„Die Welt geht viel zu langsam unter.“ – sagte eine Figur von Herbert Achternbusch in einem Film von 1981. Dass es stimmt, merkt man daran, dass die Welt immer noch untergeht, so schmerzlich langsam, dass man nicht mehr weiß, ob es auf das Überleben noch ankommt, dass man gar nicht weiß, was das ist.
Es scheint, dass man sich retten muss, es scheint aber auch, dass das nicht ausreicht, dass sich die Menschheit retten müsste und zwar schnell, denn der Untergang ist gleichzeitig so langsam und so schnell.
Fast jeder denkt, dass er wüsste, wie es ginge und dass nur die anderen das Falsche glauben. Viele meinen, wenn XY nicht gewählt wird, dann geht die Welt ganz sicher unter. Dieser Wahn geht seit mehr als hundert Jahren durch alle Köpfe, aber vor hundert Jahren haben die Weltkriege begonnen. Und meistens stellt sich heraus, egal wer gewählt wird, die Welt geht weiter unter. Mal durch Vernichtung von Materie und Körpern, den Rest der Zeit durch Vergessen. Das ist „die Wüste wächst“ (Nietzsche).
Vögel
Schon seit vielen Jahrhunderten, wünschen sich die Menschen, Vögel zu sein, weil sie entkommen möchten und nicht wissen wie. Dabei ist es nicht das Davonfliegen, was uns diese Tiere voraus haben, sie schauen anders aus ihren Augen.
Hunde
Die Menschen machen Filme von ihren Hunden. Hunde berühren sie, weil sie so anders lieben können. Man bewundert ihre Treue. Man ist traurig, weil die Menschen uns so „wertend“ ansehen, so voller Bedingungen.
Und es stimmt. Woher kommt dieses Werten und was ist jetzt passiert, nachdem alle Werte umgewertet wurden? Sie sind verschwunden (obwohl man so viel wie noch nie von ihnen spricht). Und nicht, weil man die falschen Werte hätte und diese wieder zurückwerten müsste oder könnte.
Zu glauben, dass der Wert der zu bewertenden Sache in den Augen ihres Betrachters entsteht, ist das Ergebnis einer Kapitulation vor der Wahrheitssuche.
Der Glaube an die Wissenschaft ist diese gleiche Kapitulation. Man akzeptiert jeden Vorwand, weil man sich so tief in den Nihilismus verirrt hat, dass man an sich selbst nicht glaubt und verschwinden würde ohne die anderen. Man sieht es in den Augen von Tieren, dass die Menschen nicht aus sich selbst herausschauen können.
Sie schauen sich selbst an aus den Augen des Gegenübers. Es ist am einfachsten, das an Frauen zu erkennen, dass sie sich in anderen Menschen spiegeln und sich dadurch fremd sind und sich selbst nicht sehen können.
Dieses verrückte „auf die Nachricht warten“, das sich zeigt, indem die Menschen ihr Telefon überprüfen, sobald sie den kürzesten Moment haben und dann die langsame Zeit so schnell verstreicht, ohne die richtige Nachricht.
Wir versuchen zu lernen und lernen so wenig. Man vergleiche ein Fotomodell, das in Paris über den Laufsteg geht, natürlich in Schuhen, mit denen man eigentlich nicht laufen kann, ohne eine Kunst daraus gemacht zu haben – mit dem mühelosen und geschmeidigen Gang einer Katze über einen Tisch voller Gegenstände, wie sie keinen einzigen davon berührt. Und wie gleichgültig es ihr ist, dass man sie ansieht, während die Menschenfrau hochgradig hysterisch aussieht und die Gleichgültigkeit mit so einer Wut vorspielt, dass sie jeden verachten muss, der sie anschaut. Ständig fotografiert zu werden ist nur eine Steigerung von dem, was alle empfinden.
Diese Verkrampfung, nicht aus sich selbst herauszuschauen, sondern blitzschnell sich in den anderen zu versetzen und sich aus dessen Augen zu interpretieren, hat inzwischen solche Ausmaße angenommen, dass es verboten werden soll, jemanden anders zu sehen, als er sich selbst sehen will, egal wie absurd seine Selbstvorstellung ist. Es gibt auch gar keine andere Lösung, da es keine Wahrheit gibt.
Alles ist eine Dauerbeleidigung. „Ich wünsche mir von dir, dass du…“ und so weiter. Und die anderen hören nicht und verstehen nicht und wollen nicht. Man denkt, die Familie müsste der Ausweg sein, aber warum ist sie so unvollkommen? Die Nation müsste es sein, aber diese ist ein Witz „heutzutage“. Die „Konservativen“ schauen mit Bitterkeit aufs Heute und meinen, dass die Wahrheit in der Vergangenheit liegt, weil sie auf jeden Fall nicht hier und jetzt ist. Die Progressiven schauen genauso bitter, aber sie legen ihr Augenmerk auf die Zukunft. Ihre Wahrheitspläne müssen sich dort erfüllen. Beides ist gleich absurd, aber niemand sieht es ein. Obwohl sie genau die gleiche Art von Irrtum haben, haben sie doch nichts gemeinsam und sind verfeindet. Niemand versteht es, zu mögen, aber jeder schiebt es auf den anderen. Aber der Hund kann es doch, der Hund ist so viel mehr wert als wir. Eigentlich ist er ein Genie. Oder? Warum fällt es ihm so leicht, obwohl er gar nicht denken kann?
Schopenhauer hat den Pessimismus nicht erfunden, er hat ihn nur empfunden. Und er war nicht der Einzige, sonst hätte ihn keiner verstanden.
Es beginnt schon in der Kindheit. Zweijährige Kinder sind reine Poesie, wie Céline sagte. Wann und wodurch verliert man es? Man weiß nicht einmal, was „es“ ist, man interpretiert es als Unschuld. Weil man sonst überall nur Schuld sieht. Dem Christentum dafür die Schuld zuzuweisen ist nur der gleiche Irrtum. Man spricht von Mainstream, aber egal ob es der Hauptstrom ist oder ein Nebenstrom, wir sind im gleichen Strom. Wenn alles nur Hintergedanken sind, was sind dann die eigentlichen Gedanken?
Mit Grauen erkennt man, dass achtjährige Jungs nicht mehr Fußballspielen. Sie tun so, als würden sie Fußballspielen. Der Torwart braucht die großen Handschuhe aus dem Fernsehen, er versucht in Zeitlupe zu springen, weil er das so vom Film her kennt. Das macht er nicht aus Lust, zu imitieren, wie Papageien aus Spaß alles nachäffen, was sie hören und sehen. Er wird beobachtet, er wird immer gesehen, er schaut sich selbst an mit den Augen der anderen und er will es nicht wahrhaben, dass er darin lächerlich wirken könnte. Er übt und schafft es nicht. Und wenn er es schafft, versteht er nicht, warum es ihn nicht befriedigt. Lange glaubt er nicht, dass es ihm passieren könnte, alt zu werden. Aber eines Tages glaubt er es. Voller Grauen sieht nun er, wie die greise Nachbarin abgeführt wird vom Krankenwagen. Es ist zu grausam, dafür kann er doch nicht auf der Welt sein.
Die Welt ist so unsicher, wie kann man das Unglück vermeiden? Da nichts existiert ohne unsere Subjektivität, muss man lernen, sich etwas vorzumachen. Es gibt keine Wahrheit, es gibt nur Erfolg.
Auch Esoteriker glauben das, sie erschaffen sich ihre Welt, indem sie das Unglück oder das Glück anziehen. Wer das Unglück anzieht, ist nun einmal selbst Schuld. Ob man die Unglücklichen verachtet oder bemitleidet ist Geschmackssache. Meistens haben wir nicht die Kraft zum Mitleid, weil wir krampfhaft am Glück schmieden.
„Er war wohl überreizt von der Arbeit und Langweile, da kommt so etwas manchmal vor; aber er fand es gar nicht übel, Stimmen zu hören. Und plötzlich sagte er halblaut: Man hat eine zweite Heimat, in der alles, was man tut, unschuldig ist.“ So phantasierte halblaut der fiebrige Robert Musil, der Eigenschaftslose.
Wenn du in der Psychiatrie arbeitest, darfst du den Patienten nicht das Gefühl geben, in der Psychiatrie zu sein. Wir wissen auch, dass bestimmte Gehirnscans mit Alkoholismus, Drogensucht, Demenz oder Selbstmordgedanken korrelieren. Heißt das, dass sie die Ursache dafür sind? Das wissen wir nicht, wir wissen nur, dass sie korrelieren. Es macht aber Sinn, an seiner Gehirngesundheit zu arbeiten, dann verbessern sich auch diese Zustände.
Die Zeit ist das Übel
Time is the evil. Das ist das Seltsame, dass die Zeit selbst das Böse ist. Die Konservativen und die Progressiven hassen beide die Zeit, sie können gar nicht anders, die Zeit stellt sich ihrem Willen entgegen. Wer ist schuld an dem Krieg? Der ‚Kriegstreiber‘ wird auf jeden Fall dafür ‚bezahlen müssen‘, es ‚ruft nach Vergeltung‘. Da der Kriegstreiber immer der andere ist, verstricken sich alle in einen so absurden Krieg, dass man die Gerechtigkeit herbeirufen muss, um den Krieg in ihrem Namen zu führen.
Nietzsche hat es verstanden, dass die Rache ein Hass gegen die Zeit selbst ist.
„Ach, ein Narr wird jeder Gefangene! Närrisch erlöst sich auch der gefangene Wille.
Daß die Zeit nicht zurückläuft, das ist sein Ingrimm; »das, was war« – so heißt der Stein, den er nicht wälzen kann.
Und so wälzt er Steine aus Ingrimm und Unmut und übt Rache an dem, was nicht gleich ihm Grimm und Unmut fühlt.
Also wurde der Wille, der Befreier, ein Wehetäter: und an allem, was leiden kann, nimmt er Rache dafür, daß er nicht zurück kann.
Dies, ja dies allein ist Rache selber: des Willens Widerwille gegen die Zeit und ihr »Es war«.
Wahrlich, eine große Narrheit wohnt in unserm Willen; und zum Fluche wurde es allem Menschlichen, daß diese Narrheit Geist lernte!
Der Geist der Rache: meine Freunde, das war bisher der Menschen bestes Nachdenken; und wo Leid war, da sollte immer Strafe sein.
»Strafe« nämlich, so heißt sich die Rache selber: mit einem Lügenwort heuchelt sie sich ein gutes Gewissen.
Und weil im Wollenden selber Leid ist, darob, daß er nicht zurück wollen kann – also sollte Wollen selber und alles Leben – Strafe sein!
Und nun wälzte sich Wolke auf Wolke über den Geist: bis endlich der Wahnsinn predigte: »Alles vergeht, darum ist alles wert zu vergehn!«
»Und dies ist selber Gerechtigkeit, jenes Gesetz der Zeit, daß sie ihre Kinder fressen muß«: also predigte der Wahnsinn.“
(Also sprach Zarathustra von Friedrich Nietzsche)