Es war um die blaue Stunde, die sich um diese Jahreszeit zwischen acht und neun einzustellen pflegt. An der Fußgängerampel stand ich und wartete wie ein Zombie auf grün, als eine Frau beschloss, sich das Warten zu schenken und die Straße auch ohne elektrische Erlaubnis zu überqueren.
„Sie, das ist den Kindern aber kein Vorbild“, rief ein Vater mit zwei Kindern im Grundschulalter hinterher. Er sprach in angepasstem Bayrisch und in seiner Stimme hörte man das absolute Recht, das er innehatte.
„Genau,“ rief der etwa neunjährige Sohn erstaunlich tief und gehässig. „Sonst müssen wir die Polizei rufen!“
Der Vater suchte meinen Blick, denn er wollte Komplizen. Aber ich wartete wie ein Zombie bis es grün wurde und ging. Ich ging sehr lange immer gerade aus und wenn ein Zaun meinen Weg versperrte, kletterte ich darüber. Der Tag war einfach dazu angetan, ewig und ohne Ausnahme gerade aus zu gehen. Ich hoffte gerade, dass sich mir keine Laterne entgegen stellen würde, die sehr schwierig zu überklettern sein musste, als ich gegen ein parkendes Auto lief. Es blieb mir ja nichts anderes übrig und so stieg ich über die Kühlerhaube.
„Sie da! Sie da! Ich ruf die Polizei,“ rief der Autobesitzer von der anderen Straßenseite, der mich nun verfolgte, so dass ich zu rennen begann. Es war eine Schockreaktion in meinem Kopf befand sich vermutlich kein einziger Gedanke, ich erinnere mich im Nachhinein nur, dass ich zuerst in eine Hecke sprang und dass sich dann ein Kanal unpassierbar vor mir ausbreitete. Der Mann hatte meine Fährte vielleicht verloren oder er rannte nunmehr lautlos wie ein Bär. Glücklicherweise fand ich ein Boot im Wasser und ich dachte, dass Bären wahrscheinlich nicht schwimmen können, ich rettete mich auf das Fahrzeug und ruderte tierisch davon. Die Luft war ganz rein, ein Gedanke begann sich zu materialisieren, doch da raste eine Frau in einem Motorboot daher und versuchte, mich zu rammen. Meine Logik ließ mich im Stich und ich wusste nicht, mit welchem Ruder ich paddeln sollte, um mich nach rechts zu drehen. So drehte ich mich aus Versehen nach links und stieß mit dem Motorboot zusammen. Sie griff nach einem meiner Ruder, schlug ihn mir quer über den Kopf und schrie: „Sehn Sie! Das passiert, wenn man sich nicht an die Verkehrsregeln hält!“
Ich wachte im Krankenhaus auf und wusste nicht, was unangenehmer war, das Gefühl, dass ich an allem Schuld war oder die Tatsache, dass ich keinerlei Versicherung hatte, weil ich mir so etwas nicht leisten konnte. Ich hatte Kopfschmerzen und wollte meine Augen lieber gar nicht öffnen, um Verhöre zu vermeiden. Doch das Leben fordert von sich aus, dass man die Augen öffnet, warum weiß ich nicht. Das Zimmer war – wie man sich das im Allgemeinen vorstellt – relativ weiß. Vor mir stand ein Mann und hielt eine zerbrochene Windschutzscheibe in beiden Händen.
„Sehen Sie nur, was sie angestellt haben!“
„Es tut mir leid. Es tut mir leid.“ Ich war sehr verlegen und schaute zu Boden.
„Das ist auch keine Entschuldigung. Das ist… was soll ich mit einer Entschuldigung, das ist ja eine Frechheit. Sie sollen sich nicht entschuldigen, Sie sollen sich richtig verhalten. Und wenn sie mir die Scheibe bezahlt haben, dann entschuldigen Sie sich gefälligst!“
Ich unterdrückte eine Entschuldigung dafür, dass ich mich entschuldigt hatte. Der Mann hingegen verließ den Raum so heftig türeknallend, dass die Tür in mehrere Stücke brach, so dass er in einen Streit mit einer Krankenschwester geriet. Das war ein ausgezeichneter Moment zu fliehen! Barfuß und im weißen Unterhemd lief ich aus dem Krankenhaus, das sich interessanterweise mitten in einem Urwald befand. Ich fürchtete mich sehr vor Schlangen. Sehr. Aber noch mehr hatte ich Angst vor Wespen. Aufgrund meiner Barfüssigkeit war ich recht verletzbar und schnitt mich an etwas Spitzem – einer zerbrochenen Bierflasche, wie ich zu spät erkannte – und nun blutete ich obendrein am Fuß. Ich fluchte auf die Kunstinteressierten, die hier offenbar eine Party gefeiert hatten und schleppte mich ängstlich davon, denn ich dachte an Geschichten, in denen es um bestimmte Tiere geht, die Blutspuren verfolgen. Aber ich konnte mich nicht erinnern, um welche Tiere es dabei immer ging. Blutegel? Blutschlangen? Blutwespen gar? Oh mein Gott. Ich war dem Tode geweiht, wie eine Motte im Weinglas. Aber ich dachte mir, sterben war nicht so schlimm, wie eine Windschutzscheibe zu zahlen, die mit Sicherheit Millionen kostete und ich hatte noch – Moment – genau drei Euro und vierzundzwanzig Cent. Das reichte nicht einmal für Zigaretten. Und ich rauchte doch so gern, besonders, wenn ich nervös war.
Da wachte ich auf. Es war ein normaler Tag und nichts regte sich im Zimmer. Aber die Möbel – ich sah die Möbel und den Kronleuchter an der Decke, der subtil schaukelte und ich begriff, dass die Welt noch viel schlimmer war, als ich es mir ausdenken oder erträumen konnte – nie im Moment selbst, weil der Moment so absorbierend war, dass man keine Zeit hatte, sich über den Schrecken zu erschrecken. Ich dachte an die Unmöglichkeit sich umzubringen, denn wer Angst vor Wespen hat, hat noch viel mehr Angst vor dem Tod. Oder vor dem Leben davor. Oder vor einer Nase, die riecht oder einer Hand, die sich helfend stellt. Das zynische Schicksal brachte mich dazu, einen Kaffee zu kochen, langsamer zu atmen und vom Fenster her, meine Nachbarn zu beobachten, wie sie das Gartenhäuschen reparierten. Da ging mein Atem doch wieder schneller. Hatten die denn nix Besseres zu tun? Hatten die denn nicht mehr alle Tassen im Schrank! Wussten die denn nicht, dass die Uhr längst tickte? Verbissene Idioten! Ich schaltete meinen Rechner an und begann einen Roman zu schreiben mit dem Titel: Die verbissenen Idioten.