Historisches aus einer fernen Zukunft

Stellen wir uns vor, dass in einer fernen Zukunft, wenn unsere Welt schon längst gleich dem Römischen Reich untergegangen sein wird, einst Historiker eine uralte Urkunde ausgraben werden mit dem einzig entzifferbaren Satz:

„Wir haben keine Fehler gemacht, aus denen wir nun aber die notwendigen Konsequenzen ziehen.“ 1

Ratlosigkeit wird unter den Schriftgelehrten herrschen: Litt der damalige Autor an einer Geisteskrankheit? Schließlich werden die Forscher beim Weiterbuddeln eine Fülle solcher kruden, absurden Texte finden, die erstaunlicherweise von hohen Regierungsbeamten und Politikern stammen, Aussagen bar jeglicher Logik und Moral. Politopportune Denkweisen und Sprechformen in einer Kindergartensprache, garniert mit Leichtigkeitslügen herrschten offensichtlich in Behörden und Regierungssitzen. Richtlinienkonditionierte Beamte räkelten sich in schwebender Beiläufigkeit fern von den Nöten der Bürger in ihren obrigkeitlichen Hängematten.

Die Wissenschaftler werden rätseln: Hat irgendeine furchtbare Krankheit den Verstand und damit die Zivilisation dieser armen Menschen ausgelöscht? Und endlich beschreibt die bange Klage in einer weiteren Urkunde die grausame Katastrophe:

O Einsamkeit! O schweres Zeitverbringen!“ 
„O immer mehr entweichendes Begreifen!“ 2

Das bedeutete wohl: Ein schwindendes Zeitverständnis, die Erosion der Wirklichkeit, eine Hilflosigkeit und schließlich die Leere, ein Vakuum, das jegliche Lebensfreude, ja alle Zukunftshoffnung aufgesaugt hat. Die damaligen Menschen befanden sich in einem progredienten Demenzprozess, der sie an das alternativlose Nichts heranführte. Nun drängte sich den Historikern die Frage auf: Wie kann man sich dieses Nichts vorstellen? Wie lässt sich diese Leere verräumlichen? Damit waren nicht politische Köpfe bzw. das historische Regierungsviertel im antiken Berlin gemeint, das in seiner Monstrosität mit dem Kolosseum im alten Rom locker mithalten konnte. Nein, es ging vielmehr um die ontologisch qualifizierte Antwort der Philosophie bzw. der Wissenschaft

Bei ihrer Untersuchung gingen besagte Forscher der Zukunft zunächst von etwas Haptischen aus: So sprach ein Physiker vom sog. Totvolumen, das sich ja prinzipiell in eine Form fassen lässt. Auf die Konfiguration kommt es hierbei nicht an. 

Oder vielleicht doch, wenn man z.B. an den Anatom denkt, wie dieser nach einer humanoiden Schädelkalotte greift, um den Knochen umwachsenen Hohlraum zu demonstrieren. Exemplarisch wäre da der Schädel des homo politicus zu nennen…. Nun waren die Historiker in ihren Überlegungen doch wieder bei der Obrigkeit gelandet, obwohl sie dies vorstehend ja ausdrücklich ausschließen wollten. Jedenfalls scheint heute noch das betreffende Vakuum alles zu beherrschen, auch diese Abhandlung. Da kann allerdings Oscar Wilde Trost spenden: 

„Wir sind uns niemals so treu, wie in den Augenblicken der Inkonsequenz.“

Des Weiteren befragte man die Philosophen. Diese sprechen in unserem Kontext vom „Nichts“. Was ist das? Können wir uns das vorstellen? Wohl eher nicht. Faust hingegen wagte, Mephistopheles kühn zu erwidern:

„In Deinem Nichts hoff´ ich das All zu finden!“

Der Musiker würde vielleicht einwenden, es gäbe doch die Stille, die kompositorisch mit der Fermate bezeichnet wird. Wem das nicht genügt, der lausche der sog. Tacet-Symphonie von Jon Cage, auch «4´33´´» genannt, was der Zahl «273» oder eigentlich « -2730C », dem absoluten Temperatur-Null-Punkt entspricht. Dort fühlt sich nur ein Wesen wohl, nämlich Satan, wie es in Dantes «Divina commedia» beschrieben ist. Mitten im Inferno thront in einem Eisblock eingefroren der Todfeind der Schöpfung…Also im physischen Leben kann man das Nichts nicht finden.

Dem würde ein Philologe beipflichten, in dem er auf einen Allerweltsausdruck hinweist, nämlich auf das Wort „Interesse“, welches bekanntlich aus dem Latein kommt und „Dazwischen-Sein“ bedeutet. Aber was heißt das eigentlich, dieses „inter-esse“, diese Raum- und Zeitlosigkeit zwischen Worten und Noten? Der Mathematiker kann hier nur formal und abstrakt weiterhelfen. Doch was unter „Null“ oder einer „negativen Zahl“ konkret vorzustellen ist, verrät er nicht, weiß es vielleicht auch selber nicht. Und der Witz entlockt nur ein müdes Lächeln, nämlich:

Wenn in einem Raum fünf Personen sind und acht herausgehen, dann müssen drei Menschen in den Raum zurückgehen, damit er wieder leer ist.

Bei etwas Überlegung kann man dieser Geschichte durchaus einen Reiz abgewinnen. Denn hier wird ja die Kompensation eines Negativen mit einem weiteren Negativen(= drei Minus-Personen) postuliert. Das ist aber falsch. Denn es gilt: (-1)+(-1)+(-1) = -3. Die Looser summieren sich, anstatt sich zu neutralisieren. Die Verblödungsspirale dreht sich….Doch andererseits beherrscht ja dieser Kompensationsmodus mit Negativa das Wirtschaftsleben, in dem notleidende Kredite mit neuen Schulden getilgt werden. Die meisten Staaten finanzieren sich damit. Jedenfalls bot sich den Historikern nach längerer Forschungsarbeit folgendes Bild jener grauen, vorhistorischen Zeiten, die man „Anthropozän“ nannte: Die damalige Menschheit hatte sich in ihrer Hybris zur rigorosen  Überzeugung verstiegen: 

„Wir haben den Gipfel von Wissen und Technik erreicht und können von den nachfolgenden Generationen weder widerlegt noch übertroffen werden!“ 

Zu jener Zeit waren die Menschen im Begriff, das Sonnensystem zu erobern. Ihre Fußspuren fanden sich bereits im staubigen Mondboden. Auch die Mikro- und Nano-Welt erlag dem Zugriff und Eingriff des maßlosen Anthropos. Er schrieb Zeichen, feiner als ein Lichtstrahl, sog. Schaltkreise in die Materie, eine Botschaft, die subatomaren Partikel, sog. Elektronen, befahl, sich in vorgegebenen Bahnen zu bewegen oder zu ruhen. Bilder und Nachrichten huschten um die Welt und waren an jedem Ort abrufbar. Ja es gelang dem sog. homo sapiens sapiens, die Materie zu zertrümmern. Man nannte es Atomkraft, Atom- und Wasserstoffbombe. Mit diesem Fortschritt hielt aber weder die Moral noch das Umweltbewusstsein Schritt. Die Erde drohte zu vermüllen und in einem Klimakollaps zu enden.

In dieser Krise schickte „der Teil von jener Kraft, die stets das Böse will, und stets das Gute schafft“ 3 aus der Nano-Welt ein perfides Wesen, ein Virus, das die Menschheit mit einer exterminatorischen Strategie angriff und alles Leben zum Stillstand brachte. Dies alles mit einer Rasanz und Vehemenz, dass niemand wusste, wie ihm geschah: „Sind denn alle verrückt geworden?“  So fragte man sich. Und weiter: „Wer soll sich denn noch in dieser technokratisch-wissenschaftlichen Welt zurechtfinden, wo unsere Zukunft bereits fest verplant ist? Wo und wie kann ich die Wahrheit finden und wie kann ich gewiss sein, dass ich sie tatsächlich entdeckt habe?“ 

Eine kafkaeste Situation. Vielleicht hatte sich die Menschheit unmerklich in pfeilnäsige Erdflöhe mit entsprechend reduzierter Intelligenz verwandelt oder gar in einen grünen Gurkenwurm, wobei keine politische Anspielung auf eine gewisse Partei gemeint ist. Schließen sich Wahrheit und Sicherheit aus? Ja, das wissen die Hexen in Macbeth(Act 3; Scene 5): „And you all know, security is mortal´s chiefest enemy…”

In dieser höchsten Not, ja Verzweiflung lockte der Eskapismus mit seiner dämonischen, kompetitiven Raffinesse:

„Wenn das alles nicht wahr ist, allenfalls harmlos ausfällt, dann haben wir eine einfache Wahrheit, eine Erklärung ohne Wenn und Aber dieser Ereignisse. Dann gilt es, gegen die gigantische Verschwörung und Machenschaften der Machthaber, sowie um unsere Rechte zu kämpfen.“ Diese Verführung war für manche Zeitgenossen mit geringer Literalität übermächtig, entsprach doch ihre schlichte Botschaft einer tiefen Sehnsucht nach einer monokausalen Erklärung der Welt und ihrer Geschichte gemäß der These: „Die Wahrheit ist simpel!“ Hierfür würde Ockhams Rasiermesser sprechen, eine Methode, die einer einfachen Erklärung von Ereignissen den Vorzug gibt gegenüber allzu komplizierten Deutungen.

Aber bei schwarzgalliger Betrachtung kann man durchaus fragen: Ist das wirklich so? Wer konnte diese Fragen beantworten? Wiederum die Spezialisten und Wissenschaftler, denen man doch nicht mehr trauen wollte? Wie sollte man dem Circulus vitiosus entrinnen? Hier zeigte sich nun die Stärke der Marginale. Um im Bilde zu bleiben: Auf der Tangente kann man dem Teufelskreis entkommen! 4

Und wo landet man dann? In Exklusionsgemeinschaften, die sich der technisierten und verplanten vorstrukturierten Welt verweigern, die ihr Leben nicht nach einer seelenlosen Blaupause der Politik und Behörden gestalten wollen, etwa im Sinne der totalen Medikalisierung des Daseins, der fehlerlosen Vermessung der Lebenswelt. Nein, es gibt noch Rebellen, für die das Ideal gilt:

„Wer sich selbst treu bleiben will, kann nicht immer anderen treu bleiben!“ 5 Ein Teil des Volkes kündigte der Regierung und der von ihr initiierten Rechtsetzung die Gefolgschaft. Eine solche Stärke und Autonomiebewusstsein setzte allerdings voraus, dass zuvor die Aufgabe erfüllt worden war:  „O Mensch, erkenne Dich selbst!“

War es nun tatsächlich so, dass diese Menschen ihr wahres Wesen und ihre Aufgabe im Erdenleben erkannt hatten, die demnach nicht darin bestand, die Verantwortung für ihr Leben an die seelenlosen Medikamente/Impfung abzugeben? Oder waren sie nur einer Täuschung erlegen und opponierten somit grundlos gegen Recht und Ordnung, sodass sie eigentlich zu Proselyten des Virus „Covid-19“ mutierten? Fragen über Fragen, auf die die Wissenschaftler keine eindeutigen Antworten fanden. Es war ein Dilemma.

Den Rebellen, die sich „Querdenker“ nannten, konnte man entgegenhalten: „Erst wenn man alles weiß, kann man sich über das Wissen hinwegsetzen!“ 6 Diese ihrerseits erwiderten: 

 „Ihr predigt Weisheit und andere Alterserscheinungen!“ 

Auf diesem Niveau befand sich also die Menschheit vor Äonen. Und es stellte sich die Frage: Gibt es eine Wahrheit, die besser ist, als man sie denken und artikulieren kann?

Darauf ließe sich antworten: Der Vorteil der Mathematik ist, dass es für sie die Auflösungsgrenze der Biologie nicht gibt. Andererseits werden dadurch die Resultate dieser Disziplin völlig unanschaulich. Um diese offene Frage und dieses Uneindeutige mit einer angenehmen, kreativen Stimmung zu tingieren, komponierte ein sensibler Musiker –solche gab es in damaligen Zeiten noch- ein wunderbares Werk, bestickt mit „Sixte-ajoutée-Akkorden“. 7 Und was Wunder, dass nun in der so gewonnenen musischen Laune ein kongeniales Bonmot aus der Lügner-Innung die Runde machte, welche bekanntlich die Wahlkampfparolen erfindet:

„Wer kurze Beine hat, darf den Kopf nicht hängen lassen!“

Gesagt, getan: Begleitet vom permanenten Lippenlärm der neuronenfreien Querdenker tanzte aus dem Sinn-Nebel ein semantisches Oppositionspaar im Pas de deux mit Gesang: 

Wir wissen, dass wir allein wissen. 
Und weil wir allein wissen, wissen wir, 
dass die anderen nicht wissen. 
Die Nichtwissenden meinen zu wissen,
wissen aber nicht, dass sie nicht wissen.
Und dieses „Nicht-Wissen“ maskiert 
sich mit der Larve der Wissenschaft.
Es ist die «docta ignorantia»!

Da fragt man sich unwillkürlich, ob nicht Donald Rumsfeld auch zu den Querdenkern zählt, sagte er doch:!

„Es gibt Dinge, von denen wir nicht wissen, das wir sie nicht wissen.“

Die Historiker der fernen Zukunft wussten selbstverständlich, dass Donald Rumsfeld der ehemalige Verteidigungsminister der USA war. Doch Sinn und Wesen der damaligen Zeit verschloss sich ihren weiteren Analysen. Es war wie verhext, so als hätte ein gnostischer Satan sie alle in einen Weltenkerker geworfen. Quantenphysiker murmelten etwas von einer geistigen Verschränkung der Zeiten, von einer spukhaften Fernwirkung. Damit meinten sie, dass die Beschäftigung mit der Vergangenheit notwendigerweise zu einer Interaktion mit dem Historiker führe und damit zu dessen Beeinflussung und umgekehrt: Der historische Prozess würde sich dadurch ebenfalls verändern. Das bedeute aber nicht, dass ein Ausbruch aus diesem Circulus vitiosus nicht möglich sei. Man könne sich der Wahrheit in einem iterativen Prozess nähern. Etwas mühsam und zeitraubend, aber durchaus machbar!

Und damit haben wir schon längst die Plausibilität und Anschaulichkeit in dieser Abhandlung verloren, von einer eventuellen Objektivität ganz abgesehen. Auch die Orientierung im zeitlichen Ablauf ist perdu. Der verwirrte Leser weiß nicht mehr, ob auf die Vergangenheit oder auf die Zukunft Bezug genommen wird. Doch alles nicht so schlimm! Denn Novalis flüstert uns zu:

„Nach Innen geht der geheimnisvolle Weg. 
In uns oder nirgends ist die Ewigkeit 
mit ihren Welten, die Vergangenheit 
und die Zukunft.“

Das ruft Eugen Roth auf den Plan:

„Ein Mensch schaut in die Zeit zurück. 
Und sieht: Sein Unglück war sein Glück.“

Lassen wir diese Zeilen in nachdenklich, träumerisch verschatteten Piano-Klängen mit leichter Molleintrübung verebben und lauschen wir dem Echo der Unendlichkeit, das uns aus der „Sternennacht“, gemalt von Vincent van Gogh, zukommt.



Anmerkungen:

 

 

 

  1. Zitat aus FAZ v. 23.04.2021, S. 15: Staatssekretär Jörg Kukies Finanzministerium zur Wirecard-Affäre 
  2. Zitat aus FAZ v. 14.04.2021, Leserbrief v. Manfred Berberich)
  3. Goethe „Faust I“
  4. so ein spanisches Sprichwort: Se escapó por la tangente!
  5. Christian Morgenstern
  6. Claudio Abbado
  7. Dreiklang mit beigefügter großer Sexte