Es gibt keine Wahrheit, es gibt nur Erfolg

Sprache und Dinge

„…und die findigen Tiere merken es schon, dass wir nicht sehr verlässlich zu Haus sind in der gedeuteten Welt.“ – Rilke

Wir können nicht umhin. Je verrückter alles wird, umso notwendiger ist es, alle Dinge zu bedenken und zugleich die Namen, die wir ihnen geben, die Wörter.

Als Menschen können wir das eine nicht ohne das andere verstehen. Und so lange wir nicht sicher sind, ob wir von einem Ding sprechen oder von einer Interpretation, die auch ganz anders sein könnte, ist es vernünftig als Phänomenologe vorzugehen und sehr vorsichtig das zu benennen, was sich zeigt.

Das Problem, nicht zu wissen, ob wir etwas sehen oder ob wir interpretieren, zeigt sich nicht erst, wenn es um etwas Schwieriges geht, es zeigt sich pausenlos und jeden Tag.

Beispielsweise wenn wir von Empfindungen sprechen, die wir ständig haben. Manche sind vielleicht geneigt, vom Seelischen zu sprechen, aber viele glauben nicht an die Seele, sondern nur an den Körper. Dennoch ist es eine Interpretation, dass unsere Empfindungen vom Körper herrühren.

Selbst wirklich vernünftige Psychiater verwechseln in ihren Schriften so häufig ‚Ursache‘ und ‚Wirkung‘, dass man nicht weiß, ob sie absichtlich etwas verschweigen (aus politischen Gründen?) oder wirklich betriebsblind sind.

Es gibt Menschen, die etwas sehr Konkretes nicht ertragen können und dennoch steht über sie im Bericht, dass ihre Verzweiflung oder Reizbarkeit von einer chemischen Unausgeglichenheit im Gehirn rührt, was die Gabe von Medikament X notwendig mache.

Nichts ist unmöglich“

Sagt die Toyota-Werbung und es ist ein sehr zutreffender Spruch für die Haltung der Technik und Wissenschaft. Alles, was heute moderne Technik ist, war früher unmöglich, daher folgert man ‚logisch‘ (per Induktion), dass ALLES möglich ist und nur eine Frage der Zeit und der Anreize (z.B. Nobelpreise oder einfach nur Geld), bis es möglich wird.

Diese Haltung steht über allen anderen Ideologien, es ist ein Teil der wahren Ideologie, dass ein „es geht nicht“, nicht akzeptiert wird – dann wechselt eben der Manager, der Vorsitzende der Kolchose. Der Nächste macht es möglich oder er ist auch weg. Der Druck ist derartig, dass allmählich alle (weil sie Angestellte sind) anfangen mitzuspielen, und so tun, als ob das Unmögliche möglich wäre und gerade von ihnen erreicht.

Die Haltung, dass nicht alles möglich ist, gilt als unethisch (im Sinne von Arbeitsethik) und „demotivierend“. Schon die Tatsache, dass wir nicht aus Gründen handeln, sondern aus „Motivationen“, kann einen stutzig machen. Motivationen sind Antriebskräfte bei der Erreichung von Zielen. Alle diese Wörter, Motivation, Antriebskraft und Zielerreichung, haben gemeinsam, dass sie auch in der Manipulation von außen verwendet werdet können, von Arbeitgebern, Werbeleuten und Politikern. Früher nannte man das Kybernetik. Wörter wie „Identifikation“ gehören auch in diesen Bereich. Und wenn es Menschen gibt, die planen, wie viele „Identifikationsgruppen“ es gibt, welche Merkmale sie haben, wie sie mit anderen Identifikationsgruppen interagieren (Beispiel Demokraten und Republikaner), dann hat man zwangsläufig „kulturelle Aneignung“. Der CSU Politiker, der versucht in bayrischer Mundart zu sprechen, betreibt genau das, indem er sich als Bayer darstellt, damit sich andere Bayern in dieser Spiegelung des Selbstbildes geschmeichelt fühlen und ihn nachahmen wollen und seine Art zu sprechen übernehmen. Sie sprechen von Tauben als Ratten der Lüfte, obwohl sie sich nie eine Taube angesehen haben und gar nicht ahnen, wie traurig das Stadtbild ohne sie wäre.

So ein Politiker ist jedenfalls nie ein Bayer, sondern immer ein einfacher Hochstapler, der mit dem Selbstbild der Menschen spielt, weil er weiß, dass sie Angst hätten, sich in Luft aufzulösen, wenn ihnen nicht ständig jemand anbietet, wie sie sich zu sehen hätten. Und dies ist die Gemeinsamkeit so konträrer ‚Systeme‘ wie Demokratie (oder Liberalismus), Kommunismus und Nat.soz. Keineswegs ist die Ähnlichkeit ihrer politischen Werbeplakate ein Zufall. Du möchtest schön, stark, jung, geliebt, intelligent und fleißig sein? Ich schenke dir dieses Bild von dir, gratis, du musst nur für mich – das heißt – für dich – in den Krieg gehen. (In Klammern: dass du nach dem Krieg nicht mehr ansatzweise eins von den aufgezählten Adjektiven bist, wirst du niemals wahrhaben wollen und daher wird es auch nicht wahr sein, dieser Schmerz ist eingebildet und dafür haben wir Fachleute in Psychiatrien…)

Der Leser der Süddeutschen Zeitung identifiziert sich mit den anderen Lesern dieser Zeitung und er wird darauf trainiert, sich an die Schriftart und Schriftgröße zu gewöhnen und einen Widerwillen zu haben, gegen die Schriftsetzung der Bildzeitung. Obwohl das jeder weiß oder wissen könnte, fühlen sich die Leute wohl und nur zu Hause in diesen Identifikationen. Sie haben gar keine andere Heimat.

Deswegen nennt sich das heutige Politspektakel „Identity Politics“, es kann zu nichts führen, was mit Wahrheit zu tun hat.

Verschiedene Länder sind so ungeniert, ihre Zeitung einfach „Wahrheit“ zu nennen, siehe die russische „Prawda“ und die spanische „La Verdad“. Diese markante Ähnlichkeit in ihrer Kulturtaktik beweist, dass Russland und Spanien gar nicht verfeindet sein können, weil sie verschieden wären, sie sind eben gleich. Und „deshalb“ sind „sie“ verfeindet (siehe Nietzsches Gedanken über die Rache), obwohl das gar nicht geht, das heißt, sie halten ihre Bevölkerungen in Verfeindung, indem sie ihnen Selbstbilder geben.

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Im Grunde ist auch Wagner’s Musik noch Litteratur, so gut es die ganze französische Romantik ist: der Zauber des Exotismus (fremder Zeiten, Sitten, Leidenschaften), ausgeübt auf empfindsame Eckensteher. Das Entzücken beim Hineintreten in das ungeheure ferne ausländische vorzeitliche Land, zu dem der Zugang durch Bücher führt, wodurch der ganze Horizont mit neuen Farben und Möglichleiten bemalt war … Die Ahnung von noch ferneren unaufgeschlossenen Welten; der dédain gegen die Boulevards … Der Nationalismus nämlich, man lasse sich nicht täuschen, ist auch nur eine Form des Exotismus … Die romantischen Musiker erzählen, was die exotischen Bücher aus ihnen gemacht haben: man möchte gern Exotica erleben, Leidenschaften im florentinischen und venetianischen Geschmack: zuletzt begnügt man sich, sie im Bilde zu suchen … Das Wesentliche ist die Art von neuer Begierde, ein Nachmachen-wollen, Nachleben-wollen, die Verkleidung, die Verstellung der Seele … Die romantische Kunst ist nur ein Nothbehelf für eine manquirte »Realität«.“ (Der Wille zur Macht, Friedrich Nietzsche)

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Die Klügeren aus der Bevölkerung merken, dass die Kriegspropaganda ihrer Länder an den Haaren herbeigezogen ist, aber sie sind im Denken so ungeübt, dass sie glauben, dass das Gegenteil einer Lüge oder eines Irrtums folglich die Wahrheit sein muss, was überhaupt nicht stimmt. Es gibt kein Gegenteil von Sonne oder von der Zahl 3.

Das Verhältnis des Menschen zum Denken ist ein rein Platonisches. Der Mensch hat eine ganz vage Vorstellung davon, was das sein könnte, hat dieses Vage für das Ganze erklärt und will nichts Weiteres davon wissen.

In der Kindheit beginnen alle mit Strichmännchen, oft sogar mit Kopffüßlern. Das IST die platonische Idee. Wir glauben dann wirklich, dass wir alles berücksichtigt haben, den Kreis als Kopf mit Punktaugen, Strichnase und Strichmund, dann zwei Striche als Arme und ebensolche als Beine mit je einem Haken als Fuß. Ist doch alles berücksichtigt! Dann laufen wir zu unseren Eltern und denken, dass sie voll des Lobes sein werden und ohne Selbstbild würden wir uns ja in Luft auflösen, schon in ganz jungen Jahren.

Nur eben, mit dem Zeichnen verhält es sich so, dass manche weiter machen und auf jeden Fall völlig loskommen von den Strichmännchen, egal wie gut sie werden. Oder sie geben das Zeichnen auf, weil sie sich für talentlos erklären.

Nicht so beim Denken! Jeder hält sich für talentiert und intelligent, obwohl er nie von den gedanklichen Strichmännchen wegkommt und auch nicht will. Wir können ihn auch nicht darauf aufmerksam machen, denn diese Entscheidung hat er wiederholt bewusst getroffen. Seine Strichmännchen sind sein ein und alles. Nichts ist daran unberücksichtigt, er macht jetzt auch kleinere Ohren und nicht mehr solche Segelohren wie beim ersten Mal.

Es ist unklar, was den Menschen eigentlich vom Denken abhält, entweder hält er es für unnötig (dank der Wissenschaft und Technik obsolet geworden) oder zu langweilig oder zu schwierig, das weiß man nicht, weil man auch darüber nicht nachgedacht hat. Entsprechend ist auch ihr Verhältnis zu ihren „Dichtern und Denkern“. Dass diese eine gewisse Wichtigkeit haben, kann man logisch daraus folgern, dass es Statuen gibt, die sie darstellen. Für unser Selbstbild sind sie nicht unwichtig, sonst könnten wir uns nicht das „Land der Dichter und Denker“ nennen, ein geflügeltes Wort, das nicht von einem Dichter oder Denker stammt oder stammen kann, denn keiner von ihnen hat das Land so gesehen.

Aber im Konkreten muss man nicht gelesen haben, was so ein Dichter und / oder Denker so verfasst hat, weil so eine Beschäftigung entweder wirklich liederlich ist oder eine Freizeitunterhaltung, die diesen Namen nicht verdient, weil zu anstrengend und gleichzeitig zu langweilig. Genies nennt man Dichter und Denker eigentlich nur, um Skulpturen aufstellen zu können, die nicht Skulpturen von prosaischen Gestalten wie Politikern sind, denn diese beflügeln nicht das Selbstbild, wo es sich empor schwingen möchte über die Arbeitswelt.

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