Die Deutsche Gelehrtenrepublik

Wir befinden uns im denkwürdigen Jahr 1774, in den letzten Jahren der Aufklärung also, als Klopstock sein hochinteressantes Werk ‚Die deutsche Gelehrtenrepublik‘ schrieb. 1 2

In Wikipedia erfährt man nichts über den Inhalt dieses Buches, man kann es zwar online lesen, aber ich finde, das ist nicht gut für die Augen und das Gemüt. Ich kaufte also ‚Gesammelte Werke von Klopstock‘ in vier Bänden. Das Buch, das ich wollte, war aber nicht drin. Ich bestelle endlich einen Nachdruck als ‚historisches Artefakt‘, manche Seiten kann man lesen, andere kaum, das Problem ist nicht die Frakturschrift, die Kopien sind einfach unleserlich:

Also zurück zum Bildschirm 3


„In Wirklichkeit sollten wir um der Macht willen lesen. Ein lesender Mensch sollte ein intensiv Lebendiger sein. Das Buch sollte eine Kugel aus Licht in seinen Händen sein. Zu lesen und sich des Akts des Lesens bewusst zu sein, bedeutet für manche Menschen (ich zähle mich dazu) zu leiden. Ich verabscheue diesen Vorgang. Meine Augen sind auf den Horizont ausgerichtet. Trotzdem lese ich unzählige Tage, wenn ich eine Fährte aufspüre.“

– Guide to Kulchur, Ezra Pound


War die Aufklärung übrigens erfolgreich? Jean Paul 4 schrieb seine Wahrheiten gerne unauffällig in seine nicht immer zugänglichen Romane hinein: „Über das 17. Jahrhundert wird frei gesprochen und über das 18. Jahrhundert human – über das neueste wird gedacht – aber sehr frei.“ (Flegeljahre, 1804.)

Das ist gut, dass im 19. Jahrhundert wenigstens frei gedacht wurde, dann müssen wir ja nur noch telepathisches Lesen lernen (‚zwischen den Zeilen‘).

Ich glaube, es gibt einen wichtigen Grund für ‚Political Correctness‘ und ‚Identity Politics‘ mit ihrer erstarrten Sprache und ihren fixen Ideen. Die Menschen sollen getäuscht werden über den TON, der hinter dem Vorhang vorherrscht, indem sie ihn nie zu hören bekommen.


Klopstock hingegen, macht uns nichts vor über den Ton und fällt gleich mit der Tür ins Haus:

Die Republik besteht aus Aldermannern, Zünften, und Volke.

Wir müssen auch, weil dieses einmal nicht zu ändern ist, Pöbel unter uns dulden. Dieser hat sich fast auf jedem Landtage über seine Benennung beschwert. Man hat ihm zu seiner Beruhigung verschiedne andre Benennungen angeboten als: Das geringe Volk, der grosse Haufen, der gemeine Mann; aber er hat damit nie zufrieden seyn, sondern immer: Das grosse Volk heissen wollen. Die Jahrbucher sezen beständig: Pöbel

Es thut nicht Noth ihn zu befchreiben. Er hat keine Stimme auf den Landtagen; aber ihm wird ein Schreyer zugelassen, der so oft man nach einer Stimmensamlung ausruht, seine Sache recht nach Herzens Lust, doch nur eine Viertelstunde lang, vorbringen darf. Er ist gehalten einen Kranz von Schellen zu tragen. Nach geendetem Landtage wird er allezeit Landes verwiesen.


Für mein Ohr klingt das inhaltlich ziemlich brutal, stilistisch ist es hingegen hervorragend, der ganze Text erweckt bei mir den Eindruck von ‚Crème brulée‘. Der Text ist so echt, dass wichtige Bedeutungen drin stecken müssen. Die eine Frage ist: wie ist der Text gemeint (Satire? Manifest? Gesellschaftskritik? Erfundene Protokolle von Sitzungen, die nie stattgefunden haben?), die andere: an wen ist der Text gerichtet. Letztlich kann man sich auch fragen, wie oder ob es sein kann, dass etwas inhaltlich brutal, aber stilistisch hervorragend ist. Also, aus welchem Geisteszustand der Text entspringen kann.


Von dem Volke

Zum Volke gehört, wer, ohne sich über das Mittelmässige zu erheben, schreibt, oder öffentlich lehrt, oder die Wissenschaften in gemeinem Leben anwendet; ferner gehören diejenigen dazu, welche so wenig von dem wissen, was würdig ist gewust zu werden, (es kommt hier auch mit in Betracht, wenn sie sich auf zu viel Unwissenswürdiges eingelassen haben) 5 daß sie nicht zünftig sind. Ausser diesn wird die Zahl des Volkes auch noch durch die schwankenden Kenner, und diejenigen Jünglinge vermehrt, welche von sich hoffen lassen, daß man sie bald in eine Zunft werde aufnehmen können. Diese Hofnung schlägt freylich nicht selten fehl, und manche von diesen Jünglingen bleiben zeitlebens unter dem Volke. Indeß ist es doch gut, hier bey der Untersuchung nicht zu streng zu verfahren; denn sonst würde man wol gar einigen Jünglingen anrathen müssen, sich für erst unter dem Pöbel aufzuhalten, unter dem sie nur verwildern, und ganz würden verdorben werden. Aber diese dürfen es dann auch nicht lange anstehn lassen, sich würdig zu machen, dem Volke anzugehören; denn sonst müssen sie sich, oft sehr unvermuthet, unter den Pöbel begeben.


Nochmal:

„Die Republik besteht aus Aldermännern, Zünften, und Volke.
Wir müssen auch, weil dieses einmal nicht zu ändern ist, Pöbel unter uns dulden.“

  1. Aldermänner
  2. Zünfte
  3. Volk (veröffentlichende, anerkannte Intellektuelle, die sich an die strengen Gesetze der Republik halten)
  4. Pöbel (wird aber nur geduldet, ist kein Teil der Republik und bekommt auch keine Chance dazu, ‚die Arbeiter‘)

1774 war ein denkwürdiges Jahr. Auch der Junge Werther erblickte in diesem Jahr das Tageslicht. Unvergessen:

„Wir traten ans Fenster. Es donnerte abseitwärts, und der herrliche Regen säuselte auf das Land, und der erquickendste Wohlgeruch stieg in aller Fülle einer warmen Luft zu uns auf. Sie stand auf ihren Ellenbogen gestützt, ihr Blick durchdrang die Gegend; sie sah gen Himmel und auf mich, ich sah ihr Auge tränenvoll, sie legte ihre Hand auf die meinige und sagte: »Klopstock!« – Ich erinnerte mich sogleich der herrlichen Ode, die ihr in Gedanken lag, und versank in dem Strome von Empfindungen, den sie in dieser Losung über mich ausgoß. Ich ertrug’s nicht, neigte mich auf ihre Hand und küßte sie unter den wonnevollsten Tränen. Und sah nach ihrem Auge wieder – Edler! Hättest du deine Vergötterung in diesem Blicke gesehen, und möcht‘ ich nun deinen so oft entweihten Namen nie wieder nennen hören!“

Aber Goethe und Klopstock haben sich schon zwei Jahre später zerstritten.

Goethe hat nämlich gerne mit Adeligen Partys gefeiert und Klopstock hat ihn darauf aufmerksam gemacht, dass dies dem ‚Ruf der Literatur‘ schaden könnte. Goethe antwortete:

An Friedrich Gottlieb Klopstock

Weimar d. 21. Mai 1776.

Verschonen Sie uns ins Künftige mit solchen Briefen, lieber Klopstock! Sie helfen nichts, und machen uns immer ein paar böse Stunden. Sie fühlen selbst daß ich nichts darauf zu antworten habe. Entweder müsste ich als Schul Knabe ein pater peccavi anstimmen, oder mich sophistisch entschuldigen, oder als ein ehrlicher Kerl vertheidigen, und dann käm vielleicht in der Wahrheit ein Gemisch von allen Dreien heraus, und wozu? Also kein Wort mehr zwischen uns über diese Sache! Glauben Sie, daß mir kein Augenblick meiner Existenz überbliebe, wenn ich auf all‘ solche Briefe, auf all‘ solche Anmachungen antworten sollte. – Dem Herzog thats einen Augen Blick weh, daß es von Klopstock wäre. Er liebt und ehrt Sie. Von mir wissen und fühlen Sie eben das. – Graf Stolberg soll immer kommen. Wir sind nicht schlimmer, und wills Gott, besser, als er uns selbst gesehen hat. 6


Klopstock war sehr beleidigt.

»Jetzt verachte ich Goethen«, rief Klopstock (K. F. Cramer an Goethe, 11. Oktober 1776) und antwortete von der Höhe seiner gekränkten Würde herab. – Viktor Hehn, Gedanken über Goethe 7

Auch in der Gelehrtenrepublik menschelt es!




Anmerkungen:

  1. WIKIPEDIA
  2. Wenn man in Wikipedia nachsieht, wann die ‚Aufklärung‘ war, erfährt man: Start date: 1715 – End date:1789
  3. deutsches Textarchiv
  4. Jean Paul (fr. [ʒɑɑ] und dt. [paʊl]), auch Jean Paul Friedrich Richter, eigentlich Johann Paul Friedrich Richter (* 21. März 1763 in Wunsiedel; † 14. November 1825 in Bayreuth)
  5. ‚Unwissenwürdiges‘, ich rege an zu hinterfragen, ob das orwellscher Neusprech der damaligen Zeit sein könnte.
  6. in:ZENO
  7. in: Gutenberg