Männer die einstehen

„Der ledigen bursch ist auf mehrmaliges anhalten der Schwerttanz in der Zunft von 12 bis 5 Uhren, doch ohne spilleut, und der medlin tanz vergont.“ 1 Ist die spontane Zusammenkunft von Bewaffneten am Olberbrunnen zur Zeiten einer modernen „Pest“, ein Menetekel für die Sprengkraft närrischer und freiheitsliebender Bodenseebewohner aus dem Hause Gunzo?!?

Der Überlieferung nach soll das Recht zum Schwerttanzen bei einer kriegerischen Auseinandersetzung im 15 Jhdt. vom Kaiser verliehen worden sein. Ein halbes Jahrtausend später, am 11. Februar 2021, schlag 8 Uhr waren sie also alle da. Am Olberbrunnen vor’m Renker. Spazierschlendernde Bürger und Honoratioren, Rechtsanwälte und Dunkelmänner, Uniformierte und Zivilisierte, Apotheker mal mit und mal ohne Maske aber mit Foto, diverse Erzähler und schließlich der Kommandant der Kompanie nebst Adjudant als Befehlsgewalt. Wie es der Zufall so will, eine Spontanversammlung, in Zeiten in denen der Staat mit „Nimm 2 plus 1,50“ wirbt. Ein kleiner Haufen Aufmüpfiger, die aus Gründen der Geräumigkeit des Platzes keine Not hatten den Abstand einzuhalten. Indem man in einigen Bekundungen alter Normalität die Maßeinheit kreativ auslegte, probte man allerdings auch den Widerstand. Das Ordnungsamt schlief noch und die Polizei drückte sich nach durchzechter Nacht in ihren Schiesshallen herum. Ein Highlight Überlinger Tradition der Wehrhaftigkeit.

Während die Unken aus Konstanz rufen, dass jenes ansonsten kultiviert ablaufende Ritual der badischen Fastnacht „im Keim erstickt“ werden solle und zum gleichen Zweck eine Ausgangssperre von 5 – 20 Uhr!! aus den Untiefen der Überlinger Verwaltung verkündet wird, treffen sich ein paar tapfere Männer um ihrer langen Tradition entschlossen zu gedenken. Die Auseinandersetzung kommender Zeit braucht schließlich das Sammeln der Kräfte vor dem Sturm. 2

Die örtliche Presse kam nach dem Segen und wie immer zu spät, weswegen der Pfarrer das zu weihende Denkmal ein zweites mal, nun aber mit einem eher weltlichen Wässerchen als das geweihte Stöffchen bespritzen mußte. So ähnlich jedenfalls die Notlüge des Stellvertreters höherer Angelegenheiten. Der Autokorso der Keimzelle badischen Rebellentums beschränkte sich auf 1x Hupen eines Automobils in der Vorbeifahrt, als die mit Säbel bewaffnete Vorhut angeführt vom Metzgermeister, in Überlingen am Bodensee ihr Monument der Öffentlichkeit zur Andacht preisgab.

Der Pfarrer schloß sinnigerweise in seiner Ansprache vom Denkmal aufs Nachdenken, was in der gegenwärtigen Zeit ein durchaus sinnvoller Tipp ist, nicht zuletzt für die Kirche selbst. Die Berufung auf die Seiten der Bibel und einen ersten Satz: „Du sollst ein Segen sein…“ veranlasste den Berufsgläubigen einen über 2000 jährigen Bogen zu turnen, aus Abrahams Zeiten heraus zu der Überlinger Schwertkompanie und ihrer geschichtsträchtigen Stadt, in der „wir die Traditionen pflegen müssen, damit nichts verloren geht.“ Dieser bemerkenswerte Satz des Prälaten ist fürwahr ein schöner Gedanke und kann als direkter Aufruf zum Widerstand gegen die von der Stadt verordneten Ausgangssperren und Restriktionen verstanden werden. Dass der Herr „… 33 Jahre auf dieser Erde gelebt hat und Zeichen gesetzt hat…“ ist quasi die Parole zum Losschlagen in dunkler Zeit.

In der 375 Jahre langen Geschichte der Schwerttruppe, der es zu gedenken gilt, ist es nämlich noch nie zu solch langen und massiven Einschränkungen der Bürger- und Freiheitsrechte gekommen wie im Rahmen der aktuellen, weltweit inszenierten Krise. Das ruft klandestine Bürgermilizen auf den Plan, die in den Nischen der Tradition auf ihren Einsatzbefehl aus den Urgründen der Zünfte warten.

Denn offensichtlich nicht die Chinesen sondern das badische Ordnungsamt selbst verbietet alles was sonst erlaubt war, um dem strengen Regiment der Kirche und der Verwaltung in den närrischen Tagen des Jahres ein Schnippchen zu schlagen. Selbst in Pestzeiten mußte diese für ihre Lächerlichkeit gegenüber der Ewigkeit herhalten. Die fünfte Jahreszeit war das Dampfventil vor der kargen Fastenzeit und notwendige Überdrucksregulation unterer Organe und archaischer Potenz. Der Narr ist noch immer das höhere Symbol niederen Daseins in seiner unumstößlichen Weisheit des Nonsens. Wer auf dem Kopf stehend, rückwärts den Namen des Königs in volltrunkenem Zustande buchstabieren konnte, während er den Ketzer raushängen lies, hatte eine Dosier geschaffen dass durch die Nacht vor dem Fasten gerne weitergereicht wurde. Die Entlarvung alles Heiligen und das Sägen an der beständigen Observanz weltlicher Schikane, war Auftrag zum Zwecke der Verohnmächtigung der Macht. In dieser kalten Jahreszeit wird regelmäßig bewußt, wie relativ die Dinge sind und dass die andere Seite nur besser organisiert ist in der Darstellung ihrer Lügen.

Um die Wahrheit zu verwahren, beendete man das Zürnen also genau so schnell wie es eintrat. Ein deutlicher Wink an die Ordnungsmacht es nicht zu weit zu treiben. Denn hier im Ländle gilt anders als in der „hohen“ Politik: „Friede den Hütten, Krieg den Palästen.“ 3

Der Deckmantel des Narrengewands, welches auch in Uniform daher kommt, taugte noch immer der Obrigkeit den Gar auszumachen.


Vormärz 2021


bewegtes Geschehen


Ausganssperre 5 – 20 Uhr



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  1. erste urkundliche Erwähnung im reichsstädtischen Ratsprotokoll vom 8. Februar 1646. Dem Brauchtum nach mußte die Obrigkeit vor einer Zusammenkunft angefragt werden.
  2. s.a. SK Berichte Konstanz / Singen
  3. Georg Büchner: „Der Hessische Landbote“