Chiralität und Standpunkt

Links ist nicht rechts, und rechts nicht links. Diese Weisheit ist dem Manne genetisch eingeschrieben.

Denn seine „xy-Chromosomen“ offenbaren die qualitative Dualität, wohingegen das weibliche „xx-Chromosom“ die Parität repräsentiert, die über diese Differenzierung nicht verfügt. 1

Doch es gibt auch Mischformen in der Menschheit, d.h. weibische Männer und andererseits die Virago, das Mann-Weib. Beobachten wir nun unter diesem Aspekt den homo sapiens bei seiner werktätigen Arbeit:

Die linke Hand des Rechtshänders ergreift den Nagel zum Einschlagen in die linke Wand. Ist alles in Ordnung, so zeigt das spitze Ende nach links; der Nagel-kopf liegt gegenüber, also rechts. Sollte jedoch der rechtshändig geschwungene Hammer auf die Nagelspitze treffen, so ist die vierfache Wurzel der Nagel-Ontologie zu prüfen:

  1. Hat sich der behämmerte Rechtshänder vergriffen, in dem er Links und Rechts verwechselt hat?
  2. Oder wurde der Rechtshänder beim Einkauf gelinkt, weil man ihm Nägel für Linkshänder angedreht hat?
  3. Liegt ein Produktfehler vor, weil der Hersteller den Nagel am falschen Ende zugespitzt hat?
  4. Haben wir es mit einem sog. aberratio ictus 2 zu tun, weil das wahre Ziel der Nagelspitze die gegenüberliegende Wand ist?

Die Nadel hingegen ist weiblichen Geschlechts; sie scheut Gewalttätigkeit und benötigt keinen Hammer. Mithin kann die rechtshändige Näherin in die rechte Hand, die die Rechte ist, dieses Utensil nehmen. Die Spitze sollte nach links auf den Stoff, die Öse nach rechts zeigen. Andernfalls droht erneut das Problem der vierfachen Wurzel, diesmal der Nadel-Ontologie. Es ist dann sinngemäß wie beim Nagel zu verfahren.

Solches problematische Drehen und Wenden in den Gehirnwindungen führt uns zur Schraube und ihrer Mutter: Rechts schraubt´s sich trunken in die verschrobene Mutter; links geht’s dann nüchtern wieder raus. Ist bei jemandem eine Schraube locker, so ist immer die Mutter schuld. Hat er jedoch das Ding nicht richtig gedreht, dann liegt es am linkischen Rechtsdrall, oder er ist nicht recht angezogen. Nach solcher Arbeit findet sich der Rechtshänder hungrig an einem festlich gedeckten Tische wieder. Alles ist zu seiner Zufriedenheit: Die Messer sind rechts, die Henkel der Tassen auch. Mit Links beherrscht er das Instrumentarium. Was aber ist zu tun, wenn ein Linkshänder zu Gast ist? Ganz einfach:  Die maskulin orientierte Hausfrau holt aus ihrem Boudoir den großen Kosmetikspiegel und platziert ihn vor dem Linkshänder hinter dem Gedeck. Das Spiegelbild korrigiert die seitenverkehrte Welt:

Links wird rechts und rechts wird links; der linkische Gast findet sich zu Recht, auch wenn er das gespiegelte Gelage mit einer Verzögerung von sechs Milliardstel Sekunden sieht. 3

Der Zauberspiegel offenbart ihm nicht nur orale sondern zuweilen auch venerische 4 Verlockungen, wenn zu seiner Linken ein holdes Auge tut blinken. Links und rechts vermählt sich zur Gemeinschaft: Es ist die Ehe zur Linken Hand, wobei das Attribut „links“ sich aus der Perspektive des Maskulinum legitimiert, während sich für das mit junonisch 5 Fülle gesegnete Femininum diese Verbindung als rechts definiert, wenn auch diese conjunctio nicht das Rechte ist.

Doch oft wird links zu rechts und damit was Rechts, wie bei der markgräflichen Familie, deren Nachkommen auf die Urahnin der Gräfin zu Geiersberg zurückgehen. Die Früchte aus jener morganatischen Ehe wurden zu Zeiten Friedrich Nietzsches im Sinne der „Umwertung aller Werte“ in Unschuld gewaschen, also legitimiert. Daher gelten die Deszendenten dynastisch als vollbürtig und damit als ebenbürtig. Wunder gibt es immer wieder.

Unsere Tage haben indes fast all diese Unterschiede eingeebnet. So gibt es die „Ehe für alle“, also Frau mit Frau und Mann mit Mann, also links mit links und rechts mit rechts, neben der konventionell-gesetzlichen Zweisamkeit. Alles in Allem bekanntlich ein rechtmäßiges steuerliches Abschreibungsmodell.  

Vielleicht wird eines Tages die Obrigkeit den Linksverkehr dekretieren, oder dass fortan die Uhren anders ticken, nämlich die Zeiger nach links laufen müssen. Eine Ära der Verjüngung mit einer Infantilisierung erwartet uns: Jugend bis ins hohe Alter: Seelig blindes Vertrauen in die Regierung, die wie fürsorgliche Eltern liebevoll für den hörigen Untertan sorgt! Ist diese retardierende Zeit schon da? Es ist eine Frage der Orientierung: „Wo ich bin, ist Rom!“ Und das ist in Corona-Zeiten Berlin und in Ba/Wü Stuttgart. Dort wird für uns paternalistisch gedacht und gehandelt. Die Morgengabe wartet: Ein kleines Bußgeld gefällig? So grüßt der Vollzugs-dienst den Bürger fröhlich.


Anmerkungen:

  1. Chiralität: chiral = die Hand betreffend; gemeint ist das Rechts- bzw. Linksläufige in den Erscheinungen der Natur; so sind z.B. die linke und die rechten Hand nicht kongruent.
  2. aberratio ictus = verfehlter Stoß/Schlag
  3. Verzögerung von sechs Milliardstel Sekunde: wenn man etwa einen Meter vor dem Spiegel sitzt, benötigt der Lichtstrahl vom Objekt zum Spiegel und von dort zum Auge die besagte Zeit.
  4. venerisch = die Venus betreffend, also das Amouröse.
  5. junonisch = altitalische Mondgötting(der Etrusker), später Gattin des Jupiter(Hera), von Gestalt sehr füllig