Maskenball im Grandhotel

Als Angehöriger der sogenannten besseren Kreise erhält man leichter als gewöhnliche Sterbliche Zugang bei gewissen Festivitäten oder einfach Zusammenkünften verschiedener „Entscheider“.

Beitrag: Aristocat

So nennen wir den Personenkreis der Einfachheit halber. Oft sind freilich dergleichen Ereignisse sehr langweilig. Deshalb kommt man diesen nicht gerne nach. So geschah es mir im  Jahr 2019 einmal mit der Einladung zum „Maskenball“ in ein altehrwürdiges Grand-Hotel zu Baden-Baden. Für Theodor W. Adorno wäre das wohl das „Hotel Abgrund“ schlechthin gewesen. Auch dieser intellektuelle Großmeister wusste die Annehmlichkeiten dieser Hotelklasse bekanntlich sehr zu schätzen. Am Abgrund bewegte man sich in der Tat, wenn auch in einem anderen Sinne, wie es der Philosoph meinte.

Besagtes Haus hat in der Tat Geschichte. So mancher Staatsmann war hier zu Gast. Ob nun aus der Riege mächtiger Diktatoren, aus der Klasse gekrönter Häupter oder ob es Potentaten der Republiken Europas waren. Sogar amerikanische Präsidenten waren darunter. Namen brauche ich gar nicht zu nennen. Dem Kenner der Szene sind sie ohnehin geläufig. Wie viele andere haben auch manche dieser Gäste hier Zigarre geraucht, Champagner getrunken, wohl gespeist und es sich einfach gut gehen lassen. Selbstredend ist dasselbe Haus beliebte Herberge der Super-Reichen und der Promis und des Jet Set aus aller Herren Länder. Der Stil des Hauses ist im besten Sinne old fashioned und nicht dernier cri. Auch der Autor dieser Zeilen weiß ihn diesen chic d´autrefois wohl zu schätzen. Der Charme des Hauses hat etwas aristokratisch Distinguiertes,  der nicht wirklich zu einer bürgerlich demokratisch orientierten Gesellschaft passt, erst recht nicht zu einer kommunistisch Totalitären.

Besagter Maskenball wurde diesmal mit veranstaltet von einer global agierenden Werbeagentur, die sich auf medizinische Shootings der Sonderklasse spezialisiert hat.  „Magnum Pandemia Foto“ nennt sich diese Firma in Anlehnung an eine weit berühmtere Fotoagentur mit echten künstlerischen Inhalten, der dieselbe nicht das Wasser reichen kann und auch nicht möchte. Doch werden deren Shootings sehr effizient vermarktet und treffsicher in Szene gesetzt. Zweifel sind nicht erwünscht. Dabei handelt es sich um raffinierte Studioproduktionen. Finanziert wurde das Unternehmen wie der Ball von diversen Pharmaunternehmen. Der gebotenen Diskretion halber nennen wir keine Namen. Das wäre unfein. Alles was der Gesundheit förderlich ist, mögen wir durchaus, wenn es wirklich so wäre. Aber für den Mann von Welt heißt es: Reden ist Silber, Schweigen Gold.

Die vorgeschlagene, übrigens zwanglose Kleiderordnung war nicht wie bei anderen Bällen dieser Art eine besonders ausgefallene oder gar extravagante Kostümierung. Nein, es sollte schlicht und einfach „the medical look“ sein. Bei nicht vorhandener Ausstattung würde das hauseigene „health center“ auch aushelfen, hieß es. Also praktische Arztkleidung in der OP-Variante am besten mit Gesichtsmaske. So verkleidet konnten sich die geladenen Gäste nicht gleich erkennen, was für eine vorrübergehende Entspannung sorgte und die Anonymität der Gäste teils bewahrte. Statt mit feinmoussierendem Champagner gefüllter Kelche schenkten die Barkeeper Kreationen der neuen Hausbar aus. Sehr lange und ausgefallene Namen zeichneten diese  Drinks aus. Meine Damen und Herren von der Bar, Respekt! Sie haben sich wirklich etwas einfallen lassen. Einer hieß: „Stern-Philosoph mit aufgeschnittenen Pulsadern“, „Spute dich, denn der Hund möchte auf den Mond geschossen werden“, lautete der bildhafte Name eines weiteren Getränks und das Cocktail „Boris ist für England und England ist für Boris“ hatte den exotischen Beigeschmack Indiens, Afrikas und des Commonwealth. Congratulations! Höchst anregende, ja stimulierende Geschmacksnuancen regten die Zunge an und sorgten für nachhaltige Affekte, die in Veits- und Moriskentänzen kulminierten. Ob weitere Folgen eintraten konnte ich nicht mehr feststellen. Denn selbst, wenn the  party must go on, sagen wir, gehe nach Hause wenn es am schönsten ist. Freilich gab es diese Drinks erst nach den Begrüßungsreden, auf die  wir hier nicht näher eingehen wollen, um nicht unnötig zu langweilen. Neu war zudem, dass jeder Konsument, der Drinks vorher unterschrieben musste, diese auf eigene Verantwortung zu trinken. Das war mir noch in keinem Hotel, erst recht nicht dieser Kategorie vorgekommen. Dazu mussten die Gäste auch ihre genauen Adressangaben hinterlegen. Bei mir machte man freundlicherweise eine Ausnahme, ich bitte Sie bei Stammgästen wie Ihnen! Ich muss zugeben getreu der Devise das Bewährte ist stets das Beste einen Champagner geordert zu haben. Ich bin einfach traditionsverbunden.  Ohne Unterschrift erhielt ich meine Flute mit dem feinperlenden Elexier, das beschwingt und animiert. Wie sagte Winston Churchill, der Pol Roger favorisierte „In victory we deserve it, in defeat we need it“.

Über den Fortgang der eigentlichen Party möchte ich nicht viel Worte verlieren. Allerdings irritierte mich ein Fundstück im Papierkorb unweit der unteren mit Marmor gekachelten Toiletten mit obligater vergoldeter Klobürste. Offenbar hatte das sonst so zuvorkommende und dienstbeflissene Hauspersonal vergessen, rechtzeitig nach zu leeren. Der Fundort passt trefflich. Unweit eines Konsoltisches mit Orchideen in Scherenschnitt Manier gemusterter Tischdecke zierte ein anmutiges Biedermeier-Porträt einer jungen Schönen im Goldrahmen die Wand. Direkt davor ein edler Hygiene-Spender im Alu-look,  selbstredend kontaktfrei funktionierend. Denn Gesundheit ist ja so wichtig! Das Biedermeier-Porträt mutierte gleichsam zur Hygeia, der Göttin der Hygiene. Tatsächlich wirkte das Blumenbouquet am Negligé auch frisch und sauber und gab dem Ganzen Szenario eine unbefangene Unschuld.

Ich griff aber in den Papierkorb, was ich sonst nie tue, denn die gut lesbaren Überschriften erweckten meine Neugier. Und ich konnte ja meine Hände in hygienischer Unschuld danach reinigen mit besagtem Alu-Spender der Sonderklasse. Das erste Papier war betitelt. Warum es in der Politik so wichtig ist, keine Anstandsregeln zu befolgen. Dafür sind für den gemeinen Bürger bald Abstandsregeln von höchster Priorität. Ich werde das hier nicht weiter ausbreiten. 

Das zweite Schriftstück war betitelt, Umbauplan des Grand Hotels in ein Kaderheim für verdiente Politikfunktionäre unter dem Namen „Pension Angela“ Geheimsache. Ich nahm beide Schriftstücke unbemerkt heraus und steckte sie unauffällig in meine Aktentasche. Nur ein paar Details aus dem zweiten Schriftstück mögen hier aufgeführt sein. Bei einer feinen Zigarre und einem guten Bordeaux las ich darin. Alternativlose Umnutzung des einstigen Grand Hotel zu Baden-Baden stand da. Das Haus ist bestens geeignet, verdienten und bedingungslos loyalen Parteifunktionären als Erholungsort zu dienen. Vor allem von der Lage her. Allerdings sind unbedingt Stil und Ausstattung grundlegend zu modifizieren. Damit sich ein Parteifunktionär nicht überfordert fühlt, das Wohlfühlen soll garantiert sein. Denn allzuleicht könnte dieser sich deplatziert fühlen. Die Stilanklänge an das ancien regime, ein Mix aus Louis XVI und Empire sind möglichst vollständig zu beseitigen. Ohnehin dürfte es notwendig sein, etwaige durch unsere künftige konsequente Lockdown-Politik entstandene Defizite in der Hotelkasse mit einer Versteigerung des Interieurs und der Kunstwerke auszugleichen. Glücklicherweise wurde bereits in der Bar und im früheren Nobelrestaurant der Stil in Richtung  neureicher Parvenus abgewandelt. Hier genügen Nachbesserungen. In den Zimmern und Suiten wäre ein Nostalgie-Look in DDR Manier erstrebenswert. Denkmal-Auflagen sind zu umgehen. Selbst der Außenbau könnte Modifizierungen in Plattenbau-Manier vertragen. 

Feinere Weine und Champagner wie andere Spirituosen, ausgenommen Discounter-Wodka, sind ersatzlos von der Karte zu streichen. Auf der Speisekarte sollte Hausmannskost überwiegen. Ein Standartgericht könnte Kartoffelsuppe nach Art der Uckermark sein. Auch Insektenfleisch soll zu Buletten verarbeitet geboten werden. Das Service-Personal ist möglichst durch neue Bundesbürger mit Migrationshintergrund zum Einheitstarif von 1,50 zu ersetzen. Die Gemälde des 18. und 19. Jahrhunderts ersetze man mit Fotos der aktuellen politischen Leitfiguren. Selbstredend ist ein großes Porträtfoto der Kanzlerin über der Rezeption, mit freundlich unverbindlich säuerlichem Lächeln und schlechtsitzendem Sakko verpflichtend. Statt Gobelins und Stilmöbel bevorzuge man Tapeten und einfaches Mobiliar. Zutritt erlaube man nur geimpften und mit health and mind control app ausgestatteten Gästen. Ansonsten gilt Schießbefehl. Damit dieser umgesetzt werden kann, werden umfangreiche Außenanlagen zu errichten sein. Wie Betonmauern mit Stacheldraht und Wachtürme. Ein passendes Vorbild wären die Anlagen der früheren innerdeutschen Grenze. Allerdings wären Windkrafträder auf den Wachtürmen und Solarreflektoren auf allen verfügbaren Flächen sinnvoll, schon aus Höflichkeit vor dem Landesvater. 

Nach diesen umfangreichen Umbauten dürfte das Hotel wahrlich nicht wieder zu erkennen sein und wäre zu einem Kuriosum verkommen.  Ich jedenfalls würde es nicht mehr aufsuchen. Dass es kein Alptraum war bezeugte ein Dienstsiegel. Grand-Hotel ade! 

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