Durchgeknallt – oder: Das Regime der kleinen Leute

Sie nerven jeden Tag ein bisschen mehr: die Corona-Kasper, die uns wie unmündige Kinder vor uns selbst beschützen wollen – bald schon bis ins Schlafzimmer. Ihre angeblich den wieder steigenden Infektionszahlen geschuldete Regulierungswut könnte auch soziokulturelle Gründe haben.

Hirnverbrannte Paragrafenreiter treiben landauf, landab ihre Narrenpossen. Harmlos vor sich hin dösende Omas werden von Parkbänken verscheucht – Verweilverbot! Einen Jugendlichen, der es gewagt hat, Freunde zu umarmen und „abzuklatschen“, verfolgen uniformierte Amokfahrer ohne Rücksicht auf Verluste über Stock und Stein wie einen Schwerkriminellen. In Deutschlands weltoffenster Stadt, in Hamburg, darf man nur noch mit Gesichtswindel joggen, obwohl sogar Virologen das blödsinnig finden. Und die traditionelle Fasnetsfigur eines beschaulichen Städtchens am Bodensee wird zum Superspreader, sobald sie mit ihrer Karbatsche „schnellt“, also um sich schlägt – als ob die Passanten nicht auch ohne Corona respektvollen Abstand hielten, denn so ein Peitschenhieb tut weh.

Doch all die Freunde und Helfer, die uns bloß noch gängeln, führen ja nur aus, was eine durchgeknallte Obrigkeit ihnen vorgibt. Deren vornehmste Repräsentanten trafen sich letzten Mittwoch erneut per „Video-Schalte“ – und ließen, im Rausch ihrer usurpierten Macht, endgültig die Masken fallen. Der 9 Stunden kreißende Berg gebar nicht einmal eine Maus, sondern lediglich ein lächerliches Papier, dessen Inhalt vielleicht auf eine Seite passt, das aber außer ein paar im Amtskauderwelsch geübten Bürokraten niemand versteht. Gleichwohl tönte die Kanzlerin: „Das Ganze ist ein Konzept der Verlässlichkeit.“

Unsere Chaos-Queen meinte damit offenbar das irrwitzige Hin- und Herschieben willkürlich definierter Inzidenzwerte, die Preisgabe absoluter Gewissheiten (rote Linie bei Inzidenz 35, Astrazeneca-Impfstoff nur für unter 65-Jährige usw.) unter dem Druck politischer Opportunität und die Mogelpackung einer „Öffnungsperspektive“ mit Hintertürchen, nämlich einer „Notbremse“, die eben diese von vielen Notleidenden ersehnte Aussicht auf Lockerungen in ihr Gegenteil verkehrt. Genial – so erhebt man das Hangeln von Lockdown zu Lockdown zum Herrschaftsprinzip und verkauft es auch noch kaltschnäuzig als vertrauensbildende Maßnahme. Der verstorbene Kabarettist Werner Schneyder, ein kluger Kopf, dürfte sich posthum bestätigt fühlen in seiner messerscharfen Einschätzung: „Seit ich Angela Merkel kenne, weiß ich, was Machiavelli auf Deutsch heißt.“ Dieser immer autoritärer auftretenden Freiheitsvernichterin, die seit fast einem Jahr den permanenten Staatsstreich praktiziert, kommt es auf eine Lüge mehr oder weniger nicht mehr an.

Dass die Regierungschefin sich anscheinend in ihrem eigenen Amtssitz nicht mehr zurechtfindet (unlängst irrte sie, nach Orientierung suchend, auf den Fluren herum) stimmt aber genauso bedenklich wie das würdelose Geplänkel ihrer obersten Erfüllungsgehilfen. Finanzjongleur und Möchtegern-Kanzler Olaf Scholz musste sich vom bayerischen Satrapen und Möchtegern-Kanzler Markus Söder Trunkenheit und „schlumpfiges Grinsen“, was immer das sein mag, vorwerfen lassen. Danach hatten sie sich wieder lieb – Pack schlägt sich, Pack verträgt sich. Dies wird auch solchen Organisationstalenten wie Jens Spahn und Andreas Scheuer, die demnächst Ordnung in das von ihnen selbst angerichtete Durcheinander bringen sollen, ohne größere Mühewaltung gelingen. Die Polit-Elite der BRD zeigt sich am Ende stets solidarisch – im Abwälzen der Verantwortung auf andere, am liebsten auf die uneinsichtige Bevölkerung, die sich ihre prekären Schnelltests beim Discounter holt, anstatt sie sich, mit nur wenigen Wochen Verzug, von offizieller Seite zuteilen zu lassen wie die verschlampten und verschluderten Vakzine. Glauben die Staats-Stümper selber noch an ihre als alternativlose Viruskiller gepriesenen Wunderwaffen?

Zurück zu Markus Söder – mit ihm nähern wie uns des Pudels Kern. Der selbstgefällig salbadernde Corona-Kämpe äußerte sich in der nächtlichen Pressekonferenz nach dem Video-Debakel so von oben herab wie ein Fürst aus vor-demokratischer Zeit, der seinen Untertanen, nachdem er sie gründlich gemaßregelt hat, eine (eigentlich unverdiente) Gnade gewährt: „Wir geben den Bürgern ein Stück Vertrauen und Freiheit zurück.“ Immerhin „ein Stück“, da sind wir Bürger aber dankbar! Trotzdem erlauben wir uns, Serenissimus Söder die deutlichen Worte eines mutigen, für seinen Widerstand gegen die Anmaßungen der Exekutive bekannten Amtsrichters aus dem „preußischen“ Dinslaken unter die Nase zu reiben: „Viele scheinen vergessen zu haben, dass der Bürger der alleinige Souverän dieses Landes ist. Regierung, Gesetzgebung und Rechtsprechung sind nur die Diener dieses Souveräns.“

In der gegenwärtigen Krise kümmert das die politische Klasse kaum, obwohl sie sich bei jeder Gelegenheit als Verteidigerin der „freiheitlich-demokratischen Grundordnung“ aufspielt. Der „alleinige Souverän“ wird vor allem drangsaliert und zur Kasse gebeten, wenn er gegen die sakrosankten „Regeln“ verstößt. Seine Diener haben ihn entmachtet, isoliert und, zumindest zeitweise, weggesperrt, natürlich nur aus Sorge ums überlastete Gesundheitssystem. Doch das ist, wie so manches, gelogen. Warum haben die neuen Herren so viel klammheimliche Freude am Durchregieren? Erstens, weil man dann weniger merkt, dass die vermeintlichen Entscheider selbst bloß Befehlsempfänger sind und nach der Pfeife finanzstarker globaler Interessengruppen tanzen. Zweitens aber, weil sich im Befehlen, Bestrafen und allgemeinen Bevormunden der Traum des wildgewordenen Kleinbürgers realisiert.

Man muss schon so naiv sein wie Multimillionär Friedrich Merz, um zu glauben, in Deutschland könne jemand Kanzler werden, der zwei Privatflugzeuge besitzt. Bereichern (gerne auch schamlos) darf man sich erst nach Ende der Amtszeit, siehe Gerhard Schröder, der es freilich kaum erwarten konnte. Wie er sind die meisten unserer Spitzenpolitiker*innen kleinbürgerlicher Herkunft. Dies ist mitnichten ein Makel in einer offenen Gesellschaft, die sozialen Aufstieg fördert. Vorausgesetzt, die aus dem Kleinbürgertum Aufgestiegenen lassen die Mentalität ihrer Schicht so weit hinter sich wie den elterlichen Schrebergarten. Nur wenigen gelingt es, mit ihren bescheidenen Wurzeln so unbefangen zu kokettieren wie einst Helmut Schmidt, der in seinem schlichten Reihenhäuschen den geadelten Großbürger und Schlossherrn Valéry Giscard d’Estaing auf Augenhöhe empfing. Typisch für den kleinbürgerlichen Politiker der neuen Art ist eher der Bundesaußenminister Heiko Maas, der meint, man würde schon zum Mann von Welt, wenn man eine Liaison mit einer B-prominenten Schauspielerin unterhält und betont modische (aber oft schlecht sitzende) Anzüge ästimiert. Dass die überflüssige deutsche Ausgabe eines internationalen Herrenmagazins diesen kuriosen Kleiderständer vor ein paar Jahren zum „bestangezogenen Mann“ kürte, erregt in der Savile Row, dem Mekka der Londoner Schneiderkunst (wo er noch nie gesehen wurde), bloß Heiterkeit.

Ein anderer Aspekt kleinbürgerlichen Philistertums, die Habgier, tritt in den dubiosen Maskenmachenschaften der Ex-Unionsabgeordneten Löbel und Nüßlein zutage. Für ihre Vermittlertätigkeit kassierten sie mutmaßlich sechsstellige Summen im unteren und mittleren Bereich. Das ist gewiss viel Geld. Und doch nur ein Fliegenschiss verglichen mit den astronomischen Beträgen, die sonst im weltweiten Korruptionsgeschäft durchgereicht werden. Nicht einmal das hat hierzulande Format. Daran wird sich wohl auch nichts ändern, wenn man nochmal CDU-Chef Laschet und seinen Sohn Joe ins Visier (oder in die Mangel?) nimmt. Wollen wir wetten, dass die beiden weiterhin ihre Hände in Unschuld waschen, wenngleich auch in ihrem Dunstkreis mit Masken gemauschelt wurde – selbstredend ohne jede unzulässige Vorteilsnahme. Wer’s glaubt, wird selig…

Im Grunde ist der Kleinbürger ein armer Ritter von besonders trauriger Gestalt. Aber er ist auch gefährlich. Er fühlt sich eingeklemmt zwischen denen da oben (die er beneidet) und denen da unten (die er verachtet), weshalb er, durchaus folgerichtig, nach oben buckelt und nach unten tritt. Die Blockwartgesinnung steckt ihm tief in den Eingeweiden, Ordnung muss sein, Denunziation ist Pflicht. Weil er Angst vor der eigenen Freiheit hat, gönnt er sie auch den anderen nicht. Der Kadavergehorsam, den die Autoritäten ihm abverlangen, erspart ihm die Zumutung selbständigen Denkens. Befehl ist Befehl, man hat schließlich eine Verantwortung fürs große Ganze, das Individuum mit all seinen Schwächen und Unwägbarkeiten stört da nur. Höchste Zeit, es abzuschaffen…

Das Regime der kleinen Leute kommt die BRD (=Bananenrepublik Deutschland) teuer zu stehen. Im Moment erleben wir, wie das kaum mehr reformierbare, auf Lug und Trug gebaute politische System eines Pseudo-Staates, der eigentlich ein bankrotter US-Konzern ist, sich selbst sturmreif schießt. Rückschläge sind immer noch möglich und den Herrschenden ein Ärgernis: Vorerst ist der skandalöse Versuch kläglich gescheitert, mitten im Wahljahr die stärkste Oppositionspartei im Bundestag mithilfe der Geheimdienste zu kriminalisieren und kaltzustellen. Aber einige Fragen bleiben: Wie lange dauert die Agonie? Wer führt den Sturm an? Wer räumt die Trümmer weg? Und wer profitiert zuletzt von dem ganzen Schlamassel? Hoffentlich nicht die zynischen Strippenzieher im Bermuda-Dreieck von Wallstreet, Platz des himmlischen Friedens und Yad Vashem…

3 Kommentare

  1. Ein gut geschriebener Artikel, allerdings ist der Vergleich mit Machiavelli daneben. Machiavellis Rücksichtlosigkeit bezieht sich auf die Erhaltung des Staates, während Merkels ganze Energie sich auf die Vernichtung und Auflösung Deutschlands richtet. Merkel kann vielleicht mit Rosa Luxemburg, Karl Liebknecht oder Erich Mühsam verglichen werden, am besten mit Judas.

    1. Da ist was dran. Aber Schneyders Vergleich bezog sich auf die Methode, nicht auf den Zweck. Merkels Machttechnik hat den Lehren des Florentiners einiges zu verdanken. Die Rücksichtslosigkeit ihres Vorgehens (etwa schon bei der Hinrichtung Helmut Kohls) hätte ihm vermutlich gefallen. Ihre Kunst der Verstellung und der Lüge passt auch. Immerhin danke für die Anregung – auf den Judas komme ich nochmal zurück.