Klarschicht

Make Great Britain great for the first time

Der Mensch muss neu über sich nachdenken und wenn ich sage „der Mensch“, meine ich alle, jeder für sich und alle miteinander. Es gibt verschiedene ziemlich alte Gedanken dazu, der Mensch sei das denkende Wesen oder der Mensch sei der Sterbliche im Verhältnis zu den Unsterblichen. Vielleicht muss man so etwas im Ernst einmal gedacht haben, um den Kontrast zu sehen und zu fühlen zu jemandem wie Karl Marx. Er sah den Menschen nur in seiner Funktion als Arbeiter und als Machtpotenzial, indem er zusammen mit anderen die „Masse“ bildet. Er spricht wie ein Ingenieur von sozialen Gefügen und sozialen Aufständen, der sich für eine bestimmte Kundschaft einsetzt, der Arbeitermasse oder Arbeiterklasse.

Das Nachdenken vom Menschen über den Menschen wurde in unseren Kultursphären eine lange Zeit im Rahmen der Bibel betrieben und diese Text-Melange wurde zum Teil wirklich wörtlich umgesetzt:

Genesis 1,28 (Luther Übersetzung):

„Und Gott segnete sie und sprach zu ihnen: … Seid fruchtbar und mehrt euch und füllt die Erde und unterwerft sie; und herrscht über die Fische des Meeres … und über jedes lebende Wesen, das sich auf Erden regt.“

Was keinen Nutzen abwirft, braucht sich eigentlich erst gar nicht zu regen. Die Unterwerfung der gesamten Erde ist kein zufälliges Nebenprodukt des Versuchs zu überleben, sie ist das Programm. Wissenschaft und Technik haben sich diesem systematisch verschrieben.

Dass der Mensch natürlich auch unterworfen ist, steht nicht so klar dort, aber das kann auch Absicht sein. Dass es an unsichtbaren Orten wirkliche Hirten gibt, die die Menschen als Nutztiere sehen, wird auch nirgends deutlich gemacht.

Diese Besessenheit mit dem Nutzen scheinen einige Leute gemeinsam zu haben, obwohl sie als ganz gegensätzlich gelten. Charles Darwin hat den Nutzen geradezu heiliggesprochen, indem er jede Veränderung in der Evolution auf einen Nutzen zurückführte, und zwar einen handfesten Nutzen, deswegen musste er alles als in ständiger Gefahr (eigentlich Krieg) schwebend darstellen.

Charles Darwin hat zugegeben, dass seine Inspiration bezüglich der natürlichen Selektion von einem Mann namens Malthus kam, der Theologe und Ökonom war und die Idee der Überbevölkerung entdeckte, die sich mit seiner Begründung zwar als falsch herausstellte. Es ist sogar heute nicht unmöglich, die ganze Weltbevölkerung zu ernähren. Man würde übrigens meinen, dass im wissenschaftlichen Denken eine Theorie verworfen wird, wenn sich zeigt, dass die Begründung nicht stimmt. In der Praxis ist das aber nicht so. Oft gibt es eine Theorie und den Auftrag an alle, diese per Deduktion zu begründen und ein „Quod erat demonstrandum“ darunter zu schreiben, „wie zu beweisen war“. Deswegen hat man Malthus Theorie mit einer neuen Begründung belebt und die Überbevölkerung zur allgemeinen Gefahr erhoben, indem man den „Carbon Footprint“ erfand.

So sehr das Britische Empire auch räumlich expandierte, ging es gedanklich immer in einem Kreis: von Adam Smith (1723 – 1790) und seiner Theorie von Angebot, Nachfrage, Knappheit, der „unsichtbaren Hand der Märkte“ und so weiter, zu Thomas Malthus (1766 – 1834), der den falschen Beweis vorgelegt hat, dass die wachsende Bevölkerung nicht genügend Ressourcen hätte, zu Charles Darwin (1809 – 1882), der die „unsichtbare Hand der Märkte“ auf die Biologie übertrug und dies „natürliche Selektion“ nannte. Da machen die verschiedenen Wissenschaften und Philosophien zwar den Eindruck, gut zusammenzupassen und damit alle Teil der gleichen Wahrheit zu sein, dabei ist das eine Art Ewige Suppe, die seit hunderten von Jahren weitergekocht wird.

Aus Sicht dieser Suppenköche hat der Mensch ohne Funktion, also ohne Arbeit, keine Daseinsberechtigung. Das meinte Martin Heidegger, als er sagte, dass der Mensch vom „nicht festgestellten Tier“ (Nietzsche) zum „arbeitenden Tier festgestellt“ wurde. Wenn die Zukunft der Arbeit aber immer unklarer wird, was wird dann aus dem arbeitenden Tier? Deswegen habe ich eingangs gesagt, dass wir uns die Frage nach dem Menschen selbst stellen müssen, denn selbst Karl Marx wäre an die Grenzen seines Lateins gekommen, wenn seine Kundschaft plötzlich Arbeiter ohne Arbeit und nur noch „Masse“ geworden wären.

Um das Nachdenken führt kein Weg herum und das meint auch, dass wir uns nicht hinter Slogans versammeln können wie „Make America great again“. Es ist jetzt so deutlich wie nie zuvor, dass jeder das anders verstanden hat. Und wir können auch nicht ausschließen, dass die Erfinder dieses Sprüchleins mit America wirklich den Kontinent meinten und aussagen wollten, dass sich die USA die Ressourcen des restlichen Kontinents unter den Nagel reißen möchten, wie ihre kriegerischen Ambitionen in Venezuela zu zeigen scheinen.

Der britische Premierminister Benjamin Disraeli (1804 – 1881), Zeitgenosse von Darwin, schrieb in seinem Roman „Sybil“:

„Man kann sagen, was man will, aber unsere Königin regiert über die größte Nation, die jemals existiert hat.“

„Welche Nation?“ Fragte der junge Fremde. „Denn sie regiert über zwei… zwei Nationen, zwischen denen es weder Verständigung noch Verständnis gibt, die keine Kenntnis haben über ihre jeweiligen Gewohnheiten, Gedanken und Gefühle, als wären sie Bewohner völlig verschiedener Gebiete oder Planeten. Sie werden verschieden gezüchtet, von verschiedenen Nahrungsmitteln genährt, ihre Umgangsformen sind verschieden und sie unterliegen nicht den gleichen Gesetzen.“

„Du sprichst von…“, sagte Egremont zögerlich.

„Den Reichen und den Armen.“

Benjamin Disraeli, Sybil, Book ii, Chapter 5 (1845)

Vierzig Jahre zuvor schrieb John Adams, einer der „Gründungsväter“ der Vereinigten Staaten, deren Absichten es sich durchaus lohnt zu untersuchen:

„Wir verfügen über ein einziges Material, das eigentlich eine Aristokratie bildet, die die Welt beherrscht. Und dieses Material ist Vermögen.

Talente, Geburt, Dienste, Opfer bedeuten uns wenig. Die größten Begabungen, die höchsten Tugenden, die wichtigsten Leistungen werden als nutzlos beiseite geworfen, es sei denn, sie werden von Reichtümern oder Interessengruppen getragen und das Ziel beider Parteien ist hauptsächlich Vermögen. … In der römischen Geschichte sehen wir ein beständiges Ringen zwischen den Reichen und den Armen, von Romulus bis Cäsar. Die große Trennlinie war nicht die zwischen Patriziern und Plebejern, sondern zwischen Schuldnern und Gläubigern. Spekulation und Wucher hielt den Staat in ständiger Hitze. Die Patrizier rissen das Land an sich und die Plebejer verlangten nach Agrargesetzen. Die Patrizier liehen Geld zu äußerst hohen Zinsen und die Plebejer waren manchmal nicht in der Lage, aber immer unwillig, diese zu zahlen. Das waren die Ursachen, weshalb die Menschen in zwei Parteien geteilt wurden, so verschieden voneinander und so neidisch, dass sie einander fast so feindlich gegenüberstanden, wie zwei Nationen.“ – Tract by John Adams, 1808

Siehe „Adams Papers“: https://founders.archives.gov/documents/Adams/99-02-02-5237

Der Luftballon-Verschenker an der Seepromenade

Wenn jemand an der Seepromenenade als Charlie Chaplin verkleidet geht und als Herzen geformte Luftbalons verteilt – dann möchte er sie meistens verkaufen, obwohl er zuerst so tut, als ob er sie verschenkt. Das ist keine Verschwörungstheorie. Wenn man seinen Luftballon annimmt und ohne zu zahlen versucht wegzugehen, dann wäre er sehr beleidigt.

Und deine Begleiter würden dich ungläubig anschauen, wenn du daraufhin sagst „Warum? Du bist mein Zeuge, er wollte mir das schenken!“

Immer das gleiche Problem mit Kindern in der Situtation, weswegen der Luftballon-Verteiler, der erst nachher um Geld bittet, zuerst mit Kindern flirtet und ihnen den Luftballon gibt. Je nach dem, wie alt sie sind, können sie nicht verstehen, warum der Charlie Chaplin das macht.

Ist ein Kind 4 Jahre alt, wird es den Ballon bekommen, seine Eltern zahlen, weil das Kind gar so strahlt… Und man bewundert an Kindern ihre „Unschuld“, was man insgeheim für liebliche Dummheit hält.

Dann fragt das Kind „Warum zieht sich der Mann so an und verteilt Luftballons?“

„Er freut sich, wenn Kinder lachen“, sagen die ganz Harmoniesüchtigen, die Kinderunschuld verherrlichen.


„Er ist nur ein Bettler, der keine Lust hat, eine ehrliche Arbeit zu machen“, sagen Eltern, die ihn böse weggeschickt haben.


Manche Eltern mit Skrupeln sagen: „Er hat wenig Geld und hat sich überlegt, wie er etwas Geld verdienen kann und gleichzeitig Menschen erfreuen.“


Das ist nicht unwahr! Wenn er Leute verärgern wollte, würde er sie vermutlich bestehlen.

Aber nehmen wir jetzt an, dass der Luftballon-Verschenker an einem Tag der offenen Tür der örtlichen Polizei seine Luftballons verteilen würde und tatsächlich kein Geld dafür verlangt.

Was würde man nun seinem 4-jährigen Kind sagen, warum er das macht?

„Weil er lieb ist“, würde wieder der Harmoniesüchtige sagen, der sich vor die „Unschuld“ seines Kindes stellt, wie ein antiker Vater vor die Jungfräulichkeit seiner Tochter.

Ein vorsichtiger Erzieher würde sagen: „Er wurde von der örtlichen Polizei dafür bestellt, damit Kinder keine Angst vor der Polizei haben, sondern denken, dass die freundlich sind.“

Das wäre übrigens sehr neutral formuliert.

Wer nicht so gut zu sprechen ist auf den Staat würde sagen: „Die lügen Tag und Nacht, jetzt wollen sie mit so billigen Mitteln die Gefühle unserer Kinder kaufen!“

Was nach einer Frau in einer Scheidungsgeschichte klingt.

Was davon ist wahrer? Es gibt keinen Zweifel, dass der Tag der offenen Tür der örtlichen Polizei so geplant wurde, damit die Bevölkerung Vertrauen in sie bekommt. Das ist alles andere als eine Verschwörungtheorie. Jeder, der in einer Firma jemals gearbeitet hat, weiß, dass das realistisch ist. Man spricht in fast jedem Meeting von „Wordings“ und wundert sich nicht weiter.

Es gibt keine Wahrheit, es gibt nur Erfolg

Sprache und Dinge

„…und die findigen Tiere merken es schon, dass wir nicht sehr verlässlich zu Haus sind in der gedeuteten Welt.“ – Rilke

Wir können nicht umhin. Je verrückter alles wird, umso notwendiger ist es, alle Dinge zu bedenken und zugleich die Namen, die wir ihnen geben, die Wörter.

Als Menschen können wir das eine nicht ohne das andere verstehen. Und so lange wir nicht sicher sind, ob wir von einem Ding sprechen oder von einer Interpretation, die auch ganz anders sein könnte, ist es vernünftig als Phänomenologe vorzugehen und sehr vorsichtig das zu benennen, was sich zeigt.

Das Problem, nicht zu wissen, ob wir etwas sehen oder ob wir interpretieren, zeigt sich nicht erst, wenn es um etwas Schwieriges geht, es zeigt sich pausenlos und jeden Tag.

Beispielsweise wenn wir von Empfindungen sprechen, die wir ständig haben. Manche sind vielleicht geneigt, vom Seelischen zu sprechen, aber viele glauben nicht an die Seele, sondern nur an den Körper. Dennoch ist es eine Interpretation, dass unsere Empfindungen vom Körper herrühren.

Selbst wirklich vernünftige Psychiater verwechseln in ihren Schriften so häufig ‚Ursache‘ und ‚Wirkung‘, dass man nicht weiß, ob sie absichtlich etwas verschweigen (aus politischen Gründen?) oder wirklich betriebsblind sind.

Es gibt Menschen, die etwas sehr Konkretes nicht ertragen können und dennoch steht über sie im Bericht, dass ihre Verzweiflung oder Reizbarkeit von einer chemischen Unausgeglichenheit im Gehirn rührt, was die Gabe von Medikament X notwendig mache.

Nichts ist unmöglich“

Sagt die Toyota-Werbung und es ist ein sehr zutreffender Spruch für die Haltung der Technik und Wissenschaft. Alles, was heute moderne Technik ist, war früher unmöglich, daher folgert man ‚logisch‘ (per Induktion), dass ALLES möglich ist und nur eine Frage der Zeit und der Anreize (z.B. Nobelpreise oder einfach nur Geld), bis es möglich wird.

Diese Haltung steht über allen anderen Ideologien, es ist ein Teil der wahren Ideologie, dass ein „es geht nicht“, nicht akzeptiert wird – dann wechselt eben der Manager, der Vorsitzende der Kolchose. Der Nächste macht es möglich oder er ist auch weg. Der Druck ist derartig, dass allmählich alle (weil sie Angestellte sind) anfangen mitzuspielen, und so tun, als ob das Unmögliche möglich wäre und gerade von ihnen erreicht.

Die Haltung, dass nicht alles möglich ist, gilt als unethisch (im Sinne von Arbeitsethik) und „demotivierend“. Schon die Tatsache, dass wir nicht aus Gründen handeln, sondern aus „Motivationen“, kann einen stutzig machen. Motivationen sind Antriebskräfte bei der Erreichung von Zielen. Alle diese Wörter, Motivation, Antriebskraft und Zielerreichung, haben gemeinsam, dass sie auch in der Manipulation von außen verwendet werdet können, von Arbeitgebern, Werbeleuten und Politikern. Früher nannte man das Kybernetik. Wörter wie „Identifikation“ gehören auch in diesen Bereich. Und wenn es Menschen gibt, die planen, wie viele „Identifikationsgruppen“ es gibt, welche Merkmale sie haben, wie sie mit anderen Identifikationsgruppen interagieren (Beispiel Demokraten und Republikaner), dann hat man zwangsläufig „kulturelle Aneignung“. Der CSU Politiker, der versucht in bayrischer Mundart zu sprechen, betreibt genau das, indem er sich als Bayer darstellt, damit sich andere Bayern in dieser Spiegelung des Selbstbildes geschmeichelt fühlen und ihn nachahmen wollen und seine Art zu sprechen übernehmen. Sie sprechen von Tauben als Ratten der Lüfte, obwohl sie sich nie eine Taube angesehen haben und gar nicht ahnen, wie traurig das Stadtbild ohne sie wäre.

So ein Politiker ist jedenfalls nie ein Bayer, sondern immer ein einfacher Hochstapler, der mit dem Selbstbild der Menschen spielt, weil er weiß, dass sie Angst hätten, sich in Luft aufzulösen, wenn ihnen nicht ständig jemand anbietet, wie sie sich zu sehen hätten. Und dies ist die Gemeinsamkeit so konträrer ‚Systeme‘ wie Demokratie (oder Liberalismus), Kommunismus und Nat.soz. Keineswegs ist die Ähnlichkeit ihrer politischen Werbeplakate ein Zufall. Du möchtest schön, stark, jung, geliebt, intelligent und fleißig sein? Ich schenke dir dieses Bild von dir, gratis, du musst nur für mich – das heißt – für dich – in den Krieg gehen. (In Klammern: dass du nach dem Krieg nicht mehr ansatzweise eins von den aufgezählten Adjektiven bist, wirst du niemals wahrhaben wollen und daher wird es auch nicht wahr sein, dieser Schmerz ist eingebildet und dafür haben wir Fachleute in Psychiatrien…)

Der Leser der Süddeutschen Zeitung identifiziert sich mit den anderen Lesern dieser Zeitung und er wird darauf trainiert, sich an die Schriftart und Schriftgröße zu gewöhnen und einen Widerwillen zu haben, gegen die Schriftsetzung der Bildzeitung. Obwohl das jeder weiß oder wissen könnte, fühlen sich die Leute wohl und nur zu Hause in diesen Identifikationen. Sie haben gar keine andere Heimat.

Deswegen nennt sich das heutige Politspektakel „Identity Politics“, es kann zu nichts führen, was mit Wahrheit zu tun hat.

Verschiedene Länder sind so ungeniert, ihre Zeitung einfach „Wahrheit“ zu nennen, siehe die russische „Prawda“ und die spanische „La Verdad“. Diese markante Ähnlichkeit in ihrer Kulturtaktik beweist, dass Russland und Spanien gar nicht verfeindet sein können, weil sie verschieden wären, sie sind eben gleich. Und „deshalb“ sind „sie“ verfeindet (siehe Nietzsches Gedanken über die Rache), obwohl das gar nicht geht, das heißt, sie halten ihre Bevölkerungen in Verfeindung, indem sie ihnen Selbstbilder geben.

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Im Grunde ist auch Wagner’s Musik noch Litteratur, so gut es die ganze französische Romantik ist: der Zauber des Exotismus (fremder Zeiten, Sitten, Leidenschaften), ausgeübt auf empfindsame Eckensteher. Das Entzücken beim Hineintreten in das ungeheure ferne ausländische vorzeitliche Land, zu dem der Zugang durch Bücher führt, wodurch der ganze Horizont mit neuen Farben und Möglichleiten bemalt war … Die Ahnung von noch ferneren unaufgeschlossenen Welten; der dédain gegen die Boulevards … Der Nationalismus nämlich, man lasse sich nicht täuschen, ist auch nur eine Form des Exotismus … Die romantischen Musiker erzählen, was die exotischen Bücher aus ihnen gemacht haben: man möchte gern Exotica erleben, Leidenschaften im florentinischen und venetianischen Geschmack: zuletzt begnügt man sich, sie im Bilde zu suchen … Das Wesentliche ist die Art von neuer Begierde, ein Nachmachen-wollen, Nachleben-wollen, die Verkleidung, die Verstellung der Seele … Die romantische Kunst ist nur ein Nothbehelf für eine manquirte »Realität«.“ (Der Wille zur Macht, Friedrich Nietzsche)

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Die Klügeren aus der Bevölkerung merken, dass die Kriegspropaganda ihrer Länder an den Haaren herbeigezogen ist, aber sie sind im Denken so ungeübt, dass sie glauben, dass das Gegenteil einer Lüge oder eines Irrtums folglich die Wahrheit sein muss, was überhaupt nicht stimmt. Es gibt kein Gegenteil von Sonne oder von der Zahl 3.

Das Verhältnis des Menschen zum Denken ist ein rein Platonisches. Der Mensch hat eine ganz vage Vorstellung davon, was das sein könnte, hat dieses Vage für das Ganze erklärt und will nichts Weiteres davon wissen.

In der Kindheit beginnen alle mit Strichmännchen, oft sogar mit Kopffüßlern. Das IST die platonische Idee. Wir glauben dann wirklich, dass wir alles berücksichtigt haben, den Kreis als Kopf mit Punktaugen, Strichnase und Strichmund, dann zwei Striche als Arme und ebensolche als Beine mit je einem Haken als Fuß. Ist doch alles berücksichtigt! Dann laufen wir zu unseren Eltern und denken, dass sie voll des Lobes sein werden und ohne Selbstbild würden wir uns ja in Luft auflösen, schon in ganz jungen Jahren.

Nur eben, mit dem Zeichnen verhält es sich so, dass manche weiter machen und auf jeden Fall völlig loskommen von den Strichmännchen, egal wie gut sie werden. Oder sie geben das Zeichnen auf, weil sie sich für talentlos erklären.

Nicht so beim Denken! Jeder hält sich für talentiert und intelligent, obwohl er nie von den gedanklichen Strichmännchen wegkommt und auch nicht will. Wir können ihn auch nicht darauf aufmerksam machen, denn diese Entscheidung hat er wiederholt bewusst getroffen. Seine Strichmännchen sind sein ein und alles. Nichts ist daran unberücksichtigt, er macht jetzt auch kleinere Ohren und nicht mehr solche Segelohren wie beim ersten Mal.

Es ist unklar, was den Menschen eigentlich vom Denken abhält, entweder hält er es für unnötig (dank der Wissenschaft und Technik obsolet geworden) oder zu langweilig oder zu schwierig, das weiß man nicht, weil man auch darüber nicht nachgedacht hat. Entsprechend ist auch ihr Verhältnis zu ihren „Dichtern und Denkern“. Dass diese eine gewisse Wichtigkeit haben, kann man logisch daraus folgern, dass es Statuen gibt, die sie darstellen. Für unser Selbstbild sind sie nicht unwichtig, sonst könnten wir uns nicht das „Land der Dichter und Denker“ nennen, ein geflügeltes Wort, das nicht von einem Dichter oder Denker stammt oder stammen kann, denn keiner von ihnen hat das Land so gesehen.

Aber im Konkreten muss man nicht gelesen haben, was so ein Dichter und / oder Denker so verfasst hat, weil so eine Beschäftigung entweder wirklich liederlich ist oder eine Freizeitunterhaltung, die diesen Namen nicht verdient, weil zu anstrengend und gleichzeitig zu langweilig. Genies nennt man Dichter und Denker eigentlich nur, um Skulpturen aufstellen zu können, die nicht Skulpturen von prosaischen Gestalten wie Politikern sind, denn diese beflügeln nicht das Selbstbild, wo es sich empor schwingen möchte über die Arbeitswelt.

Das Verhältnis vom Menschen zum Denken ist ein rein Platonisches

„Die Welt geht viel zu langsam unter.“ – sagte eine Figur von Herbert Achternbusch in einem Film von 1981. Dass es stimmt, merkt man daran, dass die Welt immer noch untergeht, so schmerzlich langsam, dass man nicht mehr weiß, ob es auf das Überleben noch ankommt, dass man gar nicht weiß, was das ist.

Es scheint, dass man sich retten muss, es scheint aber auch, dass das nicht ausreicht, dass sich die Menschheit retten müsste und zwar schnell, denn der Untergang ist gleichzeitig so langsam und so schnell.

Fast jeder denkt, dass er wüsste, wie es ginge und dass nur die anderen das Falsche glauben. Viele meinen, wenn XY nicht gewählt wird, dann geht die Welt ganz sicher unter. Dieser Wahn geht seit mehr als hundert Jahren durch alle Köpfe, aber vor hundert Jahren haben die Weltkriege begonnen. Und meistens stellt sich heraus, egal wer gewählt wird, die Welt geht weiter unter. Mal durch Vernichtung von Materie und Körpern, den Rest der Zeit durch Vergessen. Das ist „die Wüste wächst“ (Nietzsche).

Vögel

Schon seit vielen Jahrhunderten, wünschen sich die Menschen, Vögel zu sein, weil sie entkommen möchten und nicht wissen wie. Dabei ist es nicht das Davonfliegen, was uns diese Tiere voraus haben, sie schauen anders aus ihren Augen.

Hunde

Die Menschen machen Filme von ihren Hunden. Hunde berühren sie, weil sie so anders lieben können. Man bewundert ihre Treue. Man ist traurig, weil die Menschen uns so „wertend“ ansehen, so voller Bedingungen.

Und es stimmt. Woher kommt dieses Werten und was ist jetzt passiert, nachdem alle Werte umgewertet wurden? Sie sind verschwunden (obwohl man so viel wie noch nie von ihnen spricht). Und nicht, weil man die falschen Werte hätte und diese wieder zurückwerten müsste oder könnte.

Zu glauben, dass der Wert der zu bewertenden Sache in den Augen ihres Betrachters entsteht, ist das Ergebnis einer Kapitulation vor der Wahrheitssuche.

Der Glaube an die Wissenschaft ist diese gleiche Kapitulation. Man akzeptiert jeden Vorwand, weil man sich so tief in den Nihilismus verirrt hat, dass man an sich selbst nicht glaubt und verschwinden würde ohne die anderen. Man sieht es in den Augen von Tieren, dass die Menschen nicht aus sich selbst herausschauen können.

Sie schauen sich selbst an aus den Augen des Gegenübers. Es ist am einfachsten, das an Frauen zu erkennen, dass sie sich in anderen Menschen spiegeln und sich dadurch fremd sind und sich selbst nicht sehen können.

Dieses verrückte „auf die Nachricht warten“, das sich zeigt, indem die Menschen ihr Telefon überprüfen, sobald sie den kürzesten Moment haben und dann die langsame Zeit so schnell verstreicht, ohne die richtige Nachricht.

Wir versuchen zu lernen und lernen so wenig. Man vergleiche ein Fotomodell, das in Paris über den Laufsteg geht, natürlich in Schuhen, mit denen man eigentlich nicht laufen kann, ohne eine Kunst daraus gemacht zu haben – mit dem mühelosen und geschmeidigen Gang einer Katze über einen Tisch voller Gegenstände, wie sie keinen einzigen davon berührt. Und wie gleichgültig es ihr ist, dass man sie ansieht, während die Menschenfrau hochgradig hysterisch aussieht und die Gleichgültigkeit mit so einer Wut vorspielt, dass sie jeden verachten muss, der sie anschaut. Ständig fotografiert zu werden ist nur eine Steigerung von dem, was alle empfinden.

Diese Verkrampfung, nicht aus sich selbst herauszuschauen, sondern blitzschnell sich in den anderen zu versetzen und sich aus dessen Augen zu interpretieren, hat inzwischen solche Ausmaße angenommen, dass es verboten werden soll, jemanden anders zu sehen, als er sich selbst sehen will, egal wie absurd seine Selbstvorstellung ist. Es gibt auch gar keine andere Lösung, da es keine Wahrheit gibt.

Alles ist eine Dauerbeleidigung. „Ich wünsche mir von dir, dass du…“ und so weiter. Und die anderen hören nicht und verstehen nicht und wollen nicht. Man denkt, die Familie müsste der Ausweg sein, aber warum ist sie so unvollkommen? Die Nation müsste es sein, aber diese ist ein Witz „heutzutage“. Die „Konservativen“ schauen mit Bitterkeit aufs Heute und meinen, dass die Wahrheit in der Vergangenheit liegt, weil sie auf jeden Fall nicht hier und jetzt ist. Die Progressiven schauen genauso bitter, aber sie legen ihr Augenmerk auf die Zukunft. Ihre Wahrheitspläne müssen sich dort erfüllen. Beides ist gleich absurd, aber niemand sieht es ein. Obwohl sie genau die gleiche Art von Irrtum haben, haben sie doch nichts gemeinsam und sind verfeindet. Niemand versteht es, zu mögen, aber jeder schiebt es auf den anderen. Aber der Hund kann es doch, der Hund ist so viel mehr wert als wir. Eigentlich ist er ein Genie. Oder? Warum fällt es ihm so leicht, obwohl er gar nicht denken kann?

Schopenhauer hat den Pessimismus nicht erfunden, er hat ihn nur empfunden. Und er war nicht der Einzige, sonst hätte ihn keiner verstanden.

Es beginnt schon in der Kindheit. Zweijährige Kinder sind reine Poesie, wie Céline sagte. Wann und wodurch verliert man es? Man weiß nicht einmal, was „es“ ist, man interpretiert es als Unschuld. Weil man sonst überall nur Schuld sieht. Dem Christentum dafür die Schuld zuzuweisen ist nur der gleiche Irrtum. Man spricht von Mainstream, aber egal ob es der Hauptstrom ist oder ein Nebenstrom, wir sind im gleichen Strom. Wenn alles nur Hintergedanken sind, was sind dann die eigentlichen Gedanken?

Mit Grauen erkennt man, dass achtjährige Jungs nicht mehr Fußballspielen. Sie tun so, als würden sie Fußballspielen. Der Torwart braucht die großen Handschuhe aus dem Fernsehen, er versucht in Zeitlupe zu springen, weil er das so vom Film her kennt. Das macht er nicht aus Lust, zu imitieren, wie Papageien aus Spaß alles nachäffen, was sie hören und sehen. Er wird beobachtet, er wird immer gesehen, er schaut sich selbst an mit den Augen der anderen und er will es nicht wahrhaben, dass er darin lächerlich wirken könnte. Er übt und schafft es nicht. Und wenn er es schafft, versteht er nicht, warum es ihn nicht befriedigt. Lange glaubt er nicht, dass es ihm passieren könnte, alt zu werden. Aber eines Tages glaubt er es. Voller Grauen sieht nun er, wie die greise Nachbarin abgeführt wird vom Krankenwagen. Es ist zu grausam, dafür kann er doch nicht auf der Welt sein.

Die Welt ist so unsicher, wie kann man das Unglück vermeiden? Da nichts existiert ohne unsere Subjektivität, muss man lernen, sich etwas vorzumachen. Es gibt keine Wahrheit, es gibt nur Erfolg.

Auch Esoteriker glauben das, sie erschaffen sich ihre Welt, indem sie das Unglück oder das Glück anziehen. Wer das Unglück anzieht, ist nun einmal selbst Schuld. Ob man die Unglücklichen verachtet oder bemitleidet ist Geschmackssache. Meistens haben wir nicht die Kraft zum Mitleid, weil wir krampfhaft am Glück schmieden.

„Er war wohl überreizt von der Arbeit und Langweile, da kommt so etwas manchmal vor; aber er fand es gar nicht übel, Stimmen zu hören. Und plötzlich sagte er halblaut: Man hat eine zweite Heimat, in der alles, was man tut, unschuldig ist.“ So phantasierte halblaut der fiebrige Robert Musil, der Eigenschaftslose.

Wenn du in der Psychiatrie arbeitest, darfst du den Patienten nicht das Gefühl geben, in der Psychiatrie zu sein. Wir wissen auch, dass bestimmte Gehirnscans mit Alkoholismus, Drogensucht, Demenz oder Selbstmordgedanken korrelieren. Heißt das, dass sie die Ursache dafür sind? Das wissen wir nicht, wir wissen nur, dass sie korrelieren. Es macht aber Sinn, an seiner Gehirngesundheit zu arbeiten, dann verbessern sich auch diese Zustände.

Die Zeit ist das Übel

Time is the evil. Das ist das Seltsame, dass die Zeit selbst das Böse ist. Die Konservativen und die Progressiven hassen beide die Zeit, sie können gar nicht anders, die Zeit stellt sich ihrem Willen entgegen. Wer ist schuld an dem Krieg? Der ‚Kriegstreiber‘ wird auf jeden Fall dafür ‚bezahlen müssen‘, es ‚ruft nach Vergeltung‘. Da der Kriegstreiber immer der andere ist, verstricken sich alle in einen so absurden Krieg, dass man die Gerechtigkeit herbeirufen muss, um den Krieg in ihrem Namen zu führen.

Nietzsche hat es verstanden, dass die Rache ein Hass gegen die Zeit selbst ist.

(Also sprach Zarathustra von Friedrich Nietzsche)