Menschliche Gestaltungsfreiheit?

Abgesehen von Naturkatastrophen (Vulkanausbrüche, Tsunami…) fügt sich die Menschheit Leid und Elend, kurz „das Böse“ selbst zu.

Es sind nicht nur die Kriege sondern auch die anthropogene Zerstörung der Natur mit hieraus resultierenden Hungersnöten, mangelnde Vorsorge, falsche Ernährung, die den apokalyptischen Reitern freie Bahn für ihren Todesritt bereiten. Die Geschichte zeugt unter diesem Aspekt von einer permanenten Selbstverstümmelung und Zerstörung des Menschenbildes Auch die gegenwärtige Corona-Krise zählt hierzu. Denn das Virus selbst fügt ja unmittelbar der Wirtschaft keinen Schaden zu, schließt nicht Kirchen, Schulen, künstlerische Veranstaltungen. Selbst die Erkrankung bis hin zum Tod hat Covid-19 nicht allein zu verantworten sondern vor allem die vorangegangene exzessive Lebensführung des Betroffenen.

Auch für das Versagen, die Dummheit und Fehler der politischen Entscheidungsträger ist das Virus nicht verantwortlich; es entlarvt lediglich die Eitelkeit und Erbärmlichkeit des homo sapiens in vielen Aspekten. Mit anderen Worten: Der Mensch begegnet in sich dem Bösen, das die Herrschaft über ihn gewinnt, wenn er nicht wachsam ist und sich von Gier, Macht- und Rachegelüsten, Eitelkeit, Neid überwältigen lässt. 

Die Opfer dieser sündhaften Neigungen und Schwächen nennen diese verführten Personen bzw. Gruppen „Feinde“. Diese handeln als Regierungen, Diktatoren, Generäle, Truppen, Banden, aber auch als bedingungslos profitorientierte Unternehmer. Umweltzerstörungen, Kriege, Unterdrückung von Völkern sind die Fußspuren dieser Ungeheuer. Es stellt sich die Frage: Kann man im schlimmsten Feind noch den Menschen sehen, selbst wenn dieser in seinen Verbrechen erfolgreich die Spuren seines Menschseins getilgt hat und seine Taten verherrlicht? Anders gesagt: Ist das Gebot „unmenschlich“ bzw. „übermenschlich“?

« Liebe Deine Feinde! »

Einer Antwort kommen wir vielleicht näher, wenn wir etwas tiefer greifen und uns fragen: Welches ist die schärfste und wirksamste Waffe gegen das „Böse“, gegen die „Widersachermächte“ (Teufel, Satan…)? Diese Waffe müsste gewissermaßen das Gegenteil des Bösen repräsentieren. Und das wäre gegenüber dem „Hass“ die „Liebe“. „Liebe“ ist den satanischen Gewalten unerträglich, peinigend und schmerzhaft! Gelingt es uns also, im schlimmsten Feind noch den Menschen zu erkennen und ihn als unseren Nächsten anzusehen, ihn also insofern zu lieben, so ist die Rettung für uns und den Feind nahe, weil der Hass ausgesperrt wird.

Doch diese Ausführungen beinhalten leider eine gewisse Täuschung: 

Sie sind abstrakt und scheinen eine leicht zu befolgende Anleitung zu beinhalten, ein guter Mensch zu werden. Wer hellhörig ist, der vernimmt ein teuflisches Gelächter angesichts solcher „Weisheiten“. Nein! Es geht um das Üben, um das Leben dieser Erkenntnisse.

Und da scheint es –wie bereits gesagt- fast übermenschlich, in seinem schlimmsten Feind und Gegner noch den Mitmenschen zu erkennen. Vielmehr sieht man in solchen Konflikten nur noch eine Menschen-Karikatur, die zu bekämpfen ist. Wer sich die konkrete Situation einer derartigen Auseinandersetzung vorstellen kann, entsprechende Erfahrungen und Reminiszenzen aus seinem Leben hat, weiß, wie schwer das Gebot von der Liebe zum Feind ist. Doch wie anders könnte denn der Kampf gegen das Böse gewonnen werden, wenn nicht mit Mitteln, die zutiefst human sind, die dem Kern des Menschseins entsprechen, nämlich die Liebe, die ja die christliche Botschaft seit 2.000 Jahren ist.

Die Liebe bringt Frost und Eis des Bösen zum Schmelzen, das sich in Tränenfluten erlöst auflöst.

Gerade in den aktuellen Nöten und Konflikten der Corona-Zeit mögen wir uns alle üben und bemühen, in dem Andersdenkenden und vermeintlichen Gegner den Mitmenschen zu sehen mit all seinem inneren Leid und Pein. Dieser ist nicht das personifizierte Ungeheuer, das wir vermeintlich wahrnehmen, sondern ein schlichter Mensch. Der wahre Drache, welcher aber vor unseren Augen in solchen Auseinandersetzungen Feuer speit, ist das Untier in uns selbst sowie sein Pendant im Feind, das diesen Menschen überwältigt hat.

Verwechseln wir nicht diese Wesen. Bekämpfen wir nicht das Menschenbild und damit uns selbst in unserem ureigenen Menschsein! Denn dann verrichten wir ja die Taten des Bösen, das uns zu willenlosen Marionetten degradiert. Und solches ist ja in der Menschheitsgeschichte immer wieder geschehen, gewissermaßen auf der Weltbühne zum Ergötzen und höllischem Gelächter satanischer Mächte. Wachen wir also auf und erkennen wir, dass in uns selbst der Schauplatz des Kampfes zwischen Gut und Böse, Freiheit und Zwang, Liebe und Hass, verortet ist, in unserem Herzen. Besinnen wir uns auf unser Wesen und unsere Aufgabe, als Menschen in voller Freiheit in Liebe unser Leben und damit die Welt zu gestalten, auf dass sie einst erlöst und zu einer neuen Sonne werde.