Zionismus

Warnung vor dem Weiterbau von Siedlungen in den besetzten palästinensischen Gebieten

….The UN, the European Union, the United States and Russia – known as the quartet in Middle East diplomacy – have opposed new Jewish settlements because they ran counter to efforts to settle the Israeli-Palestinian conflict….

aus: Israelische tageszeitung Haaretz >>> weiterlesen

Uri Avnery | Es kann hier geschehen

http://www.uri-avnery.de/news/145/15/Es-kann-hier-geschehen

Jul 16, 2011

Es kann hier geschehen


VOR JAHREN sagte ich, dass es in Israel nur zwei Wunder gibt: die hebräische Sprache und die Demokratie.

Hebräisch ist viele Generationen lang eine tote Sprache gewesen, mehr oder weniger wie Lateinisch, als es noch in der katholischen Kirche benützt wurde. Dann plötzlich, zusammen mit dem Auftauchen des Zionismus – aber unabhängig davon – kam sie wieder zum Leben. Dies geschah mit keiner anderen Sprache.

Es kann hier geschehen

Uri Avnery

VOR JAHREN sagte ich, dass es in Israel nur zwei Wunder gibt: die hebräische Sprache und die Demokratie.

Hebräisch ist viele Generationen lang eine tote Sprache gewesen, mehr oder weniger wie Lateinisch, als es noch in der katholischen Kirche benützt wurde. Dann plötzlich, zusammen mit dem Auftauchen des Zionismus – aber unabhängig davon – kam sie wieder zum Leben. Dies geschah mit keiner anderen Sprache.

 Theodor Herzl lachte bei dem Gedanken, dass Juden in Palästina Hebräisch sprechen würden. Er wollte, dass wir Deutsch sprechen. „Werden sie eine Bahnkarte auf Hebräisch kaufen?“ spottete er.

Nun, wir kaufen Flugkarten auf Hebräisch. Wir lesen die Bibel in ihrem originalen Hebräisch und freuen uns unglaublich darüber. Abba Eban sagte einmal, wenn König David im Jerusalem von heute zum Leben käme, dann könnte er die Leute auf der Straße verstehen. Wenn auch mit einiger Schwierigkeit, weil unsere Sprache korrupt geworden ist wie die meisten anderen Sprachen.

 Auf jeden Fall ist die Position des Hebräischen sicher. Kleine Kinder und Nobelpreisträger sprechen es.

Das Schicksal des anderen Wunders ist weit weniger gesichert.

DIE ZUKUNFT – tatsächlich die Gegenwart – der israelischen Demokratie ist in Zweifel gehüllt.

 Sie ist ein Wunder, weil sie nicht langsam während Generationen wuchs wie in der angelsächsischen Demokratie. Im jüdischen Stetl gab es keine Demokratie. Auch in der jüdisch-religiösen Tradition gab es so etwas nicht. Aber die zionistischen Gründungsväter, meist westliche und mitteleuropäische Juden, strebten nach den höchsten sozialen Idealen ihrer Zeit.

Ich habe immer warnend darauf hingewiesen, dass unsere Demokratie sehr dünne und zarte Wurzeln hat und eine sorgfältige Pflege braucht. Wo kamen die Juden denn her, die Israel gründeten und hier aufwuchsen. Aus der Diktatur des britischen Hochkommissars, des russischen Zaren, der Diktatur des Proletariats, des Königs von Marokko, aus Pilsudskys Polen und ähnlichen Regimen. Diejenigen von uns, die aus demokratischen Ländern wie der Weimarer Republik oder den USA kamen, waren eine winzige Minderheit.

 Doch den Gründern Israels gelang es, eine lebendige Demokratie zu errichten – wenigstens bis 1967 – die keineswegs minderwertig und in gewisser Weise sogar den britischen und amerikanischen Modellen überlegen war. Wir waren stolz auf sie, und die Welt bewunderte uns. Die Bezeichnung „die einzige Demokratie im Nahen Osten“ war kein hohler Propaganda-Slogan.

Einige behaupten, dass mit der Besetzung der palästinensischen Gebiete, die seit 1967 unter harschem Militärregime ohne die geringste Spur von Demokratie und Menschenrechten lebten, diese Situation schon zu einem Ende kam. Aber was immer man darüber denken mag, Israel hat tatsächlich in seinen Grenzen von vor 1967 bis vor kurzem einen vernünftigen Rekord gehalten. Für den normalen Bürger war die Demokratie noch eine Tatsache des Lebens. Selbst Araber, obwohl selbst sehr benachteiligt, erfreuten sich demokratischer Rechte, die es in keinem arabischen Staat gab. In dieser Woche wird dies in Zweifel gezogen. Einige sagen, dieser Zweifel sei nun zerstreut worden und eine starke Realität habe sich offenbart.

 CHARLES BOYCOTT, der Agent eines englischen Landbesitzers in Irland, hätte sich niemals vorstellen können, dass er einmal eine Rolle in einem Land spielen würde, das sich Israel nennt, 130 Jahre, nachdem sein Name zu einem weltweiten Symbol geworden war.

Hauptmann Boycott vertrieb die irischen Pächter, die die Pacht wegen verzweifelter wirtschaftlicher Schwierigkeiten zu zahlen versäumten. Die Iren reagierten mit einer neuen Waffe: keiner sprach mit ihm, arbeitete mit ihm, kaufte von ihm. Sein Name wurde ein Synonym für diese Art von gewaltfreier Aktion.

Die Methode selbst war schon früher aufgekommen. Die Liste ist lang. Schon 1830 erklärten die „Neger“ in den USA einen Boykott der Produkte, die von Sklaven hergestellt wurden. Die spätere Bürgerrechtsbewegung begann mit einem Boykott der Montgomery-Busgesellschaft, bei der die Schwarzen und Weißen getrennt sitzen mussten. Während der amerikanischen Revolution erklärten die Aufständischen einen Boykott der britischen Waren. Genau so tat dies später auch Mahatma Gandhi in Indien.

 Amerikanische Juden boykottierten die Autos des berüchtigten antisemitischen Henry Ford. Juden in vielen Ländern nahmen am Boykott deutscher Waren unmittelbar, nachdem die Nazis 1933 zur Macht gekommen waren, teil.

Die Chinesen boykottierten Japan, nachdem diese ihr Land überfallen hatten. Die USA boykottierten die Olympischen Spiele in Moskau. Menschen mit Gewissen in aller Welt boykottierten die Waren und die Athleten des Apartheidregimes Südafrikas und halfen so mit, es auf die Knie zu zwingen.

Alle diese Kampagnen benützten ein fundamentales demokratisches Recht: jede Person ist berechtigt, sich zu weigern, bei Leuten einzukaufen, die sie verachtet. Jeder kann sich weigern, mit seinem Geld Dinge zu unterstützen, die seinen innersten moralischen Überzeugungen widersprechen.

Es ist dieses Recht, das in dieser Woche auf den Prüfstand geführt hat

1997 ERKLÄRTE Gush Shalom einen Boykott der Produkte aus den Siedlungen in den besetzten palästinensischen Gebieten. Wir glauben, dass diese Siedlungen, die zum ausdrücklichen Zweck dorthin errichtet wurden, um die Gründung eines palästinensischen Staates zu verhindern, die Zukunft Israels gefährden.

Die Pressekonferenz, bei der wir diesen Schritt ankündigten, wurde von keinem einzigen israelischen Journalisten besucht. Aber der Boykott kam in Gang. Hunderttausende Israelis kaufen keine Siedlungsprodukte. Die EU, die ein Handelsabkommen hat, bei dem Israel praktisch wie ein Mitglied der Union behandelt wird, wurde veranlasst, die Klausel einzuhalten, dass Produkte aus den Siedlungen von diesen Privilegien ausgeschlossen sind.

Inzwischen gibt es Hunderte von Fabriken in den Siedlungen. Sie wurden buchstäblich gezwungen oder verführt, dort nieder zu lassen, weil das (gestohlene) Land dort viel billiger ist als im eigentlichen Israel. Sie genossen großzügige Regierungssubventionen und Steuerbefreiung, und sie können palästinensische Arbeiter für einen lächerlichen Lohn ausnützen. Die Palästinenser haben keine andere Möglichkeit, ihre Familie zu unterstützen, als sich bei ihren Unterdrückern zu plagen.

Unser Boykott war u.a. dafür gedacht, diesen Vorteilen entgegenzuarbeiten. Und tatsächlich haben mehrere große Unternehmen schon aufgegeben und sind unter Druck ausländischer Investoren und Käufer umgezogen. Davon alarmiert, befahlen die Siedler ihren Lakaien in der Knesset, ein Gesetz zu erlassen, das diesem Boykott entgegenwirkt.

Am letzten Montag wurde das „Boykott-Gesetz“ erlassen und ließ einen noch nie da gewesenen Sturm im Lande losbrechen. Schon am Dienstagmorgen reichte Gush Shalom beim Obersten Gerichtshof ein 22-seitiges Gesuch ein, dieses Gesetz zu annullieren.

DAS „BOYKOTT-GESETZ“ ist ein sehr kluges Stück Arbeit. Offensichtlich war es nicht von parlamentarischen Einfallspinseln, die es vorstellten, ausgearbeitet worden, sondern von einigen sehr juristischen Köpfen durchdacht, die wahrscheinlich von Casinobaronen und evangelikalen Verrückten in den USA bezahlt wurden, die die extremen Rechten in Israel unterstützten.

Zunächst ist das Gesetz als Mittel kaschiert, um gegen die Delegitimierung des Staates Israel in aller Welt anzukämpfen. Das Gesetz verbietet alle Boykottaufrufe gegen den Staat Israel, „einschließlich der Gebiete, die unter Israels Kontrolle sind“. Da es kein Dutzend Israelis gibt, die zu einem Boykott des Staates aufrufen, ist es klar, dass der wirkliche und einzige Zweck ist, den Siedlungsboykott zu verbieten.

In seinem ersten Entwurf machte das Gesetz dies zu einer kriminellen Tat. Das würde uns gut passen: wir wären bereit, dafür ins Gefängnis zu gehen. Aber in seiner endgültigen Form verhängt es drakonische Sanktionen – und das ist etwas anderes.

 Nach dem Gesetz kann jeder Siedler, der sich vom Boykott geschädigt fühlt, eine unbegrenzte Kompensation von jeder Person oder Organisation verlangen, die zum Boykott aufruft – ohne dass er den tatsächlichen Schaden beweisen muss. Das bedeutet, dass jeder der 300 000 Siedler Millionen von jedem einzelnen Friedensaktivisten fordern kann, der mit dem Boykottaufruf verbunden ist – womit die ganze Friedensbewegung zerstört wäre.

 WIE WIR in unserem Antrag beim Obersten Gerichtshof hinwiesen, entspricht das Gesetz nicht der Verfassung. Israel hat zwar keine offizielle Verfassung, aber mehrere „Grundgesetze“ werden vom Obersten Gerichtshof als solche angesehen.

 Erstens widerspricht das Gesetz klar dem Grundrecht der freien Meinungsäußerung. Ein Boykottaufruf ist ein legitimer politischer Akt, soviel wie eine Straßendemonstration, ein Manifest oder eine Massenpetition.

Zweitens, das Gesetz widerspricht den Prinzipien der Gleichheit. Das Gesetz wird bei keinem anderen Boykott , der jetzt in Israel praktiziert wird, angewandt: vom religiösen Boykott der Läden, die nicht koscheres Fleisch verkaufen (Poster, die dazu aufrufen, bedecken die Wände in den religiösen Vierteln in Jerusalem und anderswo), bis zu den kürzlichen, sehr erfolgreichen Boykottaufrufen gegen die Produzenten von Hüttenkäse wegen ihres hohen Preises. Der Aufruf von rechten Gruppen, um Künstler zu boykottieren, die nicht in der Armee gedient haben, wird legal sein, die Erklärung der linken Künstler, dass sie nicht in Siedlungen auftreten, wird illegal sein.

Da diese und andere Bestimmungen des Gesetzes klar die Grundgesetze verletzen, veröffentlichte der Rechtsberater der Knesset in einem ungewöhnlichen Schritt seine Meinung, dass das Gesetz nicht verfassungsgemäß sei und den „Kern der Demokratie“ untergrabe. Sogar die oberste juristische Regierungsbehörde, der „Rechtsberater der Regierung“, hat ein Statement veröffentlicht, das besagt, dass das Gesetz „an der Grenze“ von Verfassungswidrigkeit sei. Da er vor den Siedlern tödliche Angst hat, fügte er hinzu, er wolle das Gesetz trotzdem vor Gericht verteidigen. Die Gelegenheit dafür ist nicht fern: Der Oberste Gerichtshof hat ihm 60 Tage Frist gegeben, um auf unsere Petition zu antworten.

EINE KLEINE Gruppe von unbedeutenden Parlamentariern terrorisiert die Mehrheit in der Knesset und kann jedes Gesetz verabschieden. Die Macht der Siedler ist immens, und die Moderaten des rechten Flügels fürchten sich berechtigterweise, dass, wenn sie nicht radikal genug sind, sie vom Likud-Zentralrat, der die Kandidaten der Parteiliste auswählt, nicht wieder gewählt werden. Dies verursacht eine Wettbewerbsdynamik: wer kann am radikalsten erscheinen.

Kein Wunder, dass ein anti-demokratisches Gesetz nach dem anderen folgt: ein Gesetz, das arabische Bürger praktisch aus Orten mit weniger als 400 Familien aussperrt. Ein Gesetz, das Pensionsrechte von früheren Knessetmitgliedern wegnimmt, die sich nicht zu polizeilichen Untersuchungen meldeten ( wie Azmi Bishara). Ein Gesetz, das die Staatsbürgerschaft von Leuten nimmt, denen nachgewiesen wird, sie hätten „Terrorismus unterstützt“. Ein Gesetz, das NGOS verpflichtet, Spenden von ausländischen Regierungsinstituten aufzudecken. Ein Gesetz, das Leute, die in der Armee dienten, für zivile Dienstpositionen bevorzugt; (So werden fast alle arabischen Bürger automatisch ausgeschlossen). Ein Gesetz, das jedes Gedenken an die Nakba 1948 (die Vertreibung der arabischen Einwohner aus den von Israel eroberten Gebieten) verbietet. Eine Erweiterung des Gesetzes, das fast ausschließlich arabischen Bürgern verbietet, einen Partner aus den besetzten Gebieten zu heiraten und mit ihm in Israel zu leben.

 Bald wird ein Gesetz erlassen, das NGOs verbietet, Spenden von mehr als 5000 $ aus dem Ausland anzunehmen, ein Gesetz, das eine Einkommenssteuer von 45% jeder NGO auferlegt, die nicht speziell von der Regierung ausgenommen wird, ein Gesetz, das Universitäten, Schulen und Kindergärten zwingt, bei jeder nur möglichen Gelegenheit die Nationalhymne zu singen; eine Ernennung einer parlamentarischen Untersuchungskommission , um die finanziellen Ressourcen von linken Organisationen zu prüfen.

Über allem anderen lauert die explizite Bedrohung der rechten Fraktionen, den gehassten „liberalen“ Obersten Gerichthof anzugreifen, um ihm sein Recht zu nehmen, die verfassungswidrigen Gesetze zu streichen und die Ernennungen der Richter des Obersten Gerichtes unter Regierungskontrolle zu stellen.

VOR 51 JAHREN, am Vorabend des Eichmannprozesses schrieb ich ein Buch über Nazi-Deutschland. Im letzten Kapitel fragte ich: „Kann dies auch hier geschehen?“

Meine Antwortet lautet immer noch: Ja, es kann.

(Aus dem Englischen: Ellen Rohlfs, vom Verfasser autorisiert)

Uri Avnery | Interview in Haaretz vom 11.07.2011

Interview in Haaretz 11.07.2011


„Uri Avnery, wird das Boykott-Verbotsgesetz Sie dazu bringen, nicht mehr zum Boykott der Siedlungen aufzurufen?“ „Das Boykott-Gesetz verwandelt die Diktatur der Siedler in die Grundlage des israelischen Gesetzes.“
Interview mit Yonatan Lis – Haaretz 11.7.11

Interview mit Yonatan Lis – Haaretz 11.7.11

Uri Avnery, einer von Israels prominentesten linken Aktivisten und der Gründer der Gush Shalom Friedensbewegung, ist einer der lautstärksten Kritiker des sog. „Boykott-Gesetzes“. Dieses Gesetz, das die Unterstützung der Regierung hat, würde verschiedene Sanktionen auf jede Person oder Organisation legen, die öffentlich zu einem wirtschaftlichen, kulturellen und akademischen Boykott Israels im allgemeinen oder der Siedlungen im Besonderen aufruft. Es war für diesen Abend die letzte Billigung in der Knesset angesetzt, obwohl durch ein last-minute Problem die Abstimmung hätte aufgeschoben werden können.

Uri Avnery, wird das Boykott-Gesetz Sie dazubringen, nicht mehr zum Boykott von Waren aus Siedlungen aufzurufen? „Das Boykottgesetz ist ein raffiniertes Gesetz. Es legt nicht kriminelle Sanktionen auf jemanden, der zum Boykott der Siedlungen aufruft. Wenn es dies täte, hätten wir nicht das geringste Problem; wir würden ins Gefängnis gehen. Stattdessen verurteilt das Gesetz jeden, der zum Boykott aufruft, zu einer Geldstrafe von Millionen Schekel als Kompensation für die Siedler.

„Es gibt keine Grenze für die Summe, die die Siedler von uns als Kompensation für den Schaden verlangen können, ohne die Höhe des Schadens beweisen zu müssen. Wenn ich zum Boykott eines Produktes von Yitzhar aufrufen würde, dann könnte jeder Einwohner Millionen Schekel als Kompensation verlangen. Das könnte bis zu astronomischen Summen steigen. Ich denke, dass dieser Schritt irgendwo auf der Welt einen Präzedenzfall hat.“

Falls es so ist, fürchten Sie Auswirkungen des Gesetzes auf Proteste gegen die Existenz der Siedlungen?

„Dieses Gesetz macht eindeutig klar, dass nicht Israel die Kontrolle über die Siedlungen hat, sondern die Siedlungen Israel kontrollieren. Wie kann man dieses Gesetz nicht fürchten. Wir müssen uns mit dieser Sache auseinandersetzen und wie wir dagegen opponieren können.

„Dies ist das drakonischste Gesetz in der Geschichte Israels. Offensichtlich bin ich davon betroffen. Es ist kein demonstratives Gesetz ohne Inhalt. Es ist ein bedeutendes Gesetz, das die Diktatur der Siedler zur Basis des israelischen Gesetzes macht.“

Aber vielleicht ist das Verhängen eines Boykotts ein problematisches und gefährliches Mittel?

Vielleicht sollte der Kampf es nicht darauf absehen, den Unterhalt der Siedler und ihr kulturelles Leben zu schädigen?

„ Es gibt täglich Dutzende von Boykotts in Israel. Die Religiösen verhängen Boykotts auf nicht-koschere Läden. Nach ihrer Ansicht ist das vollkommen in Ordnung. Niemand kann sie zwingen, in Läden zu kaufen, die Schweinefleisch verkaufen oder sie daran hindern, den Boykott auf Postern in den Straßen zu verkünden.

„Vegetarier können Läden boykottieren, die Fleisch verkaufen. Die Säkularen können die Religiösen, die sie nicht mögen, boykottieren. Die Religiösen (die Ultra-Orthodoxen) boykottieren Buslinien, die Männer nicht von Frauen trennen. Die Liste ist endlos.

„Wir alle haben einmal Produkte aus Südafrika boykottiert. Wir boykottierten die Sowjetunion, als sie die Juden nicht ausreisen lassen wollte. 1933 boykottierten alle Juden die Produkte von Nazi-Deutschland. Nur ein Boykott ist verboten worden – ein Boykott gegen die Siedlungen. Sie sind heiliger als alle anderen Heiligen. Wir haben hier ein Monster geschaffen.

„Sie und ich finanzieren die Errichtung der Siedlungen mit unsern Steuern. Mit unsern Steuergeldern schützt die IDF diese Siedlungen. Mit unsern Steuergeldern wird die Infrastruktur für Wasser, Strom und Straßen in jeden abgelegenen Außenposten gebaut. Und nun sehen wir, dass die Siedler den Staat übernommen haben.“

Dieses Gesetz verbietet Boykotts gegen den Staat Israel im allgemeinen und als ein Teil davon Boykotts gegen die Siedlungen. Aber Sie haben starke Kritik nur hinsichtlich der Verfügung hinsichtlich Boykotts gegen die Siedlungen ausgesprochen.

„Der Grund für dieses Gesetz sind Boykotts gegen die Siedlungen – der ganze Rest ist nur Dekoration. Die Artikel, die sich auf den ganzen Staat Israel beziehen, können nicht erfüllt werden und sind dumm.

„Die Tatsache, dass das Gesetz entworfen wurde, um die Boykotts der Siedlungen zu verhindern, wurde ausdrücklich während einer Diskussion um diese Sache von dem Knessetkomitee Gesetz und Gerechtigkeit festgestellt, dem David Rotem vorsteht. Keiner hat hier versucht, etwas zu verbergen.

„Was die Boykotts gegenüber dem Staat Israel betrifft, so sind wir dagegen. Ich bin dagegen. Ich habe in Dutzenden von Vorträgen und Reden dagegen gekämpft, die ich im Ausland hielt.“

Das Gesetz ruft nicht dazu auf, Bürger zu bestrafen, die am Boykott teilnehmen; nur die, die öffentlich dazu aufrufen, ihn auszuführen. Im Prinzip würde keiner etwas zu Israels Bürgern sagen, die sich z.B. entscheiden, keine Produkte aus den Siedlungen zu kaufen.

„Das ist vollkommen klar. Das Gesetz bedroht nicht Leute, die den Boykott ausführen, sondern nur diejenigen, die zum Boykott aufrufen. Aber zum Boykott aufrufen, ist wie ein anderes Statement in einem demokratischen Land; es ist ein elementarer Akt politischen und demokratischen Ausdrucks.

„In Amerika boykottierten sie während der Bürgerrechtsbewegung Tausende von Geschäften,

die die Schwarzen diskriminierten. Ist es denkbar, dass irgendeiner jemanden strafen würde, der zu einem Boykott dieser Art aufruft? Bis vor noch nicht langer Zeit gab es in den USA Hunderte von Klubs, die nicht von Juden betreten werden durften; und die Juden kündigten einen Boykott gegen sie an. Ist es denkbar, dass jemand dies verhindert haben würde? Das wäre antidemokratisch.

„Dieses Gesetz ist von Grund auf antidemokratisch. Es unterminiert grundsätzlich die Gleichheit: Boykott der einen Art ist erlaubt, während Boykotts von anderer Art verboten sind.“

Der Justizminister hat angekündigt, dass er das Gesetz in seiner jetzigen Version, verteidigen wolle, wenn eine Petition dagegen beim Obersten Gerichtshof eingereicht wird. Wie erklären Sie sich den Widerspruch zwischen seinem Statement und Ihrer Behauptung, dass das Gesetz anti-demokratisch sei?

„Den Siedlern ist es gelungen, das Rechtssystem zu terrorisieren. Es sind die selben Siedler und die Hügeljugend, die wir sahen, wie sie letzte Woche die Straßen wegen der Siedlerrabbiner, die den Mord an nichtjüdischen Babys befürworten, blockierten.

„Uns ist nicht klar, wie schnell wir auf einen Abgrund zugehen – nicht nur auf einen Staat, der vom jüdischen Gesetz regiert wird, sondern einem Staat, der von Rabbinern der Siedler beherrscht wird. Dies ist eine reine Diktatur, und dazu eine rachsüchtige.

„Ich verbrachte die ersten 10 Jahre meines Lebens in Deutschland. Ich sah, wie Hitler zur Macht kam. Es geschah nichts Dramatisches. Es war ein kleiner Schritt.

Als mein Vater einige Monate nachdem das Naziregime zur Macht kam, entschied, Deutschland zu verlassen, sagten ihm alle Verwandten, er sei verrückt. Heute stehen alle ihre Namen auf einem Holocaustdenkmal auf dem Platz jener Stadt (Hannover).

„Wir sind auf einem schnellen Kurs zu einem Regime dieser Art. Mein ganzes Leben fürchtete ich, diese Worte sagen zu müssen. Ich sagte immer: ‚Vergiss es, man kann dieses nicht mit den Nazis vergleichen.’ Das war ein Fehler. Es tut mir leid, dass ich so gesprochen habe.“

Rachel Avnery, 58 Jahre lang Ihre Frau, starb im letzten Mai. Und einen Abend des Erinnerns wird am Mittwoch in Tel Avivs Tzavta Theater sein. In der Einladung schreiben Sie, dass sie ‚eine Partnerin im Kampf’ war.

„Ich wünschte, dies wäre kein Gedenkgottesdienst. Es gab keinen, der ihr begegnete, der nicht von ihrer einzigartigen Persönlichkeit beeindruckt war. Rachel war 28 Jahre lang Lehrerin und lehrte nur in der 1. und 2. Klasse. Hunderte von Kindern waren ihre Schüler, aber nicht einer vergaß sie. Männer in den 40ern halten mich auf der Straße an und Frauen im mittleren Alter und sagen mir: ‚Rachel hat mein Leben verändert.’

„Sie war eine Lebenspartnerin und eine Partnerin im Kampf. Wir waren 58 Jahre lang eine Einheit. Wenn jemand einen Arm verliert, fühlt er weiter, als wäre er noch da. Genau in dieser Situation befinde ich mich. Wenn ich etwas höre, möchte ich schnell zu Rachel eilen und ihr erzählen. Dann muss ich mich erinnern, dass es da niemanden mehr gibt, dem ich erzählen kann. Sie hatte einen sehr, sehr großen Einfluss auf mich.

Rachel wurde nicht beerdigt. Auf ihren Wunsch hin fand eine Feuerbestattung statt und die Asche wurde im Meer verstreut. Deshalb hatten all jene, die sie liebten, keine Gelegenheit, sich von ihr zu verabschieden. Dieser Abend soll ein Lebe-wohl-Abend werden.

(dt. Ellen Rohlfs)