichte sehen wir ein beständiges Ringen zwischen den Reichen und den Armen, von Romulus bis Cäsar. Die große Trennlinie war nicht die zwischen Patriziern und Plebejern, sondern zwischen Schuldnern und Gläubigern. Spekulation und Wucher hielt den Staat in ständiger Hitze. Die Patrizier rissen das Land an sich und die Plebejer verlangten nach Agrargesetzen. Die Patrizier liehen Geld zu äußerst hohen Zinsen und die Plebejer waren manchmal nicht in der Lage, aber immer unwillig, diese zu zahlen. Das waren die Ursachen, weshalb die Menschen in zwei Parteien geteilt wurden, so verschieden voneinander und so neidisch, dass sie einander fast so feindlich gegenüberstanden, wie zwei Nationen.“ – Tract by John Adams, 1808
Wenn jemand an der Seepromenenade als Charlie Chaplin verkleidet geht und als Herzen geformte Luftbalons verteilt – dann möchte er sie meistens verkaufen, obwohl er zuerst so tut, als ob er sie verschenkt. Das ist keine Verschwörungstheorie. Wenn man seinen Luftballon annimmt und ohne zu zahlen versucht wegzugehen, dann wäre er sehr beleidigt.
Und deine Begleiter würden dich ungläubig anschauen, wenn du daraufhin sagst „Warum? Du bist mein Zeuge, er wollte mir das schenken!“
Immer das gleiche Problem mit Kindern in der Situtation, weswegen der Luftballon-Verteiler, der erst nachher um Geld bittet, zuerst mit Kindern flirtet und ihnen den Luftballon gibt. Je nach dem, wie alt sie sind, können sie nicht verstehen, warum der Charlie Chaplin das macht.
Ist ein Kind 4 Jahre alt, wird es den Ballon bekommen, seine Eltern zahlen, weil das Kind gar so strahlt… Und man bewundert an Kindern ihre „Unschuld“, was man insgeheim für liebliche Dummheit hält.
Dann fragt das Kind „Warum zieht sich der Mann so an und verteilt Luftballons?“
„Er freut sich, wenn Kinder lachen“, sagen die ganz Harmoniesüchtigen, die Kinderunschuld verherrlichen.
„Er ist nur ein Bettler, der keine Lust hat, eine ehrliche Arbeit zu machen“, sagen Eltern, die ihn böse weggeschickt haben.
Manche Eltern mit Skrupeln sagen: „Er hat wenig Geld und hat sich überlegt, wie er etwas Geld verdienen kann und gleichzeitig Menschen erfreuen.“
Das ist nicht unwahr! Wenn er Leute verärgern wollte, würde er sie vermutlich bestehlen.
Aber nehmen wir jetzt an, dass der Luftballon-Verschenker an einem Tag der offenen Tür der örtlichen Polizei seine Luftballons verteilen würde und tatsächlich kein Geld dafür verlangt.
Was würde man nun seinem 4-jährigen Kind sagen, warum er das macht?
„Weil er lieb ist“, würde wieder der Harmoniesüchtige sagen, der sich vor die „Unschuld“ seines Kindes stellt, wie ein antiker Vater vor die Jungfräulichkeit seiner Tochter.
Ein vorsichtiger Erzieher würde sagen: „Er wurde von der örtlichen Polizei dafür bestellt, damit Kinder keine Angst vor der Polizei haben, sondern denken, dass die freundlich sind.“
Das wäre übrigens sehr neutral formuliert.
Wer nicht so gut zu sprechen ist auf den Staat würde sagen: „Die lügen Tag und Nacht, jetzt wollen sie mit so billigen Mitteln die Gefühle unserer Kinder kaufen!“
Was nach einer Frau in einer Scheidungsgeschichte klingt.
Was davon ist wahrer? Es gibt keinen Zweifel, dass der Tag der offenen Tür der örtlichen Polizei so geplant wurde, damit die Bevölkerung Vertrauen in sie bekommt. Das ist alles andere als eine Verschwörungtheorie. Jeder, der in einer Firma jemals gearbeitet hat, weiß, dass das realistisch ist. Man spricht in fast jedem Meeting von „Wordings“ und wundert sich nicht weiter.
Es gibt eine große Unbekannte, einen Faktor X, der aber nie der gleiche ist, den man nicht mit Gewissheit einkreisen und einschließen kann. Heraklit sagte berühmterweise, dass keiner zwei Mal in den gleichen Fluss steigen kann. Die große Unbekannte hat man manchmal vage als „Wahrheit“ bezeichnet.
Diese allgemeine Ungewissheit in Verbindung mit dem Bewusstsein, dass man irgendwann stirbt, hat dazu geführt, dass sich die Menschen auf etwas anderes gestürzt haben, auf Erfolg. Dieser führt zum Glück, haben sie sich gesagt, während sie ihr großes Unbehagen verdrängten. Die größten Ideologen der Welt sind daher auch die größten Nihilisten.
Für solche ist Demokratie diejenige Kommunikationstechnik, in der eine geschlossene Frage an eine Bevölkerungsgruppe gerichtet wird und mehr als 51% mit Ja antworten, weil sie die Frage nicht verstanden haben.
Selbst eine Frage zu stellen und gar, eine gute Frage zu stellen, liegt dem Menschen fern. Auf seinem Telefon bringen ihm springende Ostereier besondere Angebote und es ist schwierig, nicht darauf zu warten, welcher Rabatt aus dem Ei schlüpft.
Eine gute Frage zu stellen, setzt voraus, dass man seinen Gedanken schon einige Zeit nachgegangen ist, aber diese Bedingung ist nicht gegeben. Wir warten auf die nächste Krise, aber auch die wird keine Ostereier mit guten Fragen bringen.
Stellen wir die Frage dennoch, denn die Situation, die sich zwischen den USA und China entfaltet, ist fragwürdig. Warum kauft China nicht seine eigenen Produkte, statt ausländische Märkte damit zu bedrängen? Was hält die USA davon ab, bezahlbare Konsumgüter für die eigene Bevölkerung herzustellen?
Länder mit dem größten Handelsbilanzüberschuss im Jahr 2023
„Gute Nachrichten für Deutschland, schlechte für die Konkurrenz: Deutschlands Handelsüberschuss wird 2012 höher ausfallen als in jedem anderen Land.“ Das schrieb der Focus im Jahr 2013 und das haben wir über viele Jahrzehnte gehört. Höhere Löhne wären deswegen indiskutabel, da wir ja in direkter Konkurrenz zu China stünden. Und wenn die Löhne hierzulande stiegen, dann würden die Unternehmen einfach nach China umziehen.
Inwischen sind freilich aus mancherlei Gründen hierzulande die Gaspreise so gestiegen, dass das alte Erfolgsmodell nicht aufrecht erhalten werden kann, dazu kommen nun noch die neuesten Zölle von den USA – und so erklärt sich, dass die „Keynsianer“ zurück sind, die mithilfe von Staatsverschuldung, die Nachfrage stützen möchten. Leider ist diese Nachfrage nicht besonders menschenfreundlich. Statt – beispielsweise – die Renten zu verdoppeln, baut man ein großes Militär aus.
„Krieg ist die Schaffung von Nachfrage, indem man den Kunden erschießt.“
C.H. Douglas schrieb 1936 (The Approach to Reality): „Schweden wurde als wunderbares Beispiel emporgehalten, wie gut das monetäre System funktionieren kann. Schweden produziert 3 Mal mehr als es konsumiert, aber dank der Launen der Wechselkurse, kann es die restlichen 2/3 exportieren. Schweden muss also 3 Mal mehr schaffen, als wirklich nötig wäre, damit das monetäre System funktioniert.“
„Zum gegenwärtigen Zeitpunkt handelt die Welt unter einem Finanzsystem, das im Grunde ein Buchhaltungssystem ist, das die Lebensnotwendigkeiten kontolliert. Dieses Buchhaltungssystem produziert eine illusorische Notwendigkeit, mehr zu exportieren als zu importieren. Die Strafe mehr Importe als Exporte ist eine steigende Arbeitslosigkeit.
Diese Situation ist im Ursprung mathematisch und bietet nur einen brennbaren Hintergrund für einen internationalen Flächenbrand, ohne die beteiligten Länder dabei auszuwählen. Aus dieser Situtaion heraus gilt es aber als anerkannt, dass eine aggressive Psychologie vorteilhaft ist, um vorübergehenden Erfolg zu haben im Kampf um die wirtschaftliche Überlegenheit. Daraus folgt ganz natürlich, dass eine erfolgreiche Periode der kommerziellen Expansion eine starke Tendenz hat, von einer aggressiven Haltung in der Außenpolitik begleitet zu werden. Es ist wahrscheinich, dass die Ursachen für die vorübergehende kommerzielle Überlegenheit größtenteils zufällig sind. Es ist sogar noch wahrscheinlicher, dass die wirtschaftliche Überlegenheit während der letzten 200 Jahre gefördert werden konnte und tatsächlich gefördert wurde, je nach dem, wie die Gegebenheiten mit den Interessen der internationalen Finanzhäuser zusammentrafen.
Diesen Tatsachen zum Trotz hat die unheilbare menschliche Eitelkeit im Verbund mit dem Kult der Belohnung und Bestrafung angenommen, dass ein solcher Erfolg auf eine besondere Tugend des Erfolgreichen zurückzuführen sei. Die Ergebnisse davon waren leicht zu sehen in der Haltung der Vorkriegs-Preussen und sie werden bemkerbar in der nationalen Haltung der Vereinigten Staaten. (…)“ – C.H. Douglas, Warning Democracy, 1935
Wie viel Geld braucht ein Land?
Wenn in einem Land etwas produziert wird, muss es eine Entsprechung dafür geben in Geld. Diese Geldmenge muss eben der Produktion entsprechen. Man kann die Geldmenge natürlich davon abhängig machen, wie viele Haare der Banker auf dem Kopf hat, wie viele Flöhe sein Hund hat oder wie viel Gold in diesem oder jenem Keller vorhanden ist, aber das macht keinen Sinn. Wenn der Banker zufällig ein Glatzkopf ist, gibt es eine unnötige Deflation. Unnötig, weil die Produktion ja vorhanden ist.
Wenn in einem Land etwas produziert wird, muss es eine Entsprechung dafür geben in Geld. Diese Geldmenge muss eben der Produktion entsprechen. Man kann die Geldmenge natürlich davon abhängig machen, wie viele Haare der Banker auf dem Kopf hat, wie viele Flöhe sein Hund hat oder wie viel Gold in diesem oder jenem Keller vorhanden ist, aber das macht keinen Sinn. Wenn der Banker zufällig ein Glatzkopf ist, gibt es eine unnötige Deflation. Unnötig, weil die Produktion ja vorhanden ist.
Die Grundannahme der traditionellen Volkswirtschaft ist, dass die Produktion von Waren und Dienstleistungen automatisch genügend Geld in Form von Einkommen ausschüttet, um die Kosten und damit die Preise für Waren und Dienstleistungen zu decken. Diese Annahme nennt man manchmal „Say’sches Theorem“ (nach dem franzöischen Ökonom Jean-Baptiste Say aus dem 18. Jahrhundert): Das Angebot schafft seine eigene Nachfrage, oder, in finanzieller Hinsicht, der Fluss der Preise wird automatisch durch den Fluss der effektiven Nachfrage in Form von Einkommen ausgeglichen. Wenn in einer bestimmten Wirtschaftsperiode ein bestimmtes Produktionsvolumen unverkauft bleibt, so liegt das daran, dass die Menschen ihr Einkommen sparen, anstatt es auszugeben.
Diese Annahme hat eigene Anhänger unter den Ökonomen, die sich „angebotsorientiert“ nennen. Sie empfehlen den Politikern, das Angebot, die Produktion, zu begünstigen und dadurch werde sich die Nachfrage automatisch einstellen.
Es gibt eine andere Gruppe von Ökonomen, die „Nachfrageorientierten“, die sich auf John Maynard Keynes beziehen, der während den Wirtschaftsdepressionen der 30er Jahre empfohlen hat, die Nachfrage zu stützen, indem sich der Staat verschuldet und dadurch Arbeitsplätze schafft.
Manche Keynesianer geben offen zu, dass Krieg wünscheswert sein kann, um eine Depression zu bekämpfen, es werden Waffen produziert, Soldaten sind Arbeitnehmer:
Aber warum fehlt es grundsätzlich so an Nachfrage, dass man Exportweltmeister werden muss, damit die eigene Bevölkerung gerade so über die Runden kommt?
Wovon sich Trump so bedroht fühlt, ist ein Strategiepapier aus China „Made in China 2025“.
China möchte sich in mehreren Schritten zur Industriemacht transformieren.
„Im letzten Schritt bis 2049, zum hundertjährigen Bestehen der Volksrepublik, soll China als führende Industrienation an der Weltspitze stehen. China wird bis dahin die Fähigkeiten besitzen, Innovationen und fortschrittliche Technologien sowie industrielle Systeme zu entwickeln.“
„…und die findigen Tiere merken es schon, dass wir nicht sehr verlässlich zu Haus sind in der gedeuteten Welt.“ – Rilke
Wir können nicht umhin. Je verrückter alles wird, umso notwendiger ist es, alle Dinge zu bedenken und zugleich die Namen, die wir ihnen geben, die Wörter.
Als Menschen können wir das eine nicht ohne das andere verstehen. Und so lange wir nicht sicher sind, ob wir von einem Ding sprechen oder von einer Interpretation, die auch ganz anders sein könnte, ist es vernünftig als Phänomenologe vorzugehen und sehr vorsichtig das zu benennen, was sich zeigt.
Das Problem, nicht zu wissen, ob wir etwas sehen oder ob wir interpretieren, zeigt sich nicht erst, wenn es um etwas Schwieriges geht, es zeigt sich pausenlos und jeden Tag.
Beispielsweise wenn wir von Empfindungen sprechen, die wir ständig haben. Manche sind vielleicht geneigt, vom Seelischen zu sprechen, aber viele glauben nicht an die Seele, sondern nur an den Körper. Dennoch ist es eine Interpretation, dass unsere Empfindungen vom Körper herrühren.
Selbst wirklich vernünftige Psychiater verwechseln in ihren Schriften so häufig ‚Ursache‘ und ‚Wirkung‘, dass man nicht weiß, ob sie absichtlich etwas verschweigen (aus politischen Gründen?) oder wirklich betriebsblind sind.
Es gibt Menschen, die etwas sehr Konkretes nicht ertragen können und dennoch steht über sie im Bericht, dass ihre Verzweiflung oder Reizbarkeit von einer chemischen Unausgeglichenheit im Gehirn rührt, was die Gabe von Medikament X notwendig mache.
„Nichts ist unmöglich“
Sagt die Toyota-Werbung und es ist ein sehr zutreffender Spruch für die Haltung der Technik und Wissenschaft. Alles, was heute moderne Technik ist, war früher unmöglich, daher folgert man ‚logisch‘ (per Induktion), dass ALLES möglich ist und nur eine Frage der Zeit und der Anreize (z.B. Nobelpreise oder einfach nur Geld), bis es möglich wird.
Diese Haltung steht über allen anderen Ideologien, es ist ein Teil der wahren Ideologie, dass ein „es geht nicht“, nicht akzeptiert wird – dann wechselt eben der Manager, der Vorsitzende der Kolchose. Der Nächste macht es möglich oder er ist auch weg. Der Druck ist derartig, dass allmählich alle (weil sie Angestellte sind) anfangen mitzuspielen, und so tun, als ob das Unmögliche möglich wäre und gerade von ihnen erreicht.
Die Haltung, dass nicht alles möglich ist, gilt als unethisch (im Sinne von Arbeitsethik) und „demotivierend“. Schon die Tatsache, dass wir nicht aus Gründen handeln, sondern aus „Motivationen“, kann einen stutzig machen. Motivationen sind Antriebskräfte bei der Erreichung von Zielen. Alle diese Wörter, Motivation, Antriebskraft und Zielerreichung, haben gemeinsam, dass sie auch in der Manipulation von außen verwendet werdet können, von Arbeitgebern, Werbeleuten und Politikern. Früher nannte man das Kybernetik. Wörter wie „Identifikation“ gehören auch in diesen Bereich. Und wenn es Menschen gibt, die planen, wie viele „Identifikationsgruppen“ es gibt, welche Merkmale sie haben, wie sie mit anderen Identifikationsgruppen interagieren (Beispiel Demokraten und Republikaner), dann hat man zwangsläufig „kulturelle Aneignung“. Der CSU Politiker, der versucht in bayrischer Mundart zu sprechen, betreibt genau das, indem er sich als Bayer darstellt, damit sich andere Bayern in dieser Spiegelung des Selbstbildes geschmeichelt fühlen und ihn nachahmen wollen und seine Art zu sprechen übernehmen. Sie sprechen von Tauben als Ratten der Lüfte, obwohl sie sich nie eine Taube angesehen haben und gar nicht ahnen, wie traurig das Stadtbild ohne sie wäre.
So ein Politiker ist jedenfalls nie ein Bayer, sondern immer ein einfacher Hochstapler, der mit dem Selbstbild der Menschen spielt, weil er weiß, dass sie Angst hätten, sich in Luft aufzulösen, wenn ihnen nicht ständig jemand anbietet, wie sie sich zu sehen hätten. Und dies ist die Gemeinsamkeit so konträrer ‚Systeme‘ wie Demokratie (oder Liberalismus), Kommunismus und Nat.soz. Keineswegs ist die Ähnlichkeit ihrer politischen Werbeplakate ein Zufall. Du möchtest schön, stark, jung, geliebt, intelligent und fleißig sein? Ich schenke dir dieses Bild von dir, gratis, du musst nur für mich – das heißt – für dich – in den Krieg gehen. (In Klammern: dass du nach dem Krieg nicht mehr ansatzweise eins von den aufgezählten Adjektiven bist, wirst du niemals wahrhaben wollen und daher wird es auch nicht wahr sein, dieser Schmerz ist eingebildet und dafür haben wir Fachleute in Psychiatrien…)
Der Leser der Süddeutschen Zeitung identifiziert sich mit den anderen Lesern dieser Zeitung und er wird darauf trainiert, sich an die Schriftart und Schriftgröße zu gewöhnen und einen Widerwillen zu haben, gegen die Schriftsetzung der Bildzeitung. Obwohl das jeder weiß oder wissen könnte, fühlen sich die Leute wohl und nur zu Hause in diesen Identifikationen. Sie haben gar keine andere Heimat.
Deswegen nennt sich das heutige Politspektakel „Identity Politics“, es kann zu nichts führen, was mit Wahrheit zu tun hat.
Verschiedene Länder sind so ungeniert, ihre Zeitung einfach „Wahrheit“ zu nennen, siehe die russische „Prawda“ und die spanische „La Verdad“. Diese markante Ähnlichkeit in ihrer Kulturtaktik beweist, dass Russland und Spanien gar nicht verfeindet sein können, weil sie verschieden wären, sie sind eben gleich. Und „deshalb“ sind „sie“ verfeindet (siehe Nietzsches Gedanken über die Rache), obwohl das gar nicht geht, das heißt, sie halten ihre Bevölkerungen in Verfeindung, indem sie ihnen Selbstbilder geben.
***
„Im Grunde ist auch Wagner’s Musik noch Litteratur, so gut es die ganze französische Romantik ist: der Zauber des Exotismus (fremder Zeiten, Sitten, Leidenschaften), ausgeübt auf empfindsame Eckensteher. Das Entzücken beim Hineintreten in das ungeheure ferne ausländische vorzeitliche Land, zu dem der Zugang durch Bücher führt, wodurch der ganze Horizont mit neuen Farben und Möglichleiten bemalt war … Die Ahnung von noch ferneren unaufgeschlossenen Welten; der dédain gegen die Boulevards … Der Nationalismus nämlich, man lasse sich nicht täuschen, ist auch nur eine Form des Exotismus … Die romantischen Musiker erzählen, was die exotischen Bücher aus ihnen gemacht haben: man möchte gern Exotica erleben, Leidenschaften im florentinischen und venetianischen Geschmack: zuletzt begnügt man sich, sie im Bilde zu suchen … Das Wesentliche ist die Art von neuer Begierde, ein Nachmachen-wollen, Nachleben-wollen, die Verkleidung, die Verstellung der Seele … Die romantische Kunst ist nur ein Nothbehelf für eine manquirte »Realität«.“ (Der Wille zur Macht, Friedrich Nietzsche)
***
Die Klügeren aus der Bevölkerung merken, dass die Kriegspropaganda ihrer Länder an den Haaren herbeigezogen ist, aber sie sind im Denken so ungeübt, dass sie glauben, dass das Gegenteil einer Lüge oder eines Irrtums folglich die Wahrheit sein muss, was überhaupt nicht stimmt. Es gibt kein Gegenteil von Sonne oder von der Zahl 3.
Das Verhältnis des Menschen zum Denken ist ein rein Platonisches. Der Mensch hat eine ganz vage Vorstellung davon, was das sein könnte, hat dieses Vage für das Ganze erklärt und will nichts Weiteres davon wissen.
In der Kindheit beginnen alle mit Strichmännchen, oft sogar mit Kopffüßlern. Das IST die platonische Idee. Wir glauben dann wirklich, dass wir alles berücksichtigt haben, den Kreis als Kopf mit Punktaugen, Strichnase und Strichmund, dann zwei Striche als Arme und ebensolche als Beine mit je einem Haken als Fuß. Ist doch alles berücksichtigt! Dann laufen wir zu unseren Eltern und denken, dass sie voll des Lobes sein werden und ohne Selbstbild würden wir uns ja in Luft auflösen, schon in ganz jungen Jahren.
Nur eben, mit dem Zeichnen verhält es sich so, dass manche weiter machen und auf jeden Fall völlig loskommen von den Strichmännchen, egal wie gut sie werden. Oder sie geben das Zeichnen auf, weil sie sich für talentlos erklären.
Nicht so beim Denken! Jeder hält sich für talentiert und intelligent, obwohl er nie von den gedanklichen Strichmännchen wegkommt und auch nicht will. Wir können ihn auch nicht darauf aufmerksam machen, denn diese Entscheidung hat er wiederholt bewusst getroffen. Seine Strichmännchen sind sein ein und alles. Nichts ist daran unberücksichtigt, er macht jetzt auch kleinere Ohren und nicht mehr solche Segelohren wie beim ersten Mal.
Es ist unklar, was den Menschen eigentlich vom Denken abhält, entweder hält er es für unnötig (dank der Wissenschaft und Technik obsolet geworden) oder zu langweilig oder zu schwierig, das weiß man nicht, weil man auch darüber nicht nachgedacht hat. Entsprechend ist auch ihr Verhältnis zu ihren „Dichtern und Denkern“. Dass diese eine gewisse Wichtigkeit haben, kann man logisch daraus folgern, dass es Statuen gibt, die sie darstellen. Für unser Selbstbild sind sie nicht unwichtig, sonst könnten wir uns nicht das „Land der Dichter und Denker“ nennen, ein geflügeltes Wort, das nicht von einem Dichter oder Denker stammt oder stammen kann, denn keiner von ihnen hat das Land so gesehen.
Aber im Konkreten muss man nicht gelesen haben, was so ein Dichter und / oder Denker so verfasst hat, weil so eine Beschäftigung entweder wirklich liederlich ist oder eine Freizeitunterhaltung, die diesen Namen nicht verdient, weil zu anstrengend und gleichzeitig zu langweilig. Genies nennt man Dichter und Denker eigentlich nur, um Skulpturen aufstellen zu können, die nicht Skulpturen von prosaischen Gestalten wie Politikern sind, denn diese beflügeln nicht das Selbstbild, wo es sich empor schwingen möchte über die Arbeitswelt.
„Die Welt geht viel zu langsam unter.“ – sagte eine Figur von Herbert Achternbusch in einem Film von 1981. Dass es stimmt, merkt man daran, dass die Welt immer noch untergeht, so schmerzlich langsam, dass man nicht mehr weiß, ob es auf das Überleben noch ankommt, dass man gar nicht weiß, was das ist.
Es scheint, dass man sich retten muss, es scheint aber auch, dass das nicht ausreicht, dass sich die Menschheit retten müsste und zwar schnell, denn der Untergang ist gleichzeitig so langsam und so schnell.
Fast jeder denkt, dass er wüsste, wie es ginge und dass nur die anderen das Falsche glauben. Viele meinen, wenn XY nicht gewählt wird, dann geht die Welt ganz sicher unter. Dieser Wahn geht seit mehr als hundert Jahren durch alle Köpfe, aber vor hundert Jahren haben die Weltkriege begonnen. Und meistens stellt sich heraus, egal wer gewählt wird, die Welt geht weiter unter. Mal durch Vernichtung von Materie und Körpern, den Rest der Zeit durch Vergessen. Das ist „die Wüste wächst“ (Nietzsche).
Vögel
Schon seit vielen Jahrhunderten, wünschen sich die Menschen, Vögel zu sein, weil sie entkommen möchten und nicht wissen wie. Dabei ist es nicht das Davonfliegen, was uns diese Tiere voraus haben, sie schauen anders aus ihren Augen.
Hunde
Die Menschen machen Filme von ihren Hunden. Hunde berühren sie, weil sie so anders lieben können. Man bewundert ihre Treue. Man ist traurig, weil die Menschen uns so „wertend“ ansehen, so voller Bedingungen.
Und es stimmt. Woher kommt dieses Werten und was ist jetzt passiert, nachdem alle Werte umgewertet wurden? Sie sind verschwunden (obwohl man so viel wie noch nie von ihnen spricht). Und nicht, weil man die falschen Werte hätte und diese wieder zurückwerten müsste oder könnte.
Zu glauben, dass der Wert der zu bewertenden Sache in den Augen ihres Betrachters entsteht, ist das Ergebnis einer Kapitulation vor der Wahrheitssuche.
Der Glaube an die Wissenschaft ist diese gleiche Kapitulation. Man akzeptiert jeden Vorwand, weil man sich so tief in den Nihilismus verirrt hat, dass man an sich selbst nicht glaubt und verschwinden würde ohne die anderen. Man sieht es in den Augen von Tieren, dass die Menschen nicht aus sich selbst herausschauen können.
Sie schauen sich selbst an aus den Augen des Gegenübers. Es ist am einfachsten, das an Frauen zu erkennen, dass sie sich in anderen Menschen spiegeln und sich dadurch fremd sind und sich selbst nicht sehen können.
Dieses verrückte „auf die Nachricht warten“, das sich zeigt, indem die Menschen ihr Telefon überprüfen, sobald sie den kürzesten Moment haben und dann die langsame Zeit so schnell verstreicht, ohne die richtige Nachricht.
Wir versuchen zu lernen und lernen so wenig. Man vergleiche ein Fotomodell, das in Paris über den Laufsteg geht, natürlich in Schuhen, mit denen man eigentlich nicht laufen kann, ohne eine Kunst daraus gemacht zu haben – mit dem mühelosen und geschmeidigen Gang einer Katze über einen Tisch voller Gegenstände, wie sie keinen einzigen davon berührt. Und wie gleichgültig es ihr ist, dass man sie ansieht, während die Menschenfrau hochgradig hysterisch aussieht und die Gleichgültigkeit mit so einer Wut vorspielt, dass sie jeden verachten muss, der sie anschaut. Ständig fotografiert zu werden ist nur eine Steigerung von dem, was alle empfinden.
Diese Verkrampfung, nicht aus sich selbst herauszuschauen, sondern blitzschnell sich in den anderen zu versetzen und sich aus dessen Augen zu interpretieren, hat inzwischen solche Ausmaße angenommen, dass es verboten werden soll, jemanden anders zu sehen, als er sich selbst sehen will, egal wie absurd seine Selbstvorstellung ist. Es gibt auch gar keine andere Lösung, da es keine Wahrheit gibt.
Alles ist eine Dauerbeleidigung. „Ich wünsche mir von dir, dass du…“ und so weiter. Und die anderen hören nicht und verstehen nicht und wollen nicht. Man denkt, die Familie müsste der Ausweg sein, aber warum ist sie so unvollkommen? Die Nation müsste es sein, aber diese ist ein Witz „heutzutage“. Die „Konservativen“ schauen mit Bitterkeit aufs Heute und meinen, dass die Wahrheit in der Vergangenheit liegt, weil sie auf jeden Fall nicht hier und jetzt ist. Die Progressiven schauen genauso bitter, aber sie legen ihr Augenmerk auf die Zukunft. Ihre Wahrheitspläne müssen sich dort erfüllen. Beides ist gleich absurd, aber niemand sieht es ein. Obwohl sie genau die gleiche Art von Irrtum haben, haben sie doch nichts gemeinsam und sind verfeindet. Niemand versteht es, zu mögen, aber jeder schiebt es auf den anderen. Aber der Hund kann es doch, der Hund ist so viel mehr wert als wir. Eigentlich ist er ein Genie. Oder? Warum fällt es ihm so leicht, obwohl er gar nicht denken kann?
Schopenhauer hat den Pessimismus nicht erfunden, er hat ihn nur empfunden. Und er war nicht der Einzige, sonst hätte ihn keiner verstanden.
Es beginnt schon in der Kindheit. Zweijährige Kinder sind reine Poesie, wie Céline sagte. Wann und wodurch verliert man es? Man weiß nicht einmal, was „es“ ist, man interpretiert es als Unschuld. Weil man sonst überall nur Schuld sieht. Dem Christentum dafür die Schuld zuzuweisen ist nur der gleiche Irrtum. Man spricht von Mainstream, aber egal ob es der Hauptstrom ist oder ein Nebenstrom, wir sind im gleichen Strom. Wenn alles nur Hintergedanken sind, was sind dann die eigentlichen Gedanken?
Mit Grauen erkennt man, dass achtjährige Jungs nicht mehr Fußballspielen. Sie tun so, als würden sie Fußballspielen. Der Torwart braucht die großen Handschuhe aus dem Fernsehen, er versucht in Zeitlupe zu springen, weil er das so vom Film her kennt. Das macht er nicht aus Lust, zu imitieren, wie Papageien aus Spaß alles nachäffen, was sie hören und sehen. Er wird beobachtet, er wird immer gesehen, er schaut sich selbst an mit den Augen der anderen und er will es nicht wahrhaben, dass er darin lächerlich wirken könnte. Er übt und schafft es nicht. Und wenn er es schafft, versteht er nicht, warum es ihn nicht befriedigt. Lange glaubt er nicht, dass es ihm passieren könnte, alt zu werden. Aber eines Tages glaubt er es. Voller Grauen sieht nun er, wie die greise Nachbarin abgeführt wird vom Krankenwagen. Es ist zu grausam, dafür kann er doch nicht auf der Welt sein.
Die Welt ist so unsicher, wie kann man das Unglück vermeiden? Da nichts existiert ohne unsere Subjektivität, muss man lernen, sich etwas vorzumachen. Es gibt keine Wahrheit, es gibt nur Erfolg.
Auch Esoteriker glauben das, sie erschaffen sich ihre Welt, indem sie das Unglück oder das Glück anziehen. Wer das Unglück anzieht, ist nun einmal selbst Schuld. Ob man die Unglücklichen verachtet oder bemitleidet ist Geschmackssache. Meistens haben wir nicht die Kraft zum Mitleid, weil wir krampfhaft am Glück schmieden.
„Er war wohl überreizt von der Arbeit und Langweile, da kommt so etwas manchmal vor; aber er fand es gar nicht übel, Stimmen zu hören. Und plötzlich sagte er halblaut: Man hat eine zweite Heimat, in der alles, was man tut, unschuldig ist.“ So phantasierte halblaut der fiebrige Robert Musil, der Eigenschaftslose.
Wenn du in der Psychiatrie arbeitest, darfst du den Patienten nicht das Gefühl geben, in der Psychiatrie zu sein. Wir wissen auch, dass bestimmte Gehirnscans mit Alkoholismus, Drogensucht, Demenz oder Selbstmordgedanken korrelieren. Heißt das, dass sie die Ursache dafür sind? Das wissen wir nicht, wir wissen nur, dass sie korrelieren. Es macht aber Sinn, an seiner Gehirngesundheit zu arbeiten, dann verbessern sich auch diese Zustände.
Die Zeit ist das Übel
Time is the evil. Das ist das Seltsame, dass die Zeit selbst das Böse ist. Die Konservativen und die Progressiven hassen beide die Zeit, sie können gar nicht anders, die Zeit stellt sich ihrem Willen entgegen. Wer ist schuld an dem Krieg? Der ‚Kriegstreiber‘ wird auf jeden Fall dafür ‚bezahlen müssen‘, es ‚ruft nach Vergeltung‘. Da der Kriegstreiber immer der andere ist, verstricken sich alle in einen so absurden Krieg, dass man die Gerechtigkeit herbeirufen muss, um den Krieg in ihrem Namen zu führen.
Nietzsche hat es verstanden, dass die Rache ein Hass gegen die Zeit selbst ist.
„Ach, ein Narr wird jeder Gefangene! Närrisch erlöst sich auch der gefangene Wille.
Daß die Zeit nicht zurückläuft, das ist sein Ingrimm; »das, was war« – so heißt der Stein, den er nicht wälzen kann.
Und so wälzt er Steine aus Ingrimm und Unmut und übt Rache an dem, was nicht gleich ihm Grimm und Unmut fühlt.
Also wurde der Wille, der Befreier, ein Wehetäter: und an allem, was leiden kann, nimmt er Rache dafür, daß er nicht zurück kann.
Dies, ja dies allein ist Rache selber: des Willens Widerwille gegen die Zeit und ihr »Es war«.
Wahrlich, eine große Narrheit wohnt in unserm Willen; und zum Fluche wurde es allem Menschlichen, daß diese Narrheit Geist lernte!
Der Geist der Rache: meine Freunde, das war bisher der Menschen bestes Nachdenken; und wo Leid war, da sollte immer Strafe sein.
»Strafe« nämlich, so heißt sich die Rache selber: mit einem Lügenwort heuchelt sie sich ein gutes Gewissen.
Und weil im Wollenden selber Leid ist, darob, daß er nicht zurück wollen kann – also sollte Wollen selber und alles Leben – Strafe sein!
Und nun wälzte sich Wolke auf Wolke über den Geist: bis endlich der Wahnsinn predigte: »Alles vergeht, darum ist alles wert zu vergehn!«
»Und dies ist selber Gerechtigkeit, jenes Gesetz der Zeit, daß sie ihre Kinder fressen muß«: also predigte der Wahnsinn.“
Ein wirklich konsequenter Moralist löst sich in Unmoral auf, das ist nicht anders möglich. Das erinnert mich an Andrej Platonow, der so ein überzeugter Sozialist war, dass die Sozialisten seine Bücher verbieten mussten, um den kommenden Kommunismus nicht zu gefährden.
Heilt Hitler
Das Wunder von Stalingrad
Der Film beginnt dunkel und nur das wenige Schimmern der roten Fahne mit dem Hakenkreuz überzeugt davon, dass der Film nicht Schwarz-Weiß ist. Zwei Kameraden, Krücke (Herbert) und Frontenbold (Gunther) erwarten den unausweichlichen Tod in Stalingrad. Sie haben sich in einem Gebäude verrammelt und Herbert rührt Gips an, während der Frontenbold einen Brief an seinen Führer schreibt, dabei trinkt er die restlichen Tropfen Alkohol, die ihm noch bleiben. Sie leiden große Angst und Herbert frisst Gips und gipst sich von Kopf bis Fuß ein, weil er den nahenden Tod nicht ertragen kann. Frontenbold ist ein Trunkenbold und Witzbold an der vordersten Grenze zum Heldentod.
„Ich stehe ja eh mehr auf das, was die Kehle befriedigt, sei es Gelächter oder Schnaps.“ Er räsoniert: „Wenn der Krieg vorbei ist, bin ich wieder ganz schön allein. Ist ganz hübsch ein Unterschied, ob die Kameraden lachen oder ob eine anonyme Masse lacht, wenn du besoffen aus der Trambahn fällst.“ Plötzlich will Gunther nicht in russischer Erde liegen, er will unter einer deutschen Autobahn begraben sein, weil er das Sausen der deutschen Autos so liebt. Er macht das Sausen nach aber es klingt bedrohlich, sein Gesicht ist ganz wahnsinnig und die Autos scheinen unter seinen Gesten zu explodieren. Herbert denkt an seine Bräute, er denkt, wie sie ihn betrogen haben. Der Frontenbold liest dessen Briefe an die fünf Frauen vor.
Mit den Worten „Meine über alles geliebte Anytta“ wechselt sie Szene und man sieht das hoffnungsvolle Gesicht einer jungen Frau, die an einem blühenden Baum steht. Die Musik klingt asiatisch und Herbert erklärt, dass es sich um einen Kirschbaum handelt aber dann zweifelt er: war es vielleicht doch ein Birnbaum unter welchem die Buschwindröschen blühten und die lachsrote Unterhose der Anytta gelegen hat?
Herbert hat sich inzwischen völlig eingegipst. Herein stürmt ein russischer Soldat und versucht, ihn zu erschießen, doch das Gips hält stand und als ein Deutscher kommt, um den Russen zu erschießen, stellen er und Gunter fest, dass in dem Gips kein Mensch mehr steckt, es ist eine Hülle ohne Mensch, der Mensch darin ist verschwunden.
Der Deutsche sagt, dass das „Das Wunder von Stalingrad“ sei und dass man auf ein solches Ende hoffen müsse, denn einen anderen Ausweg gäbe es nicht. Da kommen die Russen und schießen die Übrigen tot.
Die Frauen Herberts erleben während dessen ein kleines Abenteuer. Sie sind alle am Starnberger See versammelt und halten ihre Kinder (wer die genauen Väter sind, ist nicht so wichtig, gescheiter ist es doch, wenn man weiß, wer sein Kind ist), auch kleine Katzen sind täppisch unterwegs. Auf ein Mal fliegen „Bomber, Amerikaner!“ über ihre Köpfe hinweg und die Frauen rennen von ihren Kindern weg, damit sie zerbombt werden und nicht ihre Kinder.
Die Frauen winken mit ihren Unterhosen dem Himmel zu, während sie sich gegenseitig versichern, dass sie nur Verachtung für kriegtreibende Männer haben, sie spucken gemeinschaftlich auf den Boden. Da stürzt einer vom Himmel ab, ein schwarzer, amerikanischer Soldat. Glücklich über die männliche Gesellschaft, wollen die Frauen ihn als Frau verkleiden. („Sonst erschlagen dich die Unseren.“) Und tatsächlich: kaum haben sie ihm die Bademütze und die weibliche Kleidung angezogen, da kommt schon der Nachbar (Joseph Bierbichler) mit der Axt angelaufen.
(Kleine Bemerkung: meine Schwester fragte mich unlängst, warum die Frauen „gegen die Bomenangriffe“ Bademützen tragen, diese seien sicherer „als das gefährliche Haar“. Ich meinte, die Mutter Achternbuschs soll Sportlehrerin gewesen sein. In „Die Atlantikschwimmer“ stellt er sie als Schwimmlehrerin dar. Aber andererseits ist es eben seine Form von Surrealismus. Aus heutiger Sichert erinnern die Badehauben gegen Bombenangriffe an die FFP2 Masken, von denen wir wissen, dass sie nicht vor Viren schützen, weil sie dafür viel zu grobmaschig sind.)
Hier übrigens, hat schon eine wichtige Musik eingesetzt, sie klingt nach einer Mischung aus Idylle und Atomwinter, oder jedenfalls nach gemeinsamer Einsamkeit in einem Leben voller Todesahnung und Hoffnung, es ist Dvorzaks „Symphonie aus der neuen Welt“.
Der Nachbar eilt, wie gesagt, herbei und will den Schwarzen mit der Hacke erschlagen. Doch die Frauen überfallen ihn zärtlich und binden ihn an einen Baum. Zuerst streitet der Nachbar mit den Frauen und sagt, bald würden sie alle erschossen: „Peng, peng, peng, peng!“, erläutert er.
„Du bist doch plem, plem, plem“, sagen die Frechen ohne Angst dazu.
Ein Wirrwarr aus einfachem Peng-peng-peng und mehrfachem Plem-plem-plem mischt sich in die Musik und man meint, vielleicht den glücklichsten Augenblick im Leben dieser Menschen mitzuerleben.
Der Nachbar wird versöhnlich, nachdem er die Familienfotos des Schwarzen sieht, er meint zwar überlegen: „Dass die Deinen schwarz sind, das glaube ich dir. Das liegt doch auf der Hand. Komm. Bind mich los.“ Aber sanfter wird der Nachbar nichtsdestotrotz. Seine Begründung für diesen Umstand ist, dass dieser Schwarze wenigsten für etwas Farbe in den Kindern der Frauen sorgen könnte. Somit könnten sie nicht jedem Mann ihre Babys andrehen. (Jetzt werden Kühe und Kälber gezeigt: in der Tat. Alle gleich, seit Generationen.)
Jetzt erzählt der Sepp was über den Herbert, von dem er übrigens nicht weiß, wie er sich in die Armee geschlichen hat. Der Herbert hatte ein Handtascherl, das er unbedingt loswerden wollte, an eine Frau, die sich seiner noch erinnert, wenn er nicht mehr ist. Alle Frauen haben es abgelehnt, bis auf die Anytta, die hat es genommen und geweint. Aber keine von den Weibern hat gemerkt wie viel Brustwarzen die Tasche hatte, nämlich sechs, genau wie der Herbert selbst und dazwischen war die Rose von New Orleans eintätowiert. (Das einzige Geschenk vom Herbert war eine zu große Last.)
Der Ausweg im Hofgarten
Zwei Rentner stehen im Hofgarten und lesen die Schrift auf dem Denkmal der toten Soldaten: „Sie werden auferstehen“. Sie ängstigen sich, weil ihre Rente ja schon so wie es ist, hinten und vorne nicht ausreicht. Wie wird es erst, wenn die alle auferstehen und ihren Teil fordern? Eine abgespulte Stimme sagt immerzu: „Bitte warten. Bitte warten. Bitte warten.“
Eine junge Dame besucht den toten Soldaten und vergisst ihre Jacke bei ihm. Er steht auf, so wie es in der Schrift versprochen war, und zieht ihre Jacke an. Es ist der verlorene Herbert, der im Gips gestorben und hier im Hofgarten wieder zum Leben findet. Er redet die Rentner auf Russisch an. Die Frau sagt: „A Russ“, der Mann meint: „Für mi is des a Gspinnerter und kei Russ.“
Über alle Maßen wundert sich der Soldat, dass jemand in Stalingrad Deutsch kann. Da kommt die junge Dame daher und nimmt ihm die Jacke ab, die ja ihr gehört. Hand in Hand geht sie mit einem Mann davon, der dem schwarzen, abgeschossenen Amerikaner gleicht. Herbert setzt sich auf eine Bank, neben die Rentner. Vor ihnen auf dem Boden liegt eine Rose neben einem Hundekot. Die Frau sagt ihrem Mann, dass sie die Rose möchte, aber er entgegnet, dass er nur einen Hundsdreck sieht. Sie sagt zynisch: „Hast du schon a mal was anderes gesehen wie einen Hundsdreck?“ Offensichtlich nicht, denn er weigert sich, die Rose zu sehen, die Herbert jetzt begeistert aufhebt und der jungen Dame schenkt, die übrigens in ihrem Gesicht lauter schwarze Punkte hat.
Sie führt ihn vom Hofgarten bis zum Marienplatz und versichert ununterbrochen, dass er sich in München befindet: im einzigen München. Er aber glaubt es nicht, er denkt, dass Stalingrad nach der deutschen Eroberung nun in München unbenannt wurde und bringt das Argument: „So viele Autos, genau wie der Führer versprochen hat.“
Die junge Dame behauptet felsenfest, dass es hier weder Nazis noch Kozis (Kommunisten) gäbe, sondern nur Geld: und zwar den Überfluss davon wie den Mangel.
„Wie langweilig. Wie ungerecht.“, meint der Stalingradkämpfer und fügt hinzu, dass die Ungerechtigkeit immer langweilig sei, gerade so… wie ein KZ… „Ein was?“ „Nichts, nichts. Pscht. Ich habe nichts gesagt.“ „Was?“ „Nichts, nichts.“
Aber wo sind die Symbole des Nationalsozialismus, fragt sich der Mann. Ist es möglich, dass alle so gute Nazis geworden sind, dass sie kein Zeichen mehr für die Ideologie benötigen?
Nachdem sie auf dem Marienplatz Spenden eingesammelt haben, verabschieden sich der Stalingradkämpfer und die junge Dame. Die Frau will ihm Mut machen und ruft ihm noch zu, er solle blind an sich glauben, doch Herbert bekommt seine Augen nicht richtig auf.
Er fährt mit der Bahn zum Starnberger See. Zwei Polizisten stehen vor einem Steg und diskutieren darüber, wie man mit Anglern zu verfahren habe. Große Fische gehen in den Besitz des Anglers über, kleine Fische hingegen nicht. Als sie Herbert erblicken, nennen sie ihn „teurer Kamerad“ und erkundigen sich, wie es an der Front war.
„Mit solchen wie euch hätten wir den Krieg verloren.“, meint der Stalingradkämpfer.
„Der ist gut, der ist echt gut!“, lacht der ranghöhere Polizist begeistert.
Auf dem Steg schläft ein Mann. Er sieht dem Frontenbold Gunther aufs Haar gleich. Herbert erkennt ihn, umarmt ihn stürmisch und fällt mit ihm ins Wasser, nachdem der rangniederere Polizist ebenfalls ins Wasser gefallen ist.
„Moment! Warum taucht denn hier keiner mehr auf?“, fragt sich der übrig gebliebene Polizist auf dem Steg. Herbert taucht auf und zieht den Polizisten auf den Steg, weil er ihn für Gunther hält. Gunther währenddessen, läuft an Land und rennt weg.
„Immer läuft er weg, der Gunther!“, meint Herbert.
Man sieht Gunther, wie er in ein Haus rennt, es sieht aus wie ein Gasthaus, aber es ist eine Kirche. Drinnen sitzt der Priester und erwartet Gunther, der nicht Gunther ist, sondern der Sohn von Gunther … Traudilein.
Es ist sehr schwierig, das alles zu beschrieben, vor allem, weil jetzt ein Feuerwerk an Höhepunkten auf den Zuschauer einbricht. Die Musik ist jetzt „Stabert Mater“ von Pergolesi.
Und die Musik selbst ist ungewöhnlich: statt auf einen Höhepunkt hinzuarbeiten, besteht sie nur aus Höhepunkten. Deswegen passt sie so ausgezeichnet zu den berückend schönen Szenen, die jetzt folgen. Meiner Meinung nach ist dies das Herz des Films und es ist die geglückteste Verbindung von Bild, Sprache und Musik, die man sich vorstellen kann. „Stabert Mater“ wird in seiner Wirkung durch den Humor gesteigert, der Humor hingegen wirkt erhaben und zeitlos durch die Musik und die stilisierten Bilder. Die drei Welten: Bild, Klang und Sprache verbinden sich hier in traumhafter Weise. Wenn man den Film das erste Mal sieht, fliegt man hier bereits und man kann nichts im Gedächtnis behalten, weil auf jede Erscheinung eine scheinbar noch größere Erscheinung folgt.
Gunthers Sohn steht am Scheideweg seines Lebens: er soll heiraten aber es fällt ihm schwer, seinen Pfarrer zu verlassen, dessen Koch er ist. Seine Mutter ist auch nicht für diese Ehe, aber für den Pfarrer ist sie auch nicht. Sie findet, wenn er so viel beichtet, kommt er nicht mehr zum sündigen.
„Herr, du kennst meine Sünden all, haben wir sie doch zusammen begangen“, betet Gunthers Sohn Traudilein. Er verabschiedet sich von seinem Schrank und bittet diesen um Verzeihung der wenigen Gedanken wegen, die trotzdem beunruhigend waren und der Tränen wegen, die er darin geweint hat. Er verabschiedet sich von seinem Verkündigungsengel und dem Engel fällt eine Feder herunter – Traudilein hebt sie auf und steckt sie ihm höflich wieder an…
An dieser Stelle bin ich unwillkürlich an Werner Herzog erinnert: in seinem Film „Auch Zwerge haben klein angefangen“ bricht einem anarchistischen Zwerg die Türklinke ab und er steckt sie verlegen wieder an die richtige Stelle. Laut Werner Herzog ist dies das Kleinbürgerliche, das durch den wütenden Anarchisten durchschimmert. – Und es gibt noch eine Stelle, die an Werner Herzog erinnert – aber die kommt noch.
Traudilein hat seinen Priester trainiert, damit dieser den Stein im Wettbewerb am Höchsten hebe. Aber das ist nicht alles: Traudilein hat auch der Konkurrenz so laut: „Arschloch! Arschloch!“ zugerufen, dass ihnen die Moral ausging und der Sieg ausblieb.
Aber der Pfarrer findet, dass mehr Verdienst an ihm selbst läge, als an seinem Pfarrerkoch. Bayrische junge Frauen, die tanzen werden von der Taille ab gezeigt, ihre Kleider fliegen vor lauter Drehungen. Der Pfarrer sagt: „Du hingst mit deinem Rüssel an all dem Tand.“
Und Traudilein entgegnet, er könne sein Fleisch doch nicht dauernd betrunken machen: „Das Fleisch ist kein Planet mit eigner Bahn, das Fleisch, es hängt am Fleische dran.“
Herbert ist jetzt verzweifelt, dass Gunther sich nicht an ihn und seine Vergangenheit erinnern will. Traudilein (wie gesagt, der Sohn Gunthers) ruft seiner Mutter zu: „Bitte, tu mir diesen Kriegsbanditen weg!“ Aber die Mutter weigert sich. Der Herbert hätte ehrlich seine Schlacht geschlagen. Herbert aber ruft Traudilein zu: „Erinnere dich!“
Und inmitten der Erinnerung ändert sich die Geschichte plötzlich. Herbert erzählt: „Wir waren entflohene KZ-Häftlinge“.
(Warum ändert sich die Geschichte Herberts? Meine Interpretation ist: Herbert war Stalingradkämpfer, er hat gelitten und möchte sein Leiden verständlich machen. Aber die Menschen haben für sein Leiden nichts übrig und so erzählt er eben die Geschichte von seinem Leiden in einer anderen Verkleidung, in einer, die von der Gesellschaft und den Nachgeborenen akzeptiert wird.)
Es folgen jetzt Szenen, die die Erzählungen Herberts darstellen, die er als Erinnerungen ausgibt. Sie sind hochstilisiert und sehr stark vom Stummfilm beeinflusst. Die Figuren reden nie mit eigener Stimme, es ist immer der Erzähler, der beschreibt. Man kann diesen Teil zusammenfassen mit: „Wir waren zwei KZ-Häftlinge mit einer deutschen Uniform.“
Sie waren also zwei Flüchtige und einer von beiden muss sterben, damit der Andere mit der Tarnung überlebt. Herbert bringt Gunther um, indem er ihn mit einem Stein erschlägt.
Dieses Erschlagen wird später noch mal in Zeitlupe wiederholt (alles zu „Stabert Mater“) und hier bin ich wieder an Werner Herzog erinnert: die Szene als Woyzeck die Marie ersticht, die Szene zu Zeitlupe wechselt und dieser bedeutungsvolle Musikwechsel stattfindet.
An dieser Stelle möchte ich nochmals eine Interpretation anbieten: Der Stalingradkämpfer hat, wie gesagt, wirklich gelitten und er sucht nun nach der passenden Geschichte zu seinem Erlebnis, eine Geschichte, die auch jeder versteht. Da er die Schuld aber nicht wegleugnen kann und im Gegenteil rechtfertigen möchte, stellt er sich als unmoralischen KZ-Häftling dar, der seinen eigenen Kameraden erschlägt. Einerseits ist es eine Beichte, andererseits eine Rechtfertigung, da er sagt, dass die anderen Beteiligten im Krieg ebenfalls Unmoralisches getan haben und damit weiter leben mussten und sogar konnten.
Die Szene kommt jetzt wieder zurück zum Priester, Traudilein, Herbert, Traudileins Mutter Traudi und nun betritt überraschend Anytta den Raum. Herbert schaut entgeistert: „Anytta!“
Traudi sagt: „Anytta ist das nicht, das ist Anita.“ Mit anderen Worten die Enkelin Anyttas und Herberts. Anita setzt sich auf den Schoß des Pfarrers, der ja keine Gefahr für sie darstellen kann, denn was kann ein „schwuler Herr“ einem jungen Mädchen antun? Der schwule Herr versucht dem Mädchen die Religion zu erklären und endigt mit „Verstehst du das Programm?“ Sie schüttelt lange den Kopf, wie ein Pferd, das sich von seinen Gesichtszügeln befreien möchte.
Die Hochzeit kommt und Traudileins beunruhigende Pfarrerphase nimmt damit ein so beunruhigendes Ende wie dieses. Der Nachbar Sepp ist da und er denkt, dass er der Vater von der Annamirl ist (der Mutter Anitas), daher schenkt er ihr fünf Mark und steckt sie ins Handtascherl, das ihr vermacht wurde und worin sie so ein schreckliches Buch fand: „Ausmerzen“. „Ausmerzen? Hat das mit dem Merz was zu tun?“, fragt Sepp den Pfarrer. Aber der Pfarrer meint hauptsächlich, dass die Kirche eben Verschiedenes ausmerzen muss, die Singvögel unter den Vögeln, die Blumen unter den Pflanzen und vor allem die Dichterköpfe, damit nur noch die Computerköpfe rattern.
Herbert versucht jetzt Anita zu verführen, er führt sie weg zu den Hügeln, wo die Rosen wachsen. (Herbert behandelt seine Krücke in der selben Weise, wie Chaplin seinen Spazierstock. Er hat den gleichen Schnurrbart auch wie dieser in „Der große Diktator“. Der Hut fehlt selbstverständlich auch nicht.) Die Rosen wachsen überall dort, wo er sich mit Frauen vergnügt hat. Bei fast jedem Rosenstrauch kann er etwas erläutern: „Hier haben wir deine Großmutter gezeugt.“
Aber Anita findet die alten Geschichten langweilig und Rosen hätten ohnehin so blöde Stacheln.
Sie gehen an einem Hügel vorbei, da springen zwei Springer in die Höhe, um einen Rosenstrauch zu erblicken. „Denn diesen Rosenstrauch zu erblicken ist ihr ein und alles.“
Anita blickt aber dauernd zur Autobahn hinüber und fragt, ob sie nicht lieber raten wollen, in welchem Auto einer drin sitzt und in welchem zwei. Herbert findet das langweilig, aber er gibt sich selbst zu, dass er sie nicht begeistern kann mit seiner Vergangenheit. Da rennt sie auf die Straße zu. „Ja, willst du denn dem ersten von der Autobahn entgegenlaufen?“ “Ja!“
Sie rennt auf einen Mann mit Blumenstrauß zu, einem Schwarzen, identisch dem abgeschossenen Amerikaner. Sie umarmt ihn, nimmt die Blumen und sagt begeistert: „Rosen!“
Derweil ist keiner der Hochzeitsgäste mehr übrig geblieben außer Sepp. Der geht stark betrunken auf einen Steg zum See und hält einen Monolog darüber, dass ein neuer Hitler kommen könnte und alle ihn unterstützten würden. Über Herbert meint er, dass der niemals in Stalingrad war: „Wahrscheinlich war der nur zwanzig Jahr in Andechs… besoffen!“
Ganz an der Spitze des Stegs pinkelt er in den See und ruft in die Nacht hinein: „Heilt Hitler! Heilt euch doch selber!“
Man darf keinem mehr die Hoffnung auf eine mehr oder weniger baldige Befreiung vorspielen. Jetzt sind es schon Jahre, dass ich so denke. Die Ungeduld ist der Essig der Qualen. Man muss sich dort sehen, wo man ist, ein für alle Mal. Die Dänen kommen alle früher raus als ich. Sie haben nicht Frankreich zur Mutter und Rosembly Lecache und Popol als Aufseher der Folter und tausend andere! Die glücklichen Dänen! Nur ein neuer Krieg kann mich aus der Schlinge ziehen, der den Hass auf neue Ziele ablenkt.“ Céline, 1946, Brief aus dem Gefängnis an seine Frau
„Ich bin so erschöpft, dass ich mir mit der Arbeit wirklich schwer tue – Mein Besatzer in der Rue Girardon hat mich in den Müll geschmissen – die Fortsetzung des Manuskripts von Guignol – und noch 3 andere Romane hat er in der Hand! Das ist ein sogenannter Morandat, ein Freund von de Gaulle – er schreibt in La Seine! Das Organ der Ertrunkenen? Er hasst mich, dieser Morandat, wie es scheint.“ Céline 1947 an Henri Poulin
Célines gestohlene Manuskripte sind jetzt wirklich aufgetaucht. Die Begründung ist so unglaublich, dass man nichts mehr kommentieren kann.
Ich wähle die Rubrik ‚False Flag‘ einzig deswegen, weil es keine Rubrik ‚Reinkarnation‘ gibt.
Ich habe mich heute an ein Zitat von Prince Philip, Prinzgemahl der heutigen englischen Königin, erinnert und es schnappte mehrmals zu, es ergab Sinn.
Dieser Philip sagte nämlich mal 2009 zur Zeitung The Guardian:
„Wenn ich einmal reinkarniert werden sollte, dann würde ich gerne als tödlicher Virus zurück kehren, damit ich etwas beitrage, um die Überbevölkerung zu beheben.“
Da dachte ich mir, der Mann hat sein Wort gehalten!
Er starb am 09.04.2021, die Delta Variante des Corona Virus (jetzt verstehen wir auch den Namen ‚Corona‘, wenn das direkt spirituell aus dem Buckingham Palast kommt!) wurde im Mai 2021 entdeckt bzw. benannt.
Bestimmte Videos, wo er das genauer erläutert, von denen ich vor Jahren mindestens ein sehr gutes gesehen habe, sind bedauerlicherweise auch für den Findigsten nicht mehr auffindbar.
Aus dieser hundertjährigen Massenpsychose, die bekannt wurde als „das Zwanzigste Jahrhundert“ und die man, grob gesagt, zeitlich verorten kann, zwischen Friedrich Nietzsche und Corona,
Du muss angemeldet sein, um einen Kommentar zu veröffentlichen.