Distanzlose Begrüßungsrituale

Die Greiforgane des homo sapiens haben im Laufe der kulturellen Entwicklung ihre Funktionen erweitert von der haptischen zur rituellen, zeremoniellen, welche beispielsweise die Begrüßung gestalten.

So kennen wir Handschlag, Händedruck, Händeschütteln, Winken…

Die länglichen Auswüchse, an denen diese Greiforgane, also die Hände hängen, nennt man Arme. Diese werden mitunter bei der Begrüßung einbezogen. Man spricht von Umarmung, die mehr oder minder intim, also kontaktreich ausfallen kann. Das lässt sich steigern, etwa in der Weise: 

Erst umschlingen, dann verschlingen. 
Denn das in sich bringen von etwas, 
ist die innigste Form des an sich bringen. 

Der Mund kann bei der Begrüßung ebenfalls dienlich sein. Denn er dient ja nicht nur der Nahrungsaufnahme, dem Sprechen oder Singen, sondern er vermag auch einer zwischenmenschlichen Begegnung zur dargebotenen Hand additiv den Stempel der Herzlichkeit verleihen, wie z.B. der mehr oder minder schmatzend schleimige Handkuss. Isoliert, also ohne Gestik, besteht die innig orale Begrüßung in einem Kussi, welches je nach Region und Tradition zum Bussi mutiert. 

Es gibt auch die Variante des lateralen Lefzenstoß. 

« On fait la bise », nennen die Franzosen diese feucht-lippige Begrüßung. 

Doch das sind in der Corona-Pandemie tempi passati: Aktuell kontaktieren sich beim Wiedersehen allenfalls Ellbogen, jene, in deren Beuge man vorher geniest hat statt in die nachbarliche Kniekehle. Alles nicht hygienisch! In Neuseeland herrscht allerdings noch immer die alte Sitte: Die Maoris reiben sich die Nasen. Da verhakt sich manche Hakennase mit dem fleischigem Riechorgan des Partners. Daher ziehen viele dieser Antipoden eine niedliche britische Stupsnase vor, auch wenn diese mit Sommersprossen lustig besprenkelt ist. Von Social Distancing keine Spur!

Im Land der aufgehenden Sonne verbeugt man sich kontaktlos. Ist jedoch ein unerfahrener Gaijin beteiligt, so kann es mangels hinreichenden Abstands zu Stirnplatzwunden kommen. Da lächeln die Japaner hinter der Maske.  Übrigens: Mund- und Nasenschutz soll nicht nur Corona abwehren sondern auch entlarvende Blicke. Gleichzeitig filtern diese Textilbinden Mundgeruch und verbergen zudem das schartige Zahngehege. So bleibt die Ästhetik zumindest in der Phantasie gewahrt. Andererseits macht der digital simulierte Körperkontakt keinen Spaß.

Alles zu virtuell, zu tugendlich!

Man stelle sich vor: Tönjes Blutwurst, schlachtfrisch mit der köstlichen Corana-Dosage, statt auf dem Gaumen auf dem Bildschirm! Wie kann sich das tierische Stress-Aroma kulinarisch entfalten? Überhaupt nicht und das geht nicht!

Schon Wilhelm Busch grummelte:

„Doch die Liebe per Distanz, 
kurz gesagt
missfällt mir ganz!“ 

Aber nun mal zum Schluss im tiefen Ernst: Das Geistige braucht zu seiner Abformung die physische Berührung.

Kontaktlos in der Isolation fließt kein Strom des Lebens. In der Interaktion von Geist und Materie, nämlich im Menschen, erleben wir das lebendige Walten der Gottheit, das wir durch unser freies Bekenntnis, die Welt mitgestaltend, zulassen. Doch dazu benötigen wir die reale Begegnung von Mensch zu Mensch. Diese Tatsache hat uns Corona eindringlich ins Bewusstsein gerufen. Der Mensch ist und bleibt ein zoon politikon, das sich zumindest im romantischen Mondenschein, dem geborgten Sonnenlicht, liebevoll trifft und zuweilen innig herzt, nicht nur im Wonnemonat Mai.